Nach seinem gefeierten Debüt veröffentlicht der Singer-Songwriter Lukas Oscar nun sein zweites Album, das zwischen Lo-Fi-Pop und Clubsounds changiert. Ein Gespräch über Intuition, die Liebe zum Moment und das Vertrauen in die innere Stimme, die man auf »Everything’s Built to Last!« tatsächlich auch hören kann.

Nur wenige Buchstaben trennen die beiden Begriffe Intuition und Intention voneinander. Gleichzeitig liegt zwischen ihnen eine ganze Welt. Müsste sich Lukas Oscar für eine Seite entscheiden, würde er eindeutig im »Team Intuition« spielen. Vielmehr noch: Er wäre garantiert derjenige, der die Kapitänsschleife trägt. Jetzt aber genug mit dem übermäßigen Gebrauch des Konjunktivs, denn im Gespräch mit dem Musiker wird rasch klar, dass er mit der Möglichkeitsform sehr viel weniger anfangen kann als mit den Möglichkeiten, die sich ihm jetzt gerade – in diesem Moment – bieten. Tatsächlich lassen sich die Konjunktive, die er im Interview verwendet, an einer Hand abzählen. Wenn überhaupt.
Er sei ein bisschen aufgeregt, sagt er zu Beginn des Gesprächs. Denn Interviewfragen zu beantworten, fühle sich immer ein bisschen so an, als würde man schnell und unvermittelt nach dem aktuellen Lieblingsartist gefragt werden. Er lacht. Weil die Sonne scheint, sitzen wir im Gastgarten des Café Stein im neunten Wiener Gemeindebezirk. Schließlich gilt: Je weiter das Jahr voranschreitet, umso wichtiger wird es, jede einzelne Möglichkeit, das System mit ein bisschen Vitamin D aufzuladen, unhinterfragt zu nutzen. Womit wir wieder mitten im Thema wären.
Als absoluter Profi in Sachen Eskapismus hat Lukas Oscar mit dem Songschreiben nämlich etwas gefunden, das ihn immer wieder zurück in den gegenwärtigen Moment bringt. »Die Musik hilft mir dabei, nicht vor meinen Emotionen wegzulaufen und meine Gefühle in Perspektive zu setzen. Sie ist mein Tagebuch«, hält er fest und nimmt einen Schluck von seinem Orangensaft. Das gilt auch bei »Everything’s Built to Last!«, das Ende Jänner erscheinen wird. Sein Debüt »The Fun Never Ends!«, das er im Herbst 2024 veröffentlichte, wurde als reifes, mutiges und tiefgründiges Album gefeiert, im Frühjahr 2025 brachte er die EP »From Under My Bed« heraus.
Intuitiver und kindlicher
Um zu verstehen, warum wir im Gespräch immer wieder auf die Bedeutung von Intuition zu sprechen kommen, muss man aber noch ein bisschen weiter zurückspulen: Vor seinem Debüt schrieb der in Fürstenfeld aufgewachsene Musiker, der im Übrigen 2016 das Finale von »The Voice Kids« für sich entschied, vor allem für andere Musiker*innen. »Das war eine sehr schöne und auch sehr intensive Erfahrung. Man ist bei sehr vulnerablen Momenten dabei, muss abchecken, wann man sich einbringt und wann nicht. Irgendwann landet man aber unweigerlich in bestimmten Boxen und Strukturen, von denen ich mich befreien wollte. Ich habe mich danach gesehnt, wieder Songs für mich selbst zu schreiben. Und nach einem Zugang, der intuitiver und kindlicher ist«, fasst der Musiker diese für ihn wichtige Phase seiner noch jungen Karriere zusammen.
