Kinderarmut in Österreich

Armut ist allgegenwärtig – und Kinder trifft sie besonders. Österreich ist da keine Ausnahme. Warum Not nicht erfinderisch macht und soziale Netzwerke wie jene der Pfadfinder wichtige Werkzeuge im Kampf gegen die Armut sind, erklären Martin Schenk und Michaela Moser.

Dieses Interview hat Rosa Lyon für das soeben erschienene SKILLS. Magazin zum Abenteuer des Lebens (www.skills-magazin.at) geführt.

Rosa Lyon: „Arm ist man, wenn man sich nicht aussuchen kann, ob man arm sein will“, meint der Nobelpreisträger Amartya Sen. Wie definieren Sie Armut?

Martin Schenk: Jeder, der im Bereich von Armut arbeitet, sei es in Sozialberatungsstellen, in Frauenhäusern oder in Notschlafstellen sieht, dass Armut immer eine Kombination aus beidem ist: Die Leute haben wenig Geld, aber gleichzeitig auch einen immensen Mangel an Möglichkeiten. Sie können nicht tun, was sie gerne tun würden. Wenn sowohl die materielle Not als auch der Mangel an Möglichkeiten und Fähigkeiten gegeben ist, spricht man von manifester oder akuter Armut.

Michaela Moser: Die Fähigkeiten sind ganz wichtig. Sehr oft werden nur die Möglichkeiten gesehen. Für „capabilities“ gibt es keine wörtliche Übersetzung ins Deutsche. Daher werden sie oft mit „Möglichkeiten“ oder mit „Verwirklichungschancen“ übersetzt. Eigentlich sind „capabilities“ aber eine Mischung aus Fähigkeiten und Möglichkeiten. Das ist sehr wichtig, denn es braucht auch die Fähigkeiten, um vorhandene Chancen ergreifen zu können. Denn sonst bleiben die Möglichkeiten leere Hülsen.

Martin Schenk: Ich stelle mir das immer wie einen Birnenbaum auf einem Feld vor. Aus liberalistischer Sicht wäre Freiheit, dass der Birnbaum dort uneingezäunt steht und die Kinder sich die Birnen pflücken können. Manche Kinder können aber nicht gut klettern oder die Birnen hängen für viele einfach zu hoch. Es geht darum, eine Leiter für die Schwächsten zur Verfügung zu stellen – das sind die Möglichkeiten. Aber um hinaufzuklettern, braucht es auch die Fähigkeit, gut klettern zu können. Es braucht vielleicht sogar andere Hilfsmittel, etwa für Behinderte, um an die Güter des Lebens, die die Birnen symbolisieren, heranzukommen. Armutsbekämpfung heißt in Güter, Möglichkeiten und Fähigkeiten zu investieren.

Rosa Lyon: Der Romanheld Tom Sawyer wird in der Not erfinderisch und lässt sich dafür bezahlen, dass andere den Zaun für ihn streichen.

Martin Schenk: Dahinter steht ein weit in der Kulturgeschichte zurückreichender Mythos: Not weckt ganz geheime Kräften und Menschen können durch Not die unentdeckten, in sich schlummernden Kräfte entdecken und dann Fähigkeiten entwickeln, die sie vorher nicht hatten. Das ist empirischer Unsinn. Das Gegenteil ist der Fall. Chronische Not schwächt Leute, lähmt sie, macht sie krank und am Schluss meistens auch depressiv. Dem Film „Slumdog Millionär“ liegt auch dieser Mythos zugrunde. Der Junge muss eigentlich schwer traumatisiert sein durch all das, was er erlebt hat. Im Film aber verleiht ihm das Elend neue Flügel. Jeder, der in Slums gearbeitet hat oder in der Entwicklungszusammenarbeit, weiß, dass das ein Mythos ist. Aber es beruhigt den Zuseher. Es wird suggeriert, dass je größer die Not ist, desto größer die Selbsthilfe. Praktisch zum Zuschauen. Das mit den Ressourcen zur Selbsthilfe liegt anders. Ein Forschungsstrang in der Kinder- und Jugendpädagogik trägt den Namen Resilienzforschung und geht der Frage nach, warum es Kinder gibt, die trotz schwieriger Lebenssituationen gesund bleiben oder einen höheren Bildungsabschluss schaffen. Es gibt bestimmte Bedingungen, die widerstandfähiger, also resilienter machen. Ganz wichtig ist es, Freundschaften und soziale Netzwerke zu haben. Ein Netz, in dem man Anerkennung und Respekt erfährt und nicht Beschämung. Und in dem Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit möglich wird. Es braucht also Situationen, andere Menschen, Gemeinschaften, die solche Bedingungen schaffen. Allein geht gar nichts.

