Ich seh, ich seh…

Pflichtfilm oder doch nur überbewertetes Austro-Kino. Der Horror-Psycho-Thriller "Ich seh Ich seh", das Spielfilm-Debüt von Veronika Franz und Severin Fiala, bietet jedenfalls genügend Angriffsfläche und so auch Interpretationsraum in Pro- und Kontra-Richtung. Ein Film, zwei Meinungen.

Ich seh, ich seh…

Nennung durch Nicht-Nennung ist eine kraftvolle, rhetorische Figur. Und man verwendet sie nicht leichtfertig. Wenn das Regie-Gespann Veronika Franz und Severin Fiala für ihr Spielfilmdebüt im Titel "Ich seh Ich seh" darauf zugreifen und gleich eine Leerstelle hinterlassen, die man füllen will und die zu ergänzen ein Kinderspiel ist, wird das eher nicht zufällig passiert sein. So wie die kreative Auslegung orthographischer Gegebenheiten. Was will man dem Publikum auf diesem Weg mitteilen? Dass man nichts dagegen hat, vielleicht schon von Anfang an durchschaut zu werden? Und wenn ja, warum eigentlich?

Eine mögliche Antwort darauf könnte sich wieder im Titel finden – diesmal in dem Teil, der wirklich da steht, gut sichtbar ist: "Ich seh Ich seh". Deppensicher verstärkt durch Doppelung. Geht’s am Ende vielleicht gar um den Akt des Sehens? Um Spiegelungen? Umkehrungen und Vertauschungen? Um ein ständiges Abwägen, was echt und was Projektion ist? Um ein Spiel mit der Wiederholung des Offensichtlichen? Ist ja nicht ganz abwegig, wenn sich Filmschaffende vor dem Horror-Genre verneigen, im Arthouse-Kontext beheimatet sind und einen Psycho-Thriller machen.

Der Blick des Publikums auf das Gezeigte, wie er gelenkt und was suggeriert wird, welchen Schabernack man mit gelernten Erwartungen treibt, ist ja nicht ganz unwesentlich im Kino. Wenn anfangs die Trapp-Familie in friedlicher Eintracht "Guten Abend, gut‘ Nacht" singt, weiß man das wohl als Menetekel zu deuten, dass die Schlafenszeit ein bisschen in die Ewigkeit führen wird und am Familienstammbaum ein paar Zweige absterben.

Franz und Fialas Film ist ein Spiel mit Konventionen. Die werden weniger hinterfragt, sondern mehr ignoriert, davor aber in schrecklich schönen Bildern eingefangen. Das reicht, um gegenwärtig schon gegen den Strich gebürstet zu wirken. Auch weil alles als wortkarges Psychokammerspiel angelegt ist und die Punchline weitgehend dem Inhalt entspricht: Mutter (Susanne Wuest) kehrt einbandagiert von einer Gesichts-OP heim und ist für ihre Zwillingssöhne (Lukas und Elias Schwarz) nicht mehr wiederzuerkennen. Hier sprechen die Bilder von Kameramann Martin Gschlacht und die werden zu einer Foto-Orgie, die das Unheimliche im Bekannten abfilmt und sukzessive das Heimliche im Unbekannten ausbrechen lässt.

Der alltägliche Horror ist banal

Die Landidylle im Sommer zwischen Kukuruzfeld und Badeteich verströmt permanent Kühle und Bedrohlichkeit. Die transparente Designer-Hütte am Waldrand, in der das Drama seinen Lauf nimmt, schreit aus jedem Winkel ihre seelenlose Sterilität in die Welt. Blanker Schöner wohnen-Horror. Sicher, das hat man schon öfters gesehen. Nicht selten im österreichischen Film der letzten Jahre. Unter der Oberfläche Verkommenheit.

Und ja, der Film streift auch manchmal bei Ulrich Seidl an. Ist jetzt aber auch kein Wunder, Veronika Franz ist seine Frau, die seit Jahren mit ihm arbeitet, Severin Fiala sein Neffe, und die machen Andeutungen, Vermutungen, Misstrauen, Verdächtigungen, Argwohn zum dramaturgischen Motor ihrer Story.

Bis die letzte Zelle im Familiengeflecht vergiftet ist, braucht es Zeit und dementsprechend langsam entfaltet sich auch die Dramaturgie – ins Stottern gerät sie aber nie. Dafür sorgen auch die pointiert gesetzten Schockmomente. Was letztlich aber stärker nachhallt, sind die kleinen Unscheinbarkeiten und Details im Verhalten der Figuren, an die man sich wieder nach und nach erinnert, nachdem das Drama banal aufgelöst worden ist. Das geht sich aus – auch weil die größten Tragödien, Dramen und Skandale immer auf ärgsten Banalitäten fußen. Das ist der Horror der Wirklichkeit.

(Manfred Gram)

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