Hate and the City

Wien ist die Welthauptstadt des Suderns und des Grants. Das kann einem schon gewaltig auf die Nerven gehen. Markus Lust hat nun mit »111 Gründe, Wien zu hassen: Die Stadt so, wie sie wirklich ist« der Donaumetropole ein Listicle-Denkmal gesetzt. Eine wohl formulierte und amüsante Häppchen-Tirade, die gleichzeitig Klischees hinterfragt und produziert. Zum Aufwärmen hier schon einmal zwei gute Gründe, Wien zu hassen.

Auszug aus dem Buch »111 Gründe, Wien zu hassen: Die Stadt so, wie sie wirklich ist« von Markus Lust

Weil die Mentalität einem Altenheim gleicht

Hier ein Fun Fact: »Wien« und »nein« unterscheiden sich nur durch einen einzigen Buchstaben. Hätte die Eigenheit in der Wiener Mundart, alles ins Schlechte zu drehen und zu negieren, eine eigene grammatikalische Form (so wie Infinitiv, Indikativ oder Inflektiv), würde sie wahrscheinlich Negativ heißen.

Will der Wiener etwas insgeheim loben, sagt er »Kann man nix dagegen sagen«; meint er ja, sagt er »no na«; nimmt er im Gespräch einen Gedanken auf und will ihn dialogisch ausbauen, sagt er »Nein, jedenfalls …« Die ganze Geisteshaltung ist so stark von Verneinung geprägt, dass man sich die Zustimmung in Wien ausschließlich für die Fälle vorbehält, in denen man es nicht wirklich so meint. »Ja eh« heißt: Lass mich damit in Ruhe; »Sicher« heißt: Soweit kommt’s noch und »Küss die Hand« heißt: Leck mich am Arsch (gnädige Frau).

Im Grunde sind die nächsten direkten Verwandten der Wiener in der demografischen Boomer-Gruppe der Über-60-Jährigen zu finden – also den Leuten, die früher mal Senioren oder in Wien Pensionisten hießen, die man heute aber nicht mehr so nennt, weil das ihrem spätblühenden Naturell nicht mehr gerecht wird. Insofern empfehle ich jedem Wien-Urlauber vor seinem Besuch in der Stadt einen Abstecher ins nächstbeste Altenheim, um sich mentalitätsmäßig vorzubereiten: Alte Leute jammern, weil jeder Tag gleich ist, aber planen sofort den Aufstand, wenn das Mittagessen nicht pünktlich um 11.30 Uhr vor ihnen steht; sie beklagen sich über die Hitze, weil sie die in der Hüfte spüren und deshalb nicht spazieren gehen können, obwohl sie bei dem schwülen Wetter sowieso nicht das Haus verlassen würden; und egal, von welcher Reise man ihnen erzählt oder welchen fremden Ort sie im Fernsehen sehen, wird ihre erste interessierte Gegenfrage immer sein »Und, ist es dort sehr gefährlich?«, direkt gefolgt von einem »Naja, wo ist es heute schon noch sicher«. Wie alle (geistig) alten Menschen will auch der gemeine Wiener nicht hören, dass er ständig nur raunzt und begegnet entsprechenden Anschuldigungen gern mit der Bemerkung »Entschuldigung, aber ich bin eben Realist« – dem internationalen Erkennungszeichen aller Pessimisten, die mit Stolz die Realität der Optimisten ignorieren, seit der erste Mensch ein Glas genau bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt hat. Den Wiener mit netten Worten und guten Gedanken von seiner geriatrischen Düsternis abzubringen, fällt fast schon unter Sterbehilfe und ist daher illegal.

Weil Knausrigkeit hier eine Tugend ist

Zum Konzept von Trinkgeld gibt es mindestens so viele Ansichten wie es beim Bezahlen Möglichkeiten gibt, aufzurunden. Einige geben immer genau zehn Prozent, weil es angeblich einfacher zu rechnen ist, andere gehen in absoluten Zahlen nie über zehn Euro hinaus, auch wenn die Rechnung vielleicht 239,90 ausmacht. Einige meinen, es sei in Amerika viel gerechtfertigter als bei uns in Europa, weil Menschen in der Gastronomie dort ja weit weniger Grundgehalt beziehen (lustigerweise sind das nur sehr selten Menschen, die selbst jemals in der Gastronomie gearbeitet haben). Andere geben sehr gerne Trinkgeld und tun das dann auch sehr laut, um für ihr Geld wenigstens ein bisschen gutmenschliche Gegenleistung in der Form von Anerkennung zu bekommen (weil die Bedienung durch einen Studenten, der am Ende des Monats Ketchup-Brot diniert, vermutlich nicht Befriedigung genug ist). Manchmal taucht auch das Gerücht auf, das englische Wort für Trinkgeld, »Tip«, sei eigentlich eine Abkürzung für »To insure promptness«, was damit zu tun habe, dass das Trinkgeld früher ja vor der Bestellung auf den Tisch gelegt wurde, um, naja, eben promtpness to insuren. Das ist zwar faktisch falsch und die Trinkgeldtradition kommt, vielleicht überraschenderweise, auch gar nicht aus dem neoliberalen Amerika, sondern ist direkt hier bei uns in Europa entstanden. Aber das ist natürlich alles gar nicht der Punkt. Das Schöne an all diesen unterschiedlichen Ansichten ist, dass man sie in Wien gerne ausgerechnet dann diskutiert, wenn es ans Bezahlen geht, um später so tun zu können, als hätte man den Moment verpasst, in dem der Kellner fragend Blickkontakt gesucht und schließlich auf den Cent genau herausgegeben hat.

