Herkunftshader in der ländlichen Antiidylle – Mika Tacke im Gespräch zu »Fretten« am Kosmos Theater in Wien

Helena Adlers »Fretten« ist von großen Sprach­bildern geprägt und mit enormer Wucht geschrieben. Nun wird der Roman für die Bühne adaptiert – in Laut- und Gebärden­sprache. Dramaturgin Mika Tacke vom Wiener Künstlerinnen­kollektiv Makemake Produktionen spricht im Interview über ländliche Herkunft, der man nicht entkommen kann, und darüber, wie sich Adlers bildhafte Sprache fürs Theater übersetzen lässt.

© Erli Grünzweil

»Fretten« erzählt vom »Leben im Überleben«, von Her­kunft, Mutter­schaft und »Existier­zorn«. Was macht diese Geschichte heute so dringlich?

Mika Tacke: Es ist nicht nur die Geschichte selbst, sondern die Art, wie sie erzählt wird. Helena Adler schreibt in ihrem Roman von einer Lebens­geschichte, die teil­weise grausam und von schlimmen Erfahrungen geprägt ist, und schafft es gleichzeitig eine so große Sprache zu finden. Was den Text besonders relevant macht, ist das Thema Herkunft. Adler beschreibt ein­drücklich, dass man dieser nicht einfach entkommen kann. Diesen »Herkunfts­hader«, wie sie es nennt, kann sie für sich nur über Kunst bearbeiten. Deshalb ist nicht nur das Was, sondern auch das Wie entscheidend. Die Sprache, die sie dafür findet, macht diese Geschichte zu etwas, das wir unbedingt auf die Bühne bringen wollen.

Helena Adlers Roman ist extrem sprachgewaltig und körperlich. Wie setzt ihr das auf der Bühne um?

Wir arbeiten mit zwei Sprachen: Lautsprache und österreichischer Gebärden­sprache (ÖGS), die auf der Bühne gleich­berechtigt neben­einander­stehen. ÖGS ist dabei keine Eins-zu-eins-Übersetzung der Laut­sprache, sondern ein eigen­ständiges Element. Das Stück ist von Anfang an für gehörlose Menschen konzipiert, gleichzeitig macht es aber auch für hörende Menschen eine zusätzliche Ebene auf. Es stehen zwei gehör­lose und zwei hörende Performerinnen auf der Bühne. Makemake ist ein rein hörendes Team, das unter anderem durch ein Awareness-Team, bestehend aus einer gehör­losen und einer hörenden Person, ergänzt wird. Zusätzlich arbeitet unsere Choreografin Martina Rösler mit den Spielerinnen daran, körperliche Bilder mit Bewegungen zu finden. Die Wucht des Textes lässt sich so gut darstellen.

Mika Tacke (Bild: Apollonia Theresa Bitzan)

Musik und Rhythmus spielen in vielen Produktionen eures Kollektivs Makemake eine wichtige Rolle. Welche Funktion hat Sound in »Fretten«?

Sound und Video ergänzen einander und lassen sich eigentlich gar nicht voneinander trennen. Sie helfen dabei, die Stimmung sichtbar zu machen: Drückt etwas von außen ganz schlimm auf mich ein oder breche ich gerade aus etwas aus? Das nimmt auch Raum in der Inszenierung ein. Unsere Schlagzeugerin Catharina Priemer-Humpel ist mit auf der Bühne und macht den Rhythmus – zusammen mit der Videoebene – auch visuell spürbar.

Das Stück arbeitet mit Laut- und Gebärden­sprache, Körpern sowie Schlagzeug und schafft eine »neue, gleich­berechtigte Bühnen­sprache«, so eure Beschreibung. Was kann man sich darunter vorstellen?

Lautsprache kann nicht eins zu eins in Gebärdensprache übersetzt werden. ÖGS ist eine komplett eigene Sprache mit eigener Grammatik und Syntax. Deshalb verbringen wir in Zusammen­arbeit mit dem ÖGS-Team um Pam Eden und Carina Kilinc viel Zeit damit die passenden Bilder und Worte für die Erzählung in Gebärden­sprache zu finden. Gebärden­sprache ist eine sehr konkrete Sprache, in der zum Beispiel sehr selten Metaphern verwendet werden. Das ÖGS-Team hat mit der Verwendung von Spezial­gebärden einen Weg gefunden, sich dem Stil Helena Adlers anzunähern. Auch Musik stellt uns vor Fragen: Musik muss man immer irgendwie übersetzen. Die Heraus­forderung ist dabei, die Musik für die ÖGS-Community erfahrbar zu machen. Wie schaffen wir das? Bei unserer Produktion »Wo ist Wald?« haben wir zum Beispiel mit Mikros gearbeitet, die den Sound mithilfe eines Video-Synthesizers visuell übertragen haben. Bei »Fretten« wird unter anderem durch die physische Präsenz der Schlag­zeugerin auf der Bühne Rhythmus sichtbar gemacht.

Wie hat sich die Integration von Gebärden­sprache auf den Proben­prozess ausgewirkt?

