Laberl, Laberl, Laberl

Dem Burger ist derzeit beim besten Willen nicht zu entkommen. Das ist einerseits nicht verwunderlich, andererseits aber schon. Immerhin steht fest: der Burger ist die Quintessenz von Pop. Eine Verfressung der Welt zwischen Fastfood und Foodart, Antiamerikanismus und Genre-Beschichtung.

Wir wissen, was du letzten Sommer gegessen hast. Also gesetzt den Fall natürlich, dass du zumindest einmal am Wiener Donaukanal warst. Denn dann war es, selbstverständlich, Burger. Auf der Terrasse der Grellen Forelle, vor der Party, nach der Party. Oder im It’s-all-about-the-Meat-Container beim Badeschiff, nach dem Baden, vor dem Trinken. Auf der Summerstage oder beim Central Garden. Mit Käse oder Speck oder ohne. Aber jedenfalls mit Fries. Sommer am Kanal, das hieß in Wien in der letzten Saison: faschiertes Rindfleisch zwischen Brot. Heuer heißt es das schon wieder, aber nicht nur am Wasser (neuerdings zum Beispiel auch sehr prominent an der Ringstraße oder in der Weinschenke goes Pratersauna), und nicht nur in Wien.

Der Hamburger ist endgültig angekommen. Und zwar mitten in der Gegenwart, und im ganz großen Stil. Was insofern seltsam ist, als diese Gegenwart doch eigentlich angeblich bis ins Mark tierrechts- und gesundheitsbewusst ist, also tendenziell wohl eher rindfleischlos funktionieren sollte. Dem Image des Burgers scheint das aktuell aber überhaupt nichts anzuhaben, er boomt. Und hat sich mal wieder gemausert, diesmal vom Unterschichtenfraß zum Besserverdiener-Statement. Das wiederum ist überhaupt nicht verwunderlich. Kein anderes Nahrungsmittel taugt so sehr zur Distinktion und zum Lebensstilsymbol wie das Rindfleischlaberlweckerl. Anders als das Kobe-Rind-Steak essen ihn alle: Bobos, Yuppies, Hipster, Arbeiter, Bauern, Bohèmiens, Normcore-Leute und Oligarchen. Oder noch anders gesagt: der Burger ist die Quintessenz von Pop.

Nur: Warum? Dafür lassen sich etliche Gründe finden, man muss nur suchen. Zum Beispiel in des Hamburgers mythischer, also gleichzeitig viel- und nichtssagender, Spekulationen und damit Distinktionen befeuernden Entstehungsgeschichte: heißt wie eine Stadt in Deutschland, hat mit derselben aber so viel zu tun wie Frankfurt mit Würstchen (und mit Schinken noch viel weniger). Hat viele Erfinder, von denen jeder die alleinige und allererste Urheberschaft beansprucht. Die Library of Congress hat zwar vor ein paar Jahren den Imbissstand Louis’ Lunch in New Haven, Connecticut, als ersten echten Hamburger-Dealer akademisch approved (im Jahr 1900 soll es gewesen sein, dass der Betreiber Louis Lassen – ein Däne, by the way – sich darauf verlegte, übriggebliebene Steaks zwecks Restpostenverwertung zu faschieren; das Etablissement existiert übrigens bis heute und verweigerte beharrlich jede Ketchup- oder Senfbeigabe, weil das nämlich so gar nicht originalgetreu sei); das hindert Hamburger-Historiker aber natürlich keineswegs daran, etliche weitere Erfinder ins Feld zu führen (Ronald McDonald zählt eher nicht dazu), etymologische Namensherkunftsforschung zu betreiben und kulturhistorische Einflusssphären millimetergenau zu vermessen. Und jetzt stell dir bitte eine derartige Debatte nur ganz kurz mit Gulasch oder Fish & Chips vor. Eben.

Die Frage, wo der Burger nun ganz genau herkommt, soll uns jetzt aber auch nicht über Gebühr den Schlaf rauben, das schaffen wir auch anders. Wichtig erstmal: Er ist, anno 2014, in der mitteleuropäischen Großstadt angekommen, unter mitteleuropäischen Großstadtmenschen, und zwar solchen, die ihr Frühstück tendenziell nicht bei McDonald’s einnehmen. Wobei: Gerade McDonald’s wäre ja inzwischen ohnehin viel lieber Starbucks, der Billigburgerumsatz lässt international gerade ziemlich zu wünschen übrig, während die Kaffeehausecken unter den goldenen Bögen zuletzt ein deutlich zweistelliges Umsatzplus verzeichneten. Aber wer mit Heidi Klum wirbt, hat ja ganz offensichtlich irgendeinen Zug verpasst, jedenfalls aber den Anschluss zur Gegenwart, und um genau die soll es hier gehen, und um Burger, die eben keine Einmaleins-Euros kosten, sondern eher das Zehn- bis Fünfzehnfache, und schon allein deshalb ein Statement sind: Seht her, ich leiste mir das, finanziell wie gesundheitlich – weil ich es mir leisten kann. Ich hebe mich ab, auch wenn ich dabei zunehme, egal, weil Yolo.

Burger sind für alle da, nur immer anders

Wir lernen: Der Burger taugt zur Distinktion. Weil es ihn, anders als die Pizzaschnitte, eben in allen Preisklassen gibt. Und weil in der Burgerbraterei obendrein auch noch, ganz exemplarisch, das Verhältnis von böser, industrieller Massenabspeisung und guter, handwerklicher Genießerkultur verhandelt wird. Mainstream versus Indie, Industrie versus Alternative, Heidi Klum gegen uns. Der Burger stellt etwas dar und her: Abstand zu denen, die ihr Gewicht halten müssen, weil sie zu charakterschwach sind, um der Schlankheitsindustrie den fettigen Mittelfinger zu zeigen; Abstand aber auch zu denen, die ihr Gewicht nicht halten können, weil das Gemüse aus dem Heile-Welt-Laden viel zu teuer für sie wäre, also einen doppelten, ökonomischen und moralischen Abstand. Toll. Und dabei haben wir noch gar nicht von der Politik gesprochen.

Bild(er) © Cover-Illustration: Claire Paq / Fat and Furious Burger / wallpaperswa.com / Habern bzw. Jasmin Baumgartner
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