Dem Wiener ist nichts zu billig, um sich vor Trinkgeld zu drücken. In Momenten des Zahlens mutiert er zum Sitcom-Charakter und flüchtet aufs WC, flüstert den Betrag zur Seite oder fingert an 30 bronzefarbenen Münzen herum, um wie beim Kauf der Sonntagszeitung mit der Geräuschkulisse über den Geldbetrag hinwegzutäuschen. Als ich vor Kurzem in der Wiener Filiale des legendären »Leberkas Pepi« war, bestellte ein Mann vor mir circa zehn Semmeln und ließ sich seine Rechnung von 14,93 Euro auf 15 Euro aufrunden. Wie sein Versace-Polo mit aufgestelltem Kragen verriet, war er finanziell eindeutig besser aufgestellt als geschmacklich – aber am hässlichsten war nicht sein Look zwischen Geissens und Golfplatz, sondern seine Gier. Ein anderes Mal sah ich in der noblen Einkaufsgegend am Wiener Graben eine Frau, die auf einen Spendenaufruf für Tiere reagierte, als wäre ihr eine Wespe ins Gesicht geflogen und unter panischem Wedeln im Tonfall einer Dame, der gerade horizontaler Broterwerb unterstellt wurde, rief: »Spenden? Ich? Jetzt reicht’s aber!« Denn so sehr Wiener den Anspruch leben, so wenig lassen sie sich umgekehrt in die Verantwortung nehmen, solange es nicht Pflicht ist. Es ist diese kleinkarierte Knausrigkeit, mit der Wien immer wieder zeigt, dass seine Bewohner einer Großstadt unwürdig sind. Diese Gier vor dem eigenen Verlust und die Angst vor dem Gewinn des anderen ist eine Eigenschaft, die sich nur Städte ohne jegliches Bewusstsein für das große Ganze leisten können. Städte, die allein dadurch geistig wieder in Dörfer zerfallen.

Weiter zum Interview mit Markus Lust


Markus Lust (34) ist Chefredakteur von Vice Alps. Er lebt seit 15 Jahren in Wien und studierte Theater-, Film- und Medienwissenschaften. Nebenbei sammelte Lust, ein anerkannter Wrestling-Experte, auch fleißig Agenturerfahrungen. »111 Gründe, Wien zu hassen: Die Stadt so, wie sie wirklich ist« (Schwarzkopf & Schwarzkopf) ist sein erstes Buch und erscheint am 1. Oktober. Grund genug, dem Autor einige dumme Fragen zu stellen, die er vielleicht demnächst öfters hören wird und zu hassen lernt.

Du hast 111 Gründe angeführt, Wien zu hassen. Hat es mit der Zahl eine Bewandtnis?

Bei meinen 111 Gründen ist der Grund, dass es da ein anderes, viel klassischeres Buch mit einem ähnlichen Titel gibt – nämlich »111 Orte in Wien, die man gesehen haben muss«. Außerdem mag ich die Vorstellung, ein Listicle zu machen, das so absurd lang ist, dass bei BuzzFeed alle Gehirne platzen.

Wenn du Wien so hasst, warum gehst du dann nicht zurück nach Linz, wo du herkommst?

Das ist natürlich ein gern gebrachtes Argument der Rechten in unserem Land: »Wem es bei uns nicht passt, der kann ja gehen.« Daraus spricht ein bisschen die Hoffnung, dass irgendwann nur noch Gleichgesinnte übrigbleiben und man sich diese lästige Sache mit der Demokratie und der Diskussionskultur endlich sparen kann. Wie absurd das ist, sieht man erst, wenn man es umdreht und sagt: »Wem es nicht passt, dass manchen Leuten etwas nicht passt, der kann ja gehen.« Aber um ganz ehrlich zu sein: Ich bin in Wien, weil Linz noch schlimmer ist.

Die Welt geht über vor Hass. Wieso wählt man dann eigentlich so einen Buchtitel? Ist unterm Strich alles nur eine paradoxe Intervention und Liebeserklärung?

So paradox ist das gar nicht. Man kann einfach kein Buch über Wien und seine Einwohner schreiben, ohne dasselbe zu tun wie sie: nämlich sudern und sich über alles beschweren. Auf gewisse Art ist das Buch ein Ventil, damit Wiener auch mal wieder Wienbefürworter sein können, ohne aus ihrer Grant-Rolle zu fallen.

Kriegst du auch 111 Gründe zusammen, Wien zu lieben?

Mit ein bisschen nachdenken bestimmt. Das Einzige, was ich nicht schaffen würde, wären »111 Gründe, warum einem Wien egal sein sollte«.

Wien findet sich in diesen merkwürdigen Rankings der lebenswertesten Städte immer ganz vorne. Ist das nicht Jammern auf hohem Niveau?

Genau diese Rankings sind übrigens einer der 111 Gründe im Buch. Immer, wenn irgendein Personalunternehmen wieder behauptet, Wien wäre die beste Stadt der Welt – weil irgendwelche Expats hier gut shoppen und schön wohnen können –, werden die einheimischen Medien alle zu Fanboys und Fangirls und machen sich brav zum PR-Sprachrohr von Mercer und Co. Wenn man sich aber zum Beispiel internationale Rankings zu Glück oder Zufriedenheit anschaut, ist Wien meistens nicht mal unter den Top Ten.

Bild(er) © Philipp Jelenska, Stefanie Katzenberger, Schwarzkopf&Schwarzkopf
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