»Ein liebevolles Auge auf den Irrsinn der anderen« – Nehle Dick im Gespräch zu »Radio Goo Goo«

In »Radio Goo Goo« steht der Untergang der Menschheit fest – mit Datum und Uhrzeit –, aber niemand gerät in Panik. Im Interview erzählt Regisseurin Nehle Dick, was sie an dieser unaufgeregten Endzeiterzählung so gereizt hat, welche neuen Bedeutungen Fürsorge und Gemeinschaft in der verbleibenden Zeit bekommen und wie Radio zum wichtigsten verbindenden Medium wird.

© Apollonia T. Bitzan

Du hast »Radio Goo Goo« schon im »Drama Lab« der Wiener Wortstaetten kennengelernt und begleitet. Was hat dich damals daran begeistert?

Nehle Dick: Ganz am Anfang war das Stück natürlich noch nicht so, wie man es jetzt sehen wird. Es hat viele Etappen durchlaufen. Aber die grundlegende Setzung, die von Beginn an da war, mochte ich immer schon sehr gerne. Nämlich, dass etwas ganz Großes behauptet wird: Der Untergang der Menschheit findet zu einem bestimmten Datum, zu einer bekannten Stunde statt und alle Akteur*innen gehen damit sehr unaufgeregt um, weil es eine zwanzigjährige Zeitspanne ist, die da vorgegeben wird. In dieser Zeit findet viel Warten statt.

Was interessiert dich an diesem Umgang mit dem Untergang?

Es ist eine Endzeiterzählung ohne wilden Hollywood-Aktionismus. Normalerweise gibt es in solchen Szenarien immer eine große Aufgeregtheit, ein verzweifeltes Dagegen-Ankämpfen sowie den Versuch, auf den letzten Drücker noch alles herumzureißen. In unserer Setzung ist von Anfang an klar, dass so etwas nicht passieren wird. Die Frage ist vielmehr: Was macht man mit der verbleibenden Zeit? Das hat mir als Sujet sofort gefallen – auch, weil hier etwas Enormes verhandelt wird, das gleichzeitig sprachlich ganz leichtfüßig daherkommt.

Welche Rolle spielt Arbeit in diesem Endzeitszenario?

Wir begleiten eine Radioredakteurin, die sich vorgenommen hat, bis zum Schluss zu senden. In dieser Zeit interviewt sie unterschiedliche Menschen, die noch einer beruflichen Tätigkeit nachgehen, die sich einen neuen Beruf erfunden haben, den es jetzt braucht, oder deren Dasein eine Wandlung erfahren hat. Man muss die Zeit irgendwie überbrücken und man will noch etwas tun. Mich hat angesprochen, dass die Figuren nicht aufhören wollen zu arbeiten. Es gibt ja oft die Unterstellung, Menschen seien faul und wollten am liebsten nicht arbeiten. Ich glaube eher, dass viele Menschen adäquat beschäftigt sein möchten. In diesem Endzeitszenario bekommen diese Beschäftigungen eine andere Bedeutung. Gleichzeitig werden tiefgreifende philosophische Fragen behandelt – aber fast nebenbei.

Was hat dir an der Zusammenarbeit mit der Autorin und am Entwicklungsprozess besonders gefallen?

Judith Humer hat zahlreiche Szenen geschrieben, die dann für diese Fassung wieder gekürzt wurden. Für mich als Regisseurin ist es ein großer Luxus, auf so viel Material zurückgreifen zu können. Normalerweise arbeitet man bei einer Uraufführung mit dem finalen Text, und wenn man Glück hat, gibt es ein Zwiegespräch mit der Autorin. Hier konnte ich viele Zwischenetappen mitdenken, und die Überlegungen von Judith Humer sind sehr präsent. So zu arbeiten ist wirklich schön – und eher ungewöhnlich. Das hatte ich in dieser Form noch nie.

Nehle Dick (Bild: Milla Böhm)

Du arbeitest regelmäßig mit zeitgenössischen Autor*innen. Was reizt dich grundsätzlich an neuen Texten?

