Beim Festival Stimmen der Wildnis in St. Pölten kommen die Ökosysteme selbst zu Wort. Der künstlerische Leiter und Kurator Jakob Brossmann erklärt, warum auch die Natur Rechte haben sollte, inwiefern das wichtig für unsere Demokratie ist und welche Rolle der Kunst dabei zukommt.

Was waren die Beweggründe für das Festival Stimmen der Wildnis?
Jakob Brossmann: Als Gesellschaft stehen wir vor einer enormen ökologischen Herausforderung, in die auch Kunst und Kultur hineinwachsen sollten. Die ökologischen Krisen spitzen sich zu – die Klimakatastrophe ebenso wie der Biodiversitätsverlust. Gleichzeitig sehen wir im öffentlichen Diskurs eine gegenläufige Entwicklung: Das Interesse an und die Auseinandersetzung mit diesen Themen gehen stark zurück. Diskurse rund um den Themenkomplex Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit drohen zu versanden. Häufig finden sie keinen Raum mehr. In Anbetracht dessen ist das Museum Niederösterreich auf uns vom Verein Globart zugekommen und hat uns eingeladen, etwas Neues zu entwickeln. Ich bin sehr froh, dass die Verantwortlichen in Niederösterreich die Dringlichkeit sehen und auch die Lust am Experiment haben, in diesem Bereich etwas Neues zu versuchen.
Welche Schwerpunkte setzt ihr mit der Kuration des Festivals?
Die Klänge der Natur haben eine rätselhafte Anziehungskraft auf uns Menschen. Nicht nur die vielzitierten Vogelrufe und -gesänge, sondern auch diverse andere Stimmen und Geräusche der Natur: das Rascheln der Blätter, das Rauschen des Meeres, das Plätschern eines Baches. All das inspiriert seit jeher auch Künstler*innen. Das wollten wir als Basis für diese dringliche Auseinandersetzung nehmen. Besonders wichtig ist uns dabei die Zugänglichkeit des Diskurses für ein breites Publikum. Hier arbeiten wir mit Menschen wie dem Wissenschaftler David Monacchi, der Singer-Songwriterin Mogli oder dem Chor Monument Vocal Music zusammen. Das Spannende ist, dass sich in den letzten Jahrzehnten eben genau zu solchen Klängen eine lebendige und innovative Forschungstätigkeit entwickelt hat: die Ökoakustik. Dieses noch recht junge Forschungsfeld liefert uns schon hochinteressante Auskünfte. Einerseits über das Zusammenspiel der unterschiedlichen Arten in den Ökosystemen, andererseits über den Zustand der Ökosysteme selbst. Wenn wir der Natur zuhören, beginnen wir zu verstehen, was vor sich geht. Und wir sind selbst aufgerufen, der Natur unsere Stimme zu geben. Im letzten Akt des Festivals gründen wir deshalb ein Parlament der Wildnis und geben verschiedenen Aktivist*innen sowie Expert*innen eine Bühne. Wir zeigen, dass man der Natur in der Demokratie einen Platz geben kann oder sogar muss.
Was steckt hinter diesem Parlament der Wildnis?
Die Rechte-der-Natur-Bewegung ist eine der innovativsten und spannendsten Entwicklungen im Bereich der Ökologie und des Naturschutzes. Das Prinzip geht interessanterweise vor allem auf indigene Praktiken zurück. Ecuador war das erste Land der Welt, das der Natur und den Ökosystemen verbriefte Rechte im Verfassungsrang einräumte. Und nicht nur ornamental oder als Lippenbekenntnis, sondern als gelebtes Recht. Das heißt: Diese Form des Naturschutzes wirkt sich auf das tägliche Zusammenleben und auch auf die Wirtschaft aus. Die Beschlüsse steuern ökonomische Praktiken in Ecuador auf eine Weise, die zum Überleben und zur Regeneration der Ökosysteme beiträgt. In Europa gibt es aber immer wieder auch berechtigte Diskussionen zur Frage, wer denn überhaupt für die Natur sprechen darf, wenn diese zum Rechtssubjekt wird. Mit unserem Parlament der Wildnis wollten wir beispielhaft zeigen, wie das gehen könnte.
