In der Ironiefalle?

Tulga Beyerle hat in Köln eine Ausstellung kuratiert, die sich mit romantischen Tendenzen im zeitgenössischen Design auseinandersetzt.

Die Designgeschichte hat´s schon mehrmals gezeigt: Auf besonders puristische Zeiten folgen regelmäßig Gegenreaktionen. Die Moderne der Zwischenkriegszeit (Stichwort: Bauhaus) hat eine Maschinenästhetik ins Privatleben gebracht, gegen die nach dem Krieg immer wieder rebelliert wurde. In den 60er Jahren etwa mit neuen Farben und Formen, die durch die Verwendung von Kunststoff möglich wurden und die politischen Umwälzungen gleichsam ins Wohnzimmer brachten, nach dem Motto: Befreien wir uns von den Zwängen. In den 80er Jahren war es wiederum die Postmoderne, die in Architektur und Design mit den strengen Formen und Normen aufräumte und das Spiel mit Versatzstücken derart auf die Spitze trieb, dass manchen Menschen noch heute ein Schauer über den Rücken läuft, wenn sie Möbel von Memphis Design sehen.

Heute wiederum empfinden viele Unbehagen vor lauter Coolness und technoidem Ambiente, sei es am Arbeitsplatz, im Restaurant oder zu Hause. Daher ist es nicht verwunderlich, dass seit einigen Jahren die radikale Sachlichkeit der Loft-Ära zurückgedrängt wird und es wieder allerorten „menschelt“. Im alpinen Wellnesshotel findet man Hirschgeweih und Filzpatschen, in Wiener Altbauwohnungen boomt der französische Landhausstil, man bastelt wieder goldenen Weihnachtsschmuck oder streicht die Kredenz von der Oma in Rosa. Manchmal ungehemmt, manchmal mit ironischem Augenzwinkern – wir wollen uns ja nicht Blöße geben, kitschig zu sein.

Schon vor zehn Jahren hat die Designbranche das Bedürfnis nach Wärme, Wolle und Individualität gespürt und – mal mehr, mal weniger subtil – darauf reagiert. Der Untertitel der Ausstellung „Isn´t it romantic?“, die bis 21. April im Kölner Museum für angewandte Kunst zu sehen ist, bringt die Sache auf den Punkt: „Zeitgenössisches Design zwischen Poesie und Provokation“. Die Kuratorin Tulga Beyerle, bekannt als eine der Direktorinnen der Vienna Design Week, meint dazu: „Im Gegensatz zu den Positionen des Designs in den 60er und 80er Jahren ist die aktuelle Bewegung weniger radikal oder politisch. Romantische Tendenzen zeigen sich unter anderem an Mustern, Materialien und Verarbeitungsmethoden, aber auch Konzepten, die poetische, ironische und sogar abgründige Prinzipien der Romantik aufgreifen und neu interpretieren.“ Im Vergleich zum DIY- und Recyclingdesign nimmt sich das „romantische“ Design tatsächlich meist politisch harmlos aus, doch es ist als Gradmesser für die allgemeine gesellschaftliche Befindlichkeit wesentlich aussagekräftiger als jene radikaleren Ansätze, die von einer kleinen Minderheit getragen werden. Ein Blick auf die Ausstellungsobjekte – von industriell bis konzeptuell – verrät uns vielleicht mehr über uns, als uns lieb ist.

"Isn´t it romantic? Zeitgenössisches Design zwischen Poesie und Provokation" ist bis 21. April im Museum für angewandte Kunst Köln zu sehen.

Ein Katalog zur Ausstellung ist bei Walther König erschienen.

Bild(er) © Porzellan Manufaktur Nymphenburg/Studio Makkink & Bey/Swarovski Crystal Palace Collection
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