Ich habe in den letzten Jahren viel mit Stückentwicklungen gearbeitet. Dabei war mir wichtig, einen authentischen Ton der Mitstreiter*innen in die Texte zu bringen, etwas Direktes. Gleichzeitig merke ich gerade, wie sehr ich mich freue, wieder eine Geschichte erzählen zu können. Das klingt banal, weil man im Theater ja grundsätzlich von Geschichten ausgeht, aber ich finde, diese stehen nicht immer im Vordergrund. Oft gibt es den Wunsch aufzurütteln oder aufzuklären – was völlig legitim ist –, aber derzeit habe ich das Bedürfnis, wieder stärker erzählerisch zu arbeiten, ohne die Anbindung an die Gegenwart zu verlieren.

Wann ist für dich klar, dass du ein Stück auf die Bühne bringen möchtest?

Zeitgenössische Texte bieten eine besondere Nähe. Auch weil ich selbst hin und wieder schreibe und mich diese Prozesse interessieren: Wie geht man an einen Text heran? Wie findet man eine Sprache? Wie entsteht etwas? Im besten Fall ist Theater für mich eine Art Koproduktion. Als Regisseurin sucht man sich Stücke nicht immer frei aus, sondern bekommt Impulse von Intendanzen oder künstlerischen Leitungen. Ich habe Theater aber immer als etwas begriffen, das man entwickelt. Ich probe gerne, nehme Anstöße der Darsteller*innen auf und arbeite lieber in offenen Prozessen als rein interpretierend. Bei Klassikern ist man stärker in der Interpretation gefangen. Bei zeitgenössischen Texten hat man einen anderen Raum – auch im Verhältnis zu den eigenen Erfahrungen. Das fühlt sich für mich unmittelbarer an.

Viele Figuren in »Radio Goo Goo« geben sich selbst »Arbeitsaufträge«. Wie hängen diese individuellen Bewältigungsstrategien mit dem kollektiven Ende zusammen?

Das hat mit dem Kollektiv zu tun. Die Figuren wollen einen Beitrag leisten. Es gibt etwa einen Friedhofswärter, dessen Beruf ein Stück weit obsolet geworden ist, weil niemand mehr bestattet werden muss, wenn alle kollektiv sterben. Trotzdem wird er Zeuge eines neuen Umgangs mit Bestattungskultur und überlegt, wie der Ort genutzt werden könnte. Ein anderes Beispiel sind die Gynäkolog*innen einer Geburtenstation, die nicht mehr gebraucht wird, weil die Menschen beschlossen haben, keine Kinder mehr zu bekommen, wenn das Ende der Tage demnächst da ist. Sie bauen einen Geburtskanal, um sich selbst oder etwas anderes zu »gebären«, um das man sich kümmern kann.

Welche Rolle spielen Fürsorge und gegenseitige Rücksicht in dieser Welt?

Die große Frage ist, welchen Wandel unsere gewachsene Kultur durchmacht und wie wir damit umgehen. Kulturelle Praktiken wie Geborenwerden und Bestattung spielen da eine große Rolle. Was passiert mit diesen Praktiken, wenn sich alles verändert? Das hat auch mit einer Form der Unterstützung eines Kollektivs zu tun. Kindergartenpädagog*innen braucht es nicht mehr, also kümmern sie sich um andere Dinge. Es gibt auch einen Busfahrer, der bis zum letzten Tag Bus fahren möchte, weil er darin Sinn findet. Man geht in dieser Welt sehr sorgsam miteinander um. Jede Figur hat ihre eigene Strategie, aber darin steckt auch der Wunsch, hilfreich zu sein und Teil dieses Endes zu sein. Es gibt kein »Jede*r gegen jede*n«, sondern man hat ein liebevolles Auge auf den Irrsinn der anderen.

Ist »Radio Goo Goo« für dich eher eine Dystopie oder eine leise Utopie?