Wie macht ihr das?
Wir wagen ein spielerisches, aber ernsthaftes Experiment. Als Präsidentin unsers Parlaments konnten wir die renommierte österreichische Juristin Irmgard Griss gewinnen, die etwa wegen ihrer Kandidatur als Bundespräsidentin bekannt ist. Sie leitet uns durch diesen Prozess, bei dem wir versuchen, eine zusätzliche Kammer in unser demokratisches System zu integrieren. Das Parlament der Wildnis möchte also nicht die bestehende Demokratie untergraben, sondern ergänzen. Wir referieren dabei auf die sogenannte Pressekonferenz der Tiere, die junge Vertreter*innen aller Parteien gegen den Willen ihrer Parteigenoss*innen bei der Besetzung des Auwaldes abgehalten haben. Dort sind sie als Tiere verkleidet vor die Presse getreten. Auf diese Tradition der Verkörperung der Arten berufen wir uns. Gleichzeitig haben wir beschlossen, nicht als Einzelpersonen für eine ganze Gruppe von Arten zu sprechen, weil wir daran glauben, dass es immer mehr als eine Perspektive gibt, die interessant zu hören wäre. Deswegen haben wir uns für das Modell von demokratisch gewählten Vertreter*innen entschieden. Sie sind Teil einer jungen Generation, die noch lange Zeit mit diesen Ökosystemen leben muss. Als Senator*innen nehmen sie Anträge aus der Zivilgesellschaft und aus der Forschung entgegen, befragen Expert*innen, führen offene Diskussionen und stimmen über Beschlüsse ab. Durch diesen demokratischen Prozess manifestiert sich am Ende die Stimme der Natur.

Was genau wird dieses Parlament diskutieren?
Es geht um Grundrechte der Natur, Funktionsweisen des Parlaments und konkrete Anträge von NGOs sowie Initiativen. Wir haben über zwanzig Einreichungen erhalten, von denen wir leider nicht alle, aber doch eine Vielzahl behandeln werden. Die Letzte Generation argumentiert beispielsweise, dass es ein demokratisches Instrument geben müsste, um Menschen zu begnadigen, die sich für die Natur einsetzen und dadurch in Konflikt mit dem Gesetz geraten. Das fand ich einen sehr interessanten Antrag. Fridays for Future fordert einen Ausbau der Windenergie. Es gibt gleich mehrere Anträge zum Thema Wasser, etwa zum Wiedervernässen von Mooren oder zum Aufbau der Humusschicht. Die Beschlüsse übergeben unsere Senator*innen dann als Forderung an Entscheidungsträger*innen. Das soll als Modell inspirieren und ist deswegen sehr konkret gehalten. Das heißt, wir setzen den Fokus da nicht auf die künstlerische Dimension und halten uns auch nicht lange mit philosophischen Fragen auf. Natürlich muss dabei trotzdem klar bleiben, dass wir leider nicht die Macht haben, zum Beispiel das Ende der Förderungen für fossile Energien zu erwirken. Wir können alles diskutieren, aber entscheiden können wir es nicht.
Ihr setzt darüber hinaus stark auf künstlerische Zugänge. Welches Potenzial seht ihr darin?
