Lecko mio!

Cornetto ist 50. Und auch der Doppellutscher ist wieder da. Warum? Es hat mit Nostalgie, Wirtschaftswunder und Cordoba zu tun.

Dieser Text ist Eva Glawischnig zu verdanken. Der Bundessprecherin und Klubobfrau der Grünen trat an einem Frühsommerabend im Mai in der ORF Polit-Talkshow "Im Zentrum" auf. Was sie dort mit den anderen Klubchefs der Oppositionsparteien diskutierte, weiß zwar kein Mensch mehr, dafür blieb ihr Outfit im Gedächtnis. Irgendwie. Glawischnig hatte sich an diesem Abend für einen blütenweißen Blazer, ein nicht minder blütenweißes Shirt und eine knallpinke Hose entschieden. Das ist jetzt nicht sonderlich spektakulär. Gut, sie saß direkt neben Matthias Strolz, dem Klubobmann der NEOS und trug quasi die Parteifarbe des politischen Gegners am Bein. Aber vielleicht war es sogar Absicht. Was weiß man, was Mode- und Farbberatern von Politikern so durch die Köpfe geht, wenn sie darüber sinnieren, was dem Wahlvolk vielleicht durch die Köpfe gehen könnte, wenn sie eine pinke Caprihose sehen. Letztlich erinnerte Glawischnig mit ihrer Farbwahl aber an ein Eis, das seit einigen Monaten intensiv beworben wird – den Doppellutscher.

Patriotismus zum Schmelzen

Der Doppellutscher war lange von den Eiskarten verschwunden und ein Schleckhit in den 1970er Jahren. Für diese Saison nahm ihn Eskimo in Österreich wieder ins Sortiment. Der Grund: Das österreichische Fußballnationalteam qualifizierte sich für die Europameisterschaft in Frankreich.

Wie die Frankreich-Exkursion ausging ist bekannt. Nichtsdestoweniger stehen die Farben rot und weiß – das erklärt zumindest "Eskimo" in seinen Aussendungen – für die österreichischen Nationalfarben. Gut, die Himbeerseite vom Doppellutscher ist zwar eher pink, aber so kleinlich braucht man nicht sein, wenn es ums Befeuern einer gewissen Euphorie und natürlich auch ums Stillen von Nostalgie geht. "Der Doppellutscher hat schon 1978 im Cordoba-Jahr Glück gebracht. In diesem Jahre verlangen nostalgische Erinnerungen an Cordoba und Fußballfieber nach einem rot-weißem Fan-Eis", erzählt Gunnar Widhalm, der strategische Leiter für Ice Cream bei Unilever Austria.

Das Wunder von Cordoba ist jetzt zwar nichts weiter als ein fast schon vier Jahrzehnte andauernder Mythos, der an Lächerlichkeit kaum zu überbieten ist. Kurz zur Erinnerung: Österreich besiegt Deutschland in einem WM-Spiel, beide Mannschaften müssen die Heimreise antreten. Aber bitte. Man lernt, dass die Beschwörung von jahrelang eingeübten österreichischen Mythen zumindest als Marketingtool noch immer ein Funktionieren zugetraut wird. Und vielleicht auch, dass man selbst etwas scheinbar Profanes wie Eis mit Patriotismus aufladen kann, wenn man es drauf anlegt. Lutschen für das Team!

Eiskalte Erinnerung

Nicht unwesentlich ist allerdings die Erkenntnis, dass Eis der perfekte Nostalgie-Spielplatz ist. Die Nostalgie setzt dabei ziemlich weit unten an und führt tief in die eigene Biografie. Kaum ein anderes Lebensmittel lässt nämlich derart stark Erinnerungen an die Kindheit wach werden wie Gefrorenes für den Gaumen. "Speiseeis ist ein Lebensmittel, das in der Regel bereits mit Kindheitserfahrungen verbunden ist. Und dann auch noch oft solche der besonders schönen Sorte wie Sommer, Freibad, festliche Anlässe. Diese Erinnerungsfunktion ist eine der wichtigsten Komponenten beim Eisessen als Erwachsener. Selbst dann, wenn es sich um verfeinerte und elegantere Formen des Eisessens handelt", erzählt Ernährungssoziologe Daniel Kofahl.

Bei aller Erinnerungsleistung bedient so manches Speiseeis aber auch ein wenig mehr. Bestes Beispiel dafür ist das Cornetto. Seit genau 50 Jahren ist das Tüteneis in Österreich am Markt und sozusagen das Gegenteil von Doppellutscher, Tschisi und Co. Ein gefrorener Dauerbrenner, ein Eiskarten-Evergreen. 20 Millionen einzelne Cornettos schmolzen etwa im Vorjahr in ganz Österreich die Speiseröhren hinab. Da drängt sich die Frage auf, was Eis zu einem Klassiker macht? "Dafür bedarf es einer handwerklich guten Geschmackskonstruktion sowie einer generationenübergreifenden Erzählung und Erinnerungskultur, die aber immer wieder auch den Zeitgeist bedient", analysiert Daniel Kofahl. Bei Cornetto trifft dies alles in einer Tüte zusammen. In einem halben Jahrhundert kommt da einiges zusammen.

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Bild(er) © Eskimo
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