Ich seh, ich seh die Kinderheilanstalt Lilienfeld

Spätestens seit dem Hype um das Sanatorium Feichtenbach im Wienerwald pilgern Neugierige zu Ruinen vergessener Orte. Auf der Suche nach Zeitrelikten, paranormalen Aktivitäten und einem Adrenalinrausch darf die Kinderheilanstalt Lilienfeld nicht fehlen.

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Etwas über eine Stunde Autofahrt von Wien entfernt, liegt der verschlafene Ort Lilienfeld. Umringt von Hügeln, Wäldern und Natur ist die 3000 Seelengemeinde heute gezeichnet von der Landflucht. Verlassene Bauernhäuser und leerstehende Fabrikshallen zeugen von einer Zeit, in der hier wesentlich mehr Leben stattgefunden haben muss. Lilienfeld ist durch seine Lage südlich von Sankt Pölten kein lokales Zentrum mehr, bietet aber ein idyllisches Naturspektakel.
Zutritt: verboten

 

Es war auch genau jener Grund warum Ärzte und Behörden knapp vor dem 1. Weltkrieg beschlossen, hier ein Kinderspital zu errichten. Zu dieser Zeit war das Gebäude durch eine Nebenstraße bis vor die Eingangstüre gut erreichbar. Heute führt nur mehr ein abgeschiedener Wanderweg serpentinenartig auf die Anhöhe. Im stetigen Bergauf schlängelt sich der Schotterpfad neben einem rauschenden Bach einige hundert Meter. Durch die Baumkronen blitzen von der Ferne ein Stück des kaputten Dachstuhls und die grünen Holzrahmen der oberen Fenster. Bis auf wenige Gebrechen steht das Haus unverändert auf derselben Lichtung. Die verglaste Verandafront und die hohen Fenstersimse sind in ihrer Zeit scheinbar still gestanden. Am Fuße des Weges sind Stacheldrahtzäune und Warnschilder angebracht.

Sie zeigen, dass man hier nicht willkommen ist. Zu viel ist passiert und zu viele Leute sind in den vergangenen Jahren in das Haus eingestiegen, um sich von der Legende selbst ein Bild zu machen. Manche von ihnen berichten von abstrusen Räumlichkeiten, andere von unerklärlichen Phänomenen. Die Bewohner der Gegend kennen sie schon, die Neugierigen, die von überall her pilgern und nur für eins gekommen sind: Sie suchen nach Kinderknochen.

Ein Haus, viele Bewohner
Es ist fast so, als ob das Haus über den gesamten Ort wacht. Ganz oben auf dem Hügel thronend, erkennt man schon von Weitem die abgebröckelte Fassade und die eingeschlagenen Fensterscheiben. Doch im Jahr 1914 war der Anstrich noch ganz frisch. Durch eine großzügige Spende des k.u.k Hof- und Kammerlieferant C. M. Frank wurde der Bau des Krankenhauses ermöglicht. Bis zu den 70iger Jahren war es auch als C.M. Frank Stiftung oder das Franksche Kinderkrankenhaus bekannt und arbeitete jahrelang eng mit dem Wilhelminenspital zusammen.

Das Haus selbst ähnelt im Baustil einer großen, ländlichen Villa und sollte absichtlich nicht dem Flair eines Krankenhauses entsprechen. Die Patienten litten in erster Linie an Atemwegserkrankungen und waren vom Kleinkindalter bis hin zum 16. Lebensjahr auf Krankenkassen-Basis hier untergebracht. Auch Tuberkulose, Keuchhusten oder Asthma wurden in verschiedenen Teilen des Gebäudes behandelt. Neben einem Isolationstrakt gab es auch spezielle Maßnahmen in Form von Liegekuren, Quarzlampen für die Lichttherapie, ein Laboratorium und einen kleinen Operationssaal. Die Kinder, die an chronischen Krankheiten litten, wurden nach damaligen Standards mit Ernährungstherapie, Abhärtungsprozeduren, und hygienischer Erziehung behandelt. Das Personal bestand hauptsächlich aus Klosterschwestern, ausgebildeten Pflegekräften und Fachärzten.

