Indie Disco Inferno auf zwei Floors

Die Szene in Wien floriert. Doch neben den großen Locations wird nach wie vor in kleinen Clubs, in den Beisln und Pubs der Hauptstadt gefeiert. Doch tut sich da irgendwas? Genau hier fragen wir nach. Heute bei Luis vom B72.

Das B72 in den Wiener Gürtelbögen ist Anlaufstelle für Indielappen und Rockergören. Doch selbst Metal, Punk, Hip-Hop und Electro Artists verlaufen sich ins B72. Kurz gesagt, im B72 findet man so gut wie alle alternativen Musikstile, oftmals lang bevor sie bei der Masse angekommen sind. So vielfältig wie das Programm ist auch die Getränkekarte und die Liste der unvergesslichen Momente, die man im B72 selbst erlebt oder erzählt bekommen hat.

Trotzdem gibt es immer wieder Kritiker, die das B72 zu voll finden, das Publikum zu jung oder gar glauben früher war alles besser und der Gürtel stirbt. Doch nicht mal ein eingeleitetes Insolvenzfahren lässt das Indie Disco Inferno im B72 erlöschen. Und das ist auch gut so. Doch wir haben genauer nachgefragt und Luis vom B72 hat uns ein paar Antworten gegeben.

Das B72 hat mittlerweile vor 17 Jahren seine Pforten geöffnet. Was weißt du über diese Zeit? Hat sich das Lokal seit der Eröffnung viel verändert?

Die Zeit ging nicht spurlos vorüber, aber das B72 ist seinen Wurzeln treu geblieben. Es spielen noch immer Bands, die wir selber gern hören und am Wochenende läuft die Musik die wir uns von DJs wünschen würden. Technisch hat sich natürlich viel geändert in den letzten Jahren, da legen wir aber auch größten Wert drauf, dass wir up to date bleiben. Aber der Spirit ist nach wie vor unverändert.

Wie sehr hinkt in deinen Augen der ewige Vergleich mit dem Chelsea?

Chelsea und B72 sind zwei Clubs mit einer gemeinsamen Geschichte aber doch zwei unterschiedlichen Ausrichtungen. Diese ganze Fußball-Sache findet bei uns so gut wie nicht statt, und aufgrund der geringeren Größe und der Galerie sind Konzerte ein noch intensiveres Erlebnis als im Chelsea. Das Verhältnis zwischen beiden Clubs ist von jeher ausgezeichnet, wir ergänzen uns auch gemeinsam mit dem elektronisch angehauchtem Rhiz ausgesprochen gut und nehmen uns da gegenseitig nichts weg.

Jedes Mal wenn ich ins B72 gehe, schaue ich mir das Monatsprogramm an und merke, dass ich fast nichts aus dem Programm kenne. Seid ihr Spezialisten für Nischenmusik oder bin ich über die Jahre hinweg einfach ignorant geworden?

Wohl zweiteres. Nein, Scherz beiseite, bei uns spielen viele Bands die noch ein Nischenthema sind aber eventuell grad auf dem Sprung zu etwas richtig Großem. Cro stand auf unserer Bühne, zwei Wochen später performte er bei Wetten Dass. Bei Kraftklub oder Bildberbuch war es ähnlich. Kensington füllen in Holland Fußballstadien, bei uns sind sie noch ein unbeschriebenes Blatt. Kontra K, The Districts, die Liste ließe sich wohl ewig fortsetzen. Insofern zahlt es sich schon aus sich ein wenig auf unseren Geschmack zu verlassen, man entdeckt dabei oft musikalische Perlen, bevor sie der Massenmarkt entdeckt. Und darauf sind wir sehr stolz.

Wie würdest du denn euer Programm deinen Großeltern beschreiben?

Ich verwende gern den Begriff "FM4 Musik". Mit dieser Definition könnte sie zwar genauso wenig anfangen, allerdings ist unser Programm innerhalb des Alternativ-Sektors sehr breit gefächert, entsprechend schwerfällt hier eine klare Einschränkung. Von Indie-Rock, Elektro, über Singer/Songwriter bis hin zu ausgewählten Hip-Hop Acts ist alles dabei.

Bei Fremdveranstaltungen wie dem Club No-Label, der WannaPlayVienna-Night oder der Enemy-Night spielen ja regelmäßig junge, österreichische Künstler im B72. Wie sehr lebt das B72 selbst den "Support Your Scene"-Gedanken?

Wir sind ein ganz großer Fan der heimischen Musikszene und freuen uns sehr, wenn wir von vielen als eine Art verlängertes Wohnzimmer wahrgenommen werden. Uns ist sehr wichtig Bands eine Plattform zu bieten und weg von diesem Pay-for-Play Gedanken zu kommen, der bei vielen Clubs leider Usus ist, teilweise aus verständlichen Gründen. Jedes Jahr spielen über 200 heimische Acts auf unserer Bühne, das ist schon eine beachtliche Zahl. Und wir sind Veranstaltern wie enemy.at, wannaplayvienna oder dem Club Nolabel sehr dankbar dass sie ihre Konzertreihe bei uns veranstalten und auch wir wieder neue Bands entdecken können.

Wenn gerade kein Konzert gebucht ist, schmückt sich euer Programm mit Indie-Clubs und Ähnlichem. Laufen Clubveranstaltungen besser als Konzerte?

Das B72 ist eine Konzertlocation und außerhalb der Wochenenden ist es schwierig einen Indieklub zu etablieren, zu dem die Leute auch unter der Woche zum Feiern kommen. Wir probieren hier viele Ansätze, auch mit unterschiedlichem musikalischen Background.

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