Ich denke, die größte Veränderung ist, dass wir eine zusätzliche Ziel­gruppe mitdenken. Es gibt Theater mit Gebärden­sprache, aber im Vergleich zum Erfahrungs­schatz bezüglich Theater mit Lautsprache ist das Angebot winzig, winzig klein. Deshalb ist der Proben­prozess sehr experimentell. Wir werden ständig mit unseren eigenen Sicht­weisen konfrontiert und hinter­fragen diese stets. Im engen Austausch mit dem ÖGS-Team testen wir aus, wie die beiden Sprachen gleichwertig auf der Bühne stehen können. Was braucht es, damit diese Szene für gehörlose Menschen cool ist? Was braucht es, damit die Szene für hörende Menschen cool ist?

Gebärdensprache ist eine drei­dimensionale Sprache, das heißt, wenn ich eine Land­schaft beschreibe, ist die An- oder Abwesenheit von Dingen immer schon Teil der Beschreibung. Dadurch dass der auditive Bereich wegfällt, wird zum Beispiel über die Größe der Gebärden Lautstärke erzeugt. Gebärden­sprache plätschert selten leise im Hinter­grund dahin, sondern bildet mit unter­schiedlichsten visuellen Ebenen das Zentrum des Geschehens. Das alles führt dazu, dass der Proben­prozess noch stärker vom Ausprobieren ge­prägt ist, als er es eh schon ist. Das kann challenging sein, aber auch unglaublich spannend.

Du hast gemeinsam mit Anita Buchart die Bühnen­fassung geschrieben. Was war dabei die größte Heraus­forderung und was hat dir am meisten Freude bereitet?

Die größte Herausforderung war definitiv das Kürzen. Wir dachten uns so oft: »Dieser Satz ist zu schön, um ihn zu streichen.« Gleichzeitig kann man keinen 300-Seiten-Roman auf die Bühne bringen – also, kann man natürlich schon, aber ich denke, es ist im Interesse aller, dass das kein Acht-Stunden-Abend wird. Genau darin lag jedoch auch der größte Spaß. Wir lasen uns gegen­seitig Passagen vor und schauten, ob der dramaturgische Bogen funktioniert. Man merkt erst richtig, wie stark diese Sprache ist, wenn man sie mit jemand anderem teilt.

»Fretten« (Bild: Apollonia Theresa Bitzan)

Wie kann man sich die »ländliche Antiidylle« in eurer Inszenierung vorstellen?

Die entsteht vor allem durch die Atmosphäre in der Sprache und den Kontrast, der darin vorkommt. Oft be­schreibt Helena Adler Dinge zunächst sehr schön und spricht von einer weichen Welt. Dann kippt das Bild plötzlich und etwas Hartes oder Brutales bricht herein. Landleben wird oft verkitscht, vor allem von Menschen, die nicht dort aufgewachsen sind. »Fretten« zeigt ganz gut, dass dieses »Land« gleichzeitig schön sein und nach Verderben riechen kann. Daraus entsteht die Antiidylle. Diesen Clash versuchen wir, auf der Bühne sichtbar zu machen.

Was war euch beim Thema Geburt, Mutterschaft und soziale Zuschreibungen in der Inszenierung wichtig?

In unserer Produktion arbeiten nur Frauen, einige davon sind selbst Mütter. Andere, wie ich, haben keine Kinder. Im Roman gibt es ein Kapitel, in dem Helena Adler sehr detailliert und über mehrere Seiten hinweg eine Geburt beschreibt. Mir wurde gesagt, dass es der Realität sehr nahe­kommt. Sie be­schönigt nichts und zeigt, wie extrem und körperlich ein Geburts­prozess sein kann, ohne ihn zu romantisieren. Gerade im Theater wurde dieses Thema lange kaum gezeigt. Oft sieht man nur: Die Person ist schwanger, geht kurz weg und kommt mit einem Baby zurück. Adler gibt diesem Moment Raum und beschreibt sowohl die Geburt selbst als auch das Muttersein sehr ehrlich. Das war für uns alle gleicher­maßen spannend, egal ob Mutter oder nicht.

Helena Adler kämpft literarisch gegen Sprach­losigkeit. Wie kann Theater diesen Kampf weiterführen?

Das ist eine sehr große Frage. Theater hat grund­sätzlich das Potenzial, Raum zu schaffen: Raum für Themen, für Menschen, für alles Mögliche – für Helena Adlers Geschichte. Theater sollte ein Ort sein, an dem verschiedenste Stimmen und Formen von Sprache zu Wort kommen. Das ist, was Theater eigentlich leisten müsste und auch kann.

Was würdest du dir wünschen, dass das Publikum aus eurer Produktion mitnimmt?

Die Ich-Erzählerin erzählt im Buch auch vom Tod. Gleichzeitig zeigt der Roman eine intensive Auseinander­setzung mit Herkunft und Lebens­geschichte. Vielleicht kann das auch das Publikum anstoßen, darüber nach­zudenken, wie man dort hin­gekommen ist, wo man jetzt ist, wodurch man geprägt worden ist.

»Fretten« ist eine Koproduktion von Makemake Produktionen und Teata. Das Stück ist von 12. bis 27. Mai im Kosmos Theater zu sehen. Am 20. Mai gibt es ein Einführungs­gespräch vor der Vorstellung und am 21. Mai ein Publikums­gespräch im An­schluss daran.

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