Rosa Lyon: Es gibt Eltern, die wenig Geld haben, aber unheimlich liebevoll mit ihren Kindern umgehen. Sind deren Kinder arm?

Michaela Moser: Natürlich ist der liebevolle Umgang mit Kindern wichtig, aber er reicht nicht aus. Mit Liebe können die Eltern die Wohnung nicht heizen und durch einen guten Umgang können sie kein Essen herbeizaubern. Kinder brauchen natürlich materielle Ressourcen, gesunde Ernährung und ein Dach über dem Kopf. Kinder brauchen außerdem gute Beziehungen zu ihren Eltern, aber auch zu einem weiteren Umfeld. Auch Kinder brauchen die Möglichkeit, sich bilden zu können, sich Vorstellungen von einem guten Leben machen zu können, sich auszutauschen, zu spielen, sich in der Natur erholen zu können, ihre eigene Umgebung mitgestalten zu können.

Rosa Lyon: Welche Rolle spielen Jugendorganisationen wie etwa die Pfadfinder für Kinder aus armen Verhältnissen?

Michaela Moser: Mir fällt auf, dass die Eltern in meinem Freundeskreis sehr bemüht sind, mit ihren Kindern zu reisen und ihnen etwas von der Welt zu zeigen. In der Freizeit wird also auf eine ganz andere Weise ein Bildungsvorsprung entwickelt als er durch formale Bildung abgedeckt werden kann. Das macht feine Unterschiede, die dann eben sehr bedeutend werden. Viel davon ist mit materiellen Ressourcen, aber auch sehr stark mit sozialem Kapital verbunden. Tendenziell sind traditionelle Jugendorganisationen niederschwellig und haben einen sehr gemischten Zugang. Ich erinnere mich an meine Zeit bei der Jungschar, das ist bestimmt bei den Pfadfindern auch so, da waren Kinder aus allen Schichten in einer Gruppe. Es tut allen gut, Menschen aus anderen Verhältnissen kennen zu lernen. Außerdem spielen Kinder- und Jugendorganisationen eine wichtige Rolle bei der informellen Bildung, weil sie vielen Kindern zum Beispiel Ausflüge und Reisen bieten. Gerade diese zusätzlichen Erfahrungen, die man neben der Schule macht, sind ja enorm wichtig später für den Einstieg ins Berufsleben. Weltgewandtheit erwirbt man sich in der Freizeit.

Martin Schenk: Es gibt wenige Bereiche, wo sich soziale Schichten mischen. Die Straßenbahn ist einer der verbliebenen Orte, aber dort redet man nicht viel miteinan- der. Möglicherweise ist der Fußballplatz für die Burschen noch ein Ort der sozialen Durchmischung. Bei der Musik diversifiziert es sich sehr stark nach Status. Ob man Hip- Hop, Rock, FM4 oder sonst etwas hört, gibt zum Beispiel darüber Auskunft, ob man Hauptschüler oder Gymnasiast ist. Die Schulstruktur reproduziert sich auch in der Jugendarbeit. Die Freizeitgruppen in Jungschar oder Pfadfinder haben oft mit der Gruppenbildung rund um Gymnasiasten und Hauptschüler zu kämpfen. Zumindest in den Städten. Das sind Statuskonflikte. Auch Converse-Schuhe und Lacoste-Schuhe zeigen dann schon, wohin du gehörst. Converse-Träger hören „Green Day“ auf FM4, Lacoste Träger „Sido“ auf Ö3. Die einen haben Eltern mit Bildung und Geld, die anderen nicht. Eben zwei Paar Schuhe. Das sind die feinen Unterschiede, die die großen anzeigen.

Michaela Moser: Wirklich dramatisch ist es ja dann, wenn man alleine oder nur zu zweit zu den Außenseitern gehört. Gruppenbildung scheint mir recht normal zu sein. Was auch immer der Anlass ist: die Schule, die Schuhe, die Musik. Dass aber jemand da ist, der das thematisieren kann, wie der Gruppenleiter in einer Jugendorganisation, ist enorm wichtig.

Rosa Lyon: Warum kriegen arme Leute Kinder?