Komischerweise ist es ein Stück weit utopisch. Es gibt etwas Wünschenswertes in dieser Unaufgeregtheit, in dieser Akzeptanz, dass wir als Spezies nur eine Episode sind. Das relativiert unseren Anspruch, die Krone der Schöpfung zu sein, und hat etwas sehr Tröstliches. Der Abend wird, glaube ich, berührend und er wird viele Fragen aufwerfen. Zum Beispiel: Würde man lieber im Kollektiv sterben als individuell? Diese Frage wird im Stück in Nebensätzen abgehandelt, ist aber eigentlich eine riesengroße. Außerdem fällt der Satz »Das Kollektiv kalmiert«, und das ist eben auch eine Qualität von Gemeinschaft. Sie erzeugt nicht nur Aufregung, sondern kann auch beruhigen. Die Autorin hat einen total liebevollen Blick auf die Menschen und beschreibt zugleich eine Endzeit, in der wir uns derzeit vielleicht sogar ein Stück weit befinden. Es kommen keine konkreten Krisenszenarien vor, aber die Anbindung an die Gegenwart ist auf jeden Fall da. Vieles entsteht im Kopf der Zuschauer*innen – auch, weil das Stück eine starke Hörspielebene hat.

»Radio Goo Goo« (Bild: Michael Lindner)

Weil du gerade Hörspiel gesagt hast: Das Hören spielt in der Inszenierung eine zentrale Rolle. Wie habt ihr das auf der Bühne umgesetzt?

Meine Prämisse war von Anfang an: Wenn ich bei einer Aufführung die Augen schließe, muss sie auch als Hörspiel funktionieren. Der Bühnenraum sieht mittlerweile aus wie ein Hörspielstudio. Überall liegen Dinge, mit denen man Geräusche erzeugen kann, fast wie Foley-Artists. Im Text geht es auch darum, Geräusche zu archivieren, die es nicht mehr gibt, wie zum Beispiel Vogelstimmen. Wir proben viel daran, Geräusche selbst herzustellen und möglichst wenig einzuspielen. Auch das Rauschen, die Leerstellen, die das Radio manchmal hat, weil es nicht immer senden kann, versuchen wir wiederzugeben. Wir sehen den Prozess des Radiomachens als theatrale Form: Der Wunsch danach, diese Stille des Wartens zu überbrücken, soll von den Hörer*innen kommen, die gleichzeitig Teil der Hörspiele werden. Auch die vielen Musiknummern werden live gesungen. Und dieser Prozess macht unglaublich viel Spaß – mein Ensemble ist sehr geräusch- und musikfreudig.

Der Titel verweist auf den Queen-Song »Radio Ga Ga«, eine nostalgische Verteidigung des Radios aus den Achtzigern. Welche Bedeutung hat diese Referenz? Warum Radio und nicht etwa Fernsehen?

Der Titel war von Anfang an gesetzt und die Autorin hatte den Song immer im Kopf. Irgendwann entstand die Idee, ihn auch im Stück vorkommen zu lassen, und ich finde sie hat dafür einen sehr schönen Weg gefunden. Radio ist ein Notfallmedium. Spätestens seit Corona und Blackout-Debatten wissen wir: Wenn alles zusammenbricht, bleibt das Radio. Es sendet weiter, ist selbst mit dem alten Kurbelradio im Keller immer zu empfangen. Im Stück funktioniert es wie ein letztes Lagerfeuer. Es verbindet, hält zusammen, schafft ein gemeinsames Hörerlebnis – ein neues Kollektiv – und hat natürlich auch eine nostalgische Dimension. Außerdem funktioniert Hören anders als Sehen. Man kann sich im Raum bewegen, etwas anderes tun und man ist weniger gebunden. Fürs Theater ist das spannender als Fernsehen. Fernsehen hätte zwar funktioniert, aber es wäre weniger theatral. Beim Radio muss man sich Bilder selbst machen – das aktiviert.

Mit welchem Gefühl oder welcher Frage sollte das Publikum aus dem Abend gehen?

Ich glaube, man kann sich das Gefühl ein Stück weit aussuchen – berührt, traurig, seltsam-komisch. Tragik und Komik liegen nah beieinander. Dieser feine Humor gefällt mir sehr. Der Abend wirft viele Fragen auf: Leben wir in dystopischen Zeiten? Gibt es Platz für Utopien? Was soll von uns bleiben? Was archivieren wir als Menschheit? Und vielleicht auch die ganz einfache Frage: Wenn wir wüssten, dass es in zwanzig Jahren vorbei ist, was würden wir tun?

»Radio Goo Goo« unter der Regie von Nehle Dick ist von 12. bis 28. Februar 2026 im Kosmos Theater in Wien zu sehen. Am 19. Februar gibt es vor der Vorstellung ein Einführungsgespräch und am 25. Februar im Anschluss ein Publikumsgespräch.

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