Nach dem ersten Weltkrieg schlitterte die Franksche Stiftung in eine schwere Krise und konnte nur Dank großzügiger Gläubiger die Inflation überleben. Bis knapp vor Ende des 2. Weltkrieges blieb das Gebäude weiterhin als Kinderspital erhalten und diente um 1945 zuerst als Unterschlupf für die Nazis und dann als Aufenthaltsort für russische Alliierte. Anfang der 70iger Jahre wurde die C.M. Frank Stiftung in die Wiener Städtische Heilanstalt umbenannt und hatte erneut mit Geldproblemen zu kämpfen. Kaum eine Dekade später wurde das Gebäude abrupt geschlossen und steht seitdem verlassen und leer auf dem Hügel in Lilienfeld.

Einmaleins und blutige Nasen
Die Horrorgeschichten und Mythen ranken sich um die Geschehnisse in dem Haus während seiner aktiven Zeit als Kinderspital. Zeitzeugenaussagen ehemaliger Patienten variieren stark. Manche berichten von einem normalen Krankenhausalltag, der auch schulische Aktivitäten wie Deutsch und Mathematik Unterricht beeinhaltete. Andere wiederum tragen von ihrer Zeit in Lilienfeld schwere Traumata und seelische Narben davon. Misshandlungen mit dem klassischen Rohrstab, Ohrfeigen inklusive blutiger Nasen, stundenlages Hockestehen an der Wand und WC-Verbote waren an der Tagesordnung. Manche Kinder kehrten nach ihrem Aufenhalt in Lilienfeld zwar geheilt nach Hause, sprachen allerdings Monate danach kein Wort mehr – zu Tief saß der Schock. Viele Eltern der misshandelten Kinder wussten nichts von den brutalen Erziehungsmethoden und waren im Glauben, dass ihr Kind in den besten Händen gewesen wäre.

Auch der Mythos der vermeintlichen Medikamententests an jungen Patienten lässt sich zwar nicht bestätigen, kursiert aber schon seit Jahrzehnten. Vor allem in Verbindung mit dem Aufenthalt der deutschen Soldaten im 2. Weltkrieg gibt es unzählige Geschichten, die von einem geheimen Nazi-Labor munkeln. Personen, die es gewagt haben in den vergangenen Jahren in das Gebäude einzusteigen, erzählen von bizarren Räumlichkeiten, wie eine Leichenkammer versteckt hinter einem verschiebbaren Bücherregal im Keller, oder vereinzelten Gummizellen in den oberen Stockwerken. Neben Kinderschuhen und Spielsachen, schwören manche bei ihrer Erkundung auch leises Kinderlachen im Haus gehört zu haben.

Bis heute ist nicht ganz geklärt, ob die Schließung des Kinderspitals in den 70iger Jahren tatsächlich monetäre Hintergründe hatte, oder durch eine angebliche Unterschriftenaktion geschädigter Personen veranlasst wurde. Neben Neugierigen sind es auch ehemalige Patienten, die man am Fuße des Hügels antrifft. Für sie ist es weniger die Abenteuerlust die sie in diese Gegend treibt, sondern der Versuch, mit Lilienfeld abzuschließen.

 

Von einem Besuch im ehemaligen Kinderspital Lilienfeld ist prinzipiell abzuraten. Das Haus ist Innen bereits stark verfallen und seit ca. 20 Jahren im Besitz eines ortsansässigen Bauern, der mit Anzeige droht, falls er Fremde auf seinem Grundstück erwischt.

Dieser Artikel ist im Rahmen eines Labors an der FH Wien im Studiengang Journalismus und Medienmanagement entstanden.

 

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