Michaela Moser: Da sieht man, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo man sich fragt, ob man sich Kinder leisten kann. Das sagt natürlich viel über die Verfasstheit der Gesellschaft aus, dass sich die Gesellschaft fragt, ob sich diese Menschen Kinder überhaupt leisten können. Obwohl Armut vererbt wird, kommen viele Armutsbetroffene nicht arm auf die Welt. Armutssituationen können schließlich auch auftreten, nachdem die Kinder schon da sind. Das Leben ist grundsätzlich nicht so planbar, wie oft behauptet wird. Man kann seine Karriere planen und auch Familie, aber dann passiert etwas Unvorhergesehenes. Das kann eine Krankheit sein, oder eine Trennung. Ich finde es positiv, wenn Kinderkriegen nicht irgendeinem Kalkül überlassen, sondern genau überlegt wird. Da kommen wir zurück zu den Verwirklichungschancen. Was kann und will ich einem Kind mitgeben? Der Zeitfaktor ist heute mindestens so virulent. Man kann sich auch fragen, warum Menschen Kinder bekommen, die sich dann ständig darum streiten, wer die Kinder betreut. Ich hoffe, es kommt nicht soweit, dass man armutsbetroffenen Leuten das Recht Kinder zu bekommen abspricht.

Rosa Lyon: Die Börsenkurse steigen wieder. Ist die Wirtschaftskrise nun überstanden?

Martin Schenk: Die Wirtschaftskrise wird abgesagt, weil sich die Börsenkurse erholt haben. Aber die soziale Krise steht gerade erst vor der Tür. Die Arbeitslosigkeit wird erst 2010 durchschlagen, auch die Kurzarbeit wird nicht ewig finanzierbar sein. Meine große Sorge ist, dass sich dahinter eine heimliche, aber große Verteilungsproblematik anbahnt: Während die Krise anfangs in aller Munde war, haben sich diejenigen Gruppen, die es konnten, aus dem Steuertopf geholt, was sie gebraucht haben. Die Banken etwa und auch die Industrie und Teile des sozialpartnerschaftlichen Systems. Wenn es jetzt darum geht, konjunkturelle Maßnahmen oder sozialpolitische Abfederungen für die untersten vier bis fünf Prozent der Bevölkerung, also für Armutsbetroffene, Pflegebedürftige, Sozialhilfeempfänger oder Kinder in Armut zu bekommen, ist plötzlich kein Geld mehr da und es droht der Staatsbankrott. Plötzlich gibt es einen starken Rechtfertigungsdruck gegenüber denen, die diese Ressourcen verlangen. Das ist Umverteilung von unten nach oben, die unsichtbar bleibt. In dem Moment, wo die Wirtschaftskrise abgesagt wird, kann auch leicht jede weitere sinnvolle Investition als unnötig denunziert werden.

Michaela Moser: Kinder sind ja keine reine Privatsache, sondern in unser aller Interesse und in unser aller Verantwortung als Gesellschaft. Es wird auch ganz selten die Frage gestellt, was es wirtschaftlich bedeutet, wenn zu wenig in die Bildung investiert wird. Oft wird es so hingestellt, als wären das Ausgaben, die sich der Staat eben mit zusammengebissenen Zähnen abringen muss. Dass aber in der Gesellschaft von mehr sozialer und ökonomischer Gleichheit alle profitieren, wird leider nicht gesehen.

Dieses Interview hat Rosa Lyon für das soeben erschienene SKILLS. Magazin zum Abenteuer des Lebens (www.skills-magazin.at) geführt.

Kinderarmut in Zahlen

100.000 Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sind manifest arm.

210.000 Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sind armutsgefährdet, das Einkommen der Eltern liegt unter der Einkommensarmutsgrenze.

35.000 Kinder und Jugendliche verbringen ihre Tage unter Sozialhilfebedingungen.

61.000 armutsgefährdete Kinder wohnen in äußerst beengten Verhältnissen.

In Österreich kann jedes sechste Volksschulkind nicht Sinn erfassend lesen. Deutlich weniger armutsgefährdete Kinder gehen in den Kindergarten als nicht-arme Kinder.

(Quellen: Armutskonferenz, Statistik Austria)

Zur Person

Michaela Moser ist Theologin und Ethikerin, arbeitet bei der www.schuldnerberatung.at, sowie für die www.armutskonferenz.at. Außerdem ist sie bei der Arbeitsgruppe www.frauenarmut.at und in der Denkwerkstatt www.gutesleben.org engagiert. Michaela Moser ist Mitautorin eines Feministischen Regierungsprogramms www.feministischerfrauenrat.at und Vizepräsidentin des Europäischen Armutsnetzwerks www.eapn.eu

Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie und Mitinitiator der Armutskonferenz. Er ist Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Studiengang Sozialarbeit Campus Wien. Seit 1989 in der Arbeit mit Jugendlichen tätig. Er ist Mitinitiator zahlreicher sozialer Initiativen: www.sosmitmensch.at, www.spendenparlament.at, www.hemayat.org, „Sichtbar Werden“ (Armutsbetroffene organisieren sich). Martin Schenk schreibt regelmäßig in der Wiener Straßenzeitung Augustin.

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