Ich glaube, dass der Kunst bei diesem Thema eine ganz zentrale Rolle zukommt. Sie kann uns verführen, uns dort wieder empfänglich machen, wo wir unsere Sensibilitäten aus guten Gründen, vor allem aus Selbstschutz, haben abstumpfen lassen. Um in einer modernen oder postmodernen Welt zu funktionieren, müssen wir sehr selektiv mit unseren Wahrnehmungen umgehen. Die Kunst hat das Potenzial, erstens diese Prozesse überhaupt zu thematisieren und zweitens diese Verkrustungen dann wieder zu lösen, zumindest für Momente. Sie kann Modelle und positive Vorstellungen entwickeln, für die es sich zu kämpfen lohnt. Auch historisch wurden in der Kunst immer wieder Ideale in einer Art und Weise verhandelt, die das Publikum sowohl intellektuell als auch emotional abholte. Das hat letztendlich der Aufklärung und der Moderne mit zum Durchbruch verholfen, davon bin ich fest überzeugt. Heute sehe ich in der Arbeit vieler Künstler*innen ökologische und demokratische Ideale ausformuliert, zum Beispiel zu den Themen Vielstimmigkeit oder Berührbarkeit. Diesen Ideen müssen wir Raum geben, weil sie drängende Fragen behandeln. Auch als Dagegenhalten gegen die rechte Hegemonie, die sich aktuell weltweit bildet. Und die eben nicht in Vielfalt denkt und nicht, wie sie behauptet, eine Verbundenheit mit einer sogenannten Heimat lebt, weil sie ebendiese in einem schwindelerregenden Tempo zerstört. Da geht es immer um Beherrschung, Penetration und Ausbeutung. Wohingegen in den vielen künstlerischen Positionen, die wir präsentieren, das Hinhören, die Vielstimmigkeit, die Resonanz im Zentrum stehen.
In einer Ankündigung stellt ihr fest, dass uns die Geräusche der Natur anziehen. Gleichzeitig fragt ihr euch, was sie bedeuten. Konntet ihr schon Antworten finden?
Das Wunderbare ist für mich, dass gerade im Dialog zwischen Kunst und Forschung so viel entsteht. Weil eben gerade in der Natur auch Dinge existieren, die keinen unmittelbaren Sinn ergeben. Wir können nicht jedes Geräusch und jeden Vogelruf mit einer konkreten Botschaft übersetzen, auch wenn wir das vielleicht gerne würden. Sondern da ist immer ein Teil enthalten, der entweder rätselhaft bleibt oder den man vielleicht sogar mit der puren Lust am Ausdruck erklären kann. Warum singen Vögel? Weil sie es können. Das klingt trivial, aber das ist etwas, das mich im Kontext von Kunst und Ökologie als nächster Schritt interessiert: Wir müssen uns fragen, wie ein gelungenes Leben aussehen kann, das keine negativen Spuren hinterlässt. Ein Leben, das sich nicht in Akten der Ausbeutung und der Zerstörung ergeht. Woraus ziehen Menschen ihren Sinn, wenn wir aufhören, in dieser Wirtschaftslogik des stets zunehmenden Verbrauchs zu leben? Meiner Meinung nach liegt viel Sinn und Freude im gemeinsamen Kunstmachen, im gemeinsamen Singen, im Sich-gegenseitig-Zuhören. Das sind Bilder eines gelungenen Lebens, eines gelingenden Zusammenlebens – auch mit den Ökosystemen.
Was wünscht ihr euch vom Festival? In welcher Form soll es nachhallen?
Wir wünschen uns, dass Künstler*innen, Aktivist*innen und Forschende einander begegnen. Dass sie nicht nur gemeinsam die Stimmen der Natur hören, sondern auch die Perspektive der jeweils anderen Akteur*innen im Bereich der Ökologie kennenlernen und in ihr Feld mitnehmen. Es sollen neue Beziehungen entstehen. Wir wünschen uns, dass für möglichst viele Menschen das Thema Rechte der Natur sowie demokratische Einbeziehung von Ökosystemen ein Stück weit denkbarer wird. Natürlich hoffen wir auch, dass die eine oder andere Forderung aus dem Parlament der Wildnis von Menschen, die tatsächlich Macht haben, gehört und umgesetzt wird. Und wir wünschen uns viele Nachahmer*innen. Mein Traum wäre, dass es im nächsten Jahr in vielen Städten der Welt kleine symbolische Parlamente der Wildnis gibt, bis sie irgendwann wirklich in demokratische Systeme integriert werden. Auch weil ich glaube, dass es diese stärken würde. Wenn wir die ökologische Frage nicht lösen, dann schadet das letztlich auch der Demokratie.
Stimmen der Wildnis – Ein Festival für Mensch und Natur findet vom 24. bis 26. April 2026 in St. Pölten statt. Veranstaltungsorte sind Glanzstoff, Sonnenpark und Museum Niederösterreich – Haus für Natur.