Mit der EP »From Under My Bed« trieb er, gemeinsam mit seinem Mitbewohner, diesen spontanen und intuitiven Zugang zum Musikmachen auf die Spitze. »Die Challenge lautete, jeden Tag einen Song zu schreiben«, erzählt er lachend. Das bedeutet: In jedem der fünf Songs stecken nur jene Dinge, die er an diesem Tag zur Verfügung hatte. »Im ersten Moment klingt das vielleicht so, als würde man den eigenen Standard heruntersetzen, in Wahrheit war es aber ein total befreiendes Gefühl, weil ich dadurch tief in mich hineinschauen und alles zulassen konnte. Für mich ist das die schöne Art, Musik zu machen.«
In der Musik schafft Lukas Oscar auch etwas, womit er sich in seinem Leben abseits seines musikalischen Schaffens eher schwertut, wie er selbst eingesteht: »Ich bewundere Menschen, die direkt sind und sich kein Blatt vor den Mund nehmen. Mir gelingt das nur beim Songschreiben. Wenn ich über einen Beat freestyle, darf alles fließen, darf alles sein.«
Um den Rest kümmert sich, wenn man so will, irgendwann einmal der Zukunfts-Lukas, von dem wir jedoch nicht viel wissen, weil er sich auch während des Interviews nobel zurückhält, äußerst schemenhaft bleibt. Für den Gegenwarts-Lukas, der einen weiteren großen Schluck Orangensaft trinkt, liegt der Schlüssel zum oft schwierigen Prozess des Zulassens vor allem darin, ohne bestimmte Intention in Songs hineinzugehen. So sei das beispielsweise auch bei »Cereals«, einem der Titel auf »Everything’s Built to Last!« gewesen, wie er erzählt: »Das ist eine Nummer, die ich wirklich nicht dafür geschrieben habe, dass sie irgendwann rauskommt. Ich hatte einen Lo-Fi-Gitarrenloop auf meinem Computer gespeichert, den ich an einem Tag, an dem ich eine mir unerklärliche Schwere fühlte, wiederfand. Daraufhin begann ich, wild draufloszuschreiben und die Vocals anschließend mit meinem Handy aufzunehmen. Plötzlich war auch die Schwere weg.«

(Bild: Leonie Fuhrmann)
Es ist auch genau dieses Recording, das man auf dem kommenden Album hören kann, wie Lukas Oscar hinzufügt. Seine innerste Stimme. Eine Arbeitsweise, von der man behaupten könnte, sie hätte System, wenn »System« nicht der absolut falsche Begriff wäre, um das Herangehen des 23-Jährigen ans Musikmachen zu beschreiben. Wie das gemeint ist? Er selbst formuliert es folgendermaßen: »Ich nehme Vocals nie neu auf. Ich singe sie ein und genau das ist für mich dann der Vibe. Ich möchte nichts mehr angreifen oder überarbeiten, weil ich mir wünsche, dass genau jene Gefühle rüberkommen, die ich in diesem Moment empfunden habe.« Damit hängt auch zusammen, dass Lukas Oscar nicht gerne in Aufnahmestudios, sondern am liebsten bei befreundeten Produzent*innen schreibt, die ihr Studio – im allerbesten Fall – im Schlafzimmer haben. Stichwort: from under my bed. In Verbindung mit Lukas Oscar und seinem musikalischen Schaffen ist der Begriff »Momentaufnahme« demnach sowohl wortwörtlich als auch metaphorisch zu verstehen.
Obwohl seinen Songs häufig persönliche Erlebnisse zugrunde liegen, bieten sie eine Fülle an Anknüpfungs- und Berührungspunkten – und zwar im doppelten Wortsinn, denn im Idealfall entsteht bei den Zuhörer*innen ein ehrlicher Moment der Berührung. »Mir ist es überhaupt nicht wichtig, Songs zu schreiben, die möglichst massentauglich sind oder die nach großer Poesie klingen. Ich wünsche mir, dass meine Musik ihren Weg zu jenen Menschen findet, die ähnlich fühlen und wirklich nachempfinden können, worum es in den Songs geht«, merkt der Künstler mit ruhiger Stimme an.
Mit dem neuen Album im Gepäck wird Lukas Oscar außerdem seine erste Solotour starten. Ausgangspunkt ist der Berio-Saal im Wiener Konzerthaus, wo er am 30. Jänner sein Releasekonzert spielen wird. Zum ersten Mal habe er die Möglichkeit, einen Raum ganz nach seinen eigenen Vorstellungen zu schaffen, wie er freudestrahlend festhält. Im Falle des Musikers, der sich als Kind bereits über Youtube Konzerte von Beyoncé und Adele reinzog, bedeutet das unter anderem, dass der Showaspekt auf keinen Fall zu kurz kommen wird. »Ich möchte eine Welt kreieren, in die man eintaucht und in der man komplett vergisst, wo man sich gerade befindet. Ich wünsche mir, dass wir alle gemeinsam loslassen.«
Sich auf Dinge einlassen
Live zu spielen, heißt für ihn auch, gezielt in Dinge hineinzugehen, die unangenehm sind, wie zum Beispiel das Mikro beim Soundcheck an den Monitor zu halten, um zu schauen, ob es piepst. Um sich später, während des Konzerts, wirklich zu hundert Prozent fallenlassen zu können, wie er hinzufügt. Überhaupt sei er ein großer Fan davon, sich immer wieder gezielt auf Dinge einzulassen, die auf den ersten Blick unangenehm zu sein scheinen. »Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine Emotion gibt, die keine Daseinsberechtigung hat, und das ist Peinlichkeit. Das musste ich aber auch erst lernen – und ich lerne es jeden Tag aufs Neue. Es klingt vielleicht banal, aber mir hilft es zum Beispiel, laufen zu gehen, mich verschwitzt und mit rinnender Nase durch die Stadt zu bewegen.«
Das zweite Album, so Lukas Oscar, sei im Übrigen noch mehr in einem Guss entstanden als das erste. »Ich bin wirklich ohne große Intentionen hineingegangen. Umso schöner war es, dass sich alles ganz natürlich gefügt hat, als ob sich ein Kreis schließen würde.« Die Buntheit des Debüts, das sich ebenfalls bereits konkreten Genrezuschreibungen verweigerte, prägt auch den Nachfolger, der sich lose zwischen Lo-Fi-Groove, Elektropop und Clubsounds bewegt. Immer wieder trifft, wie beispielsweise im Song »Onions«, Melancholie auf Euphorie. Als wichtigen Einfluss erwähnt Lukas Oscar unter anderem den britischen Musiker und Produzenten Labrinth. Thematisch gehe es um Selbstfindung, wie der Singer-Songwriter erklärt. Aber nicht nur um die verzweifelte Suche nach sich selbst, sondern auch um das Abfeiern jenes Moments, in dem man erkennt, dass all die Dinge, nach denen man sucht, schon da sind – dass man einfach nur in sich selbst hineinhören muss.
Genau das tut auch Lukas Oscar – vor allem immer dann, wenn wieder einmal der Profi-Eskapist in ihm durchkommt. Oft werden aus diesen Momenten der Introspektion Songs, aber nicht immer landen sie auf Alben oder werden veröffentlicht. Intuition statt Intention lautet schließlich die Devise. Dass ein Teil des Musikvideos zu »Onions« in der Ausstellung »Luftballonwelten« in Wien gedreht wurde, sollte vermutlich nicht überinterpretiert werden, verrät aber natürlich trotzdem etwas über den Musiker. Unter anderem, dass er sich der Tatsache bewusst ist, dass Träume platzen können, dass sie sich, bis sie das tun, aber häufig bunt, leicht und nach Spielwiese anfühlen. Sicher ist: Letztere wird Lukas Oscar bestimmt nicht so schnell verlassen.

Das Album »Everything’s Built to Last!« von Lukas Oscar erscheint am 30. Jänner 2026. Am selben Tag wird es eine Releaseshow im Berio-Saal im Wiener Konzerthaus geben. Weitere Konzerttermine: 5. Dezember, Vöcklabruck, OKH — 6. Dezember, Kirchdorf an der Krems, Hildegard — 14. April, Mainz (DE), Schon schön — 15. April, Berlin (DE), Kantine am Berghain — 16. April, Hamburg (DE), Hebebühne — 17. April, Osnabrück (DE), Popsalon Festival — 21. Mai, Innsbruck, Die Bäckerei — 22. Mai, Salzburg, Jazzit — 23. Mai, Linz, Stadtwerkstatt — 27. Mai, Graz, Music-House.