Vom Druck, perfekt sein zu müssen – Marie Kreutzer im Porträt

Die Regisseurin Marie Kreutzer erzählt gerne von Frauen, die mit Erwartungen und gesell­schaft­lichen Rollen zu kämpfen haben. Einen ähnlichen Kampf musste sie unlängst beim Teichtmeister-Skandal rund um »Corsage« durchstehen. Ihr jüngster Film »Gentle Monster« ist keine direkte Antwort darauf, sondern viel­mehr eine weiter­führende Analyse der gesell­schaft­lichen Reaktion.

© Teresa Wagenhofer

Die seltsamsten Geschichten schreibt das Leben. 2022 feierte Marie Kreutzers Historiendrama »Corsage«, in dem Vicky Krieps die Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn spielt, Premiere in der Sektion »Un Certain Regard« der Inter­nationalen Film­fest­spiele von Cannes. Der Film konnte viel positives Momentum aufbauen und erlaubte eine etwas nüchternere Sicht­weise auf die oft ver­kitschte Kaiserin. Doch nach dem Kinostart von »Corsage« wurde bekannt, dass Kaiser-Franz-Joseph-Darsteller Florian Teichtmeister rund 76.000 porno­grafische Fotos und Videos besaß, die sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zeigten.

2026, vier Jahre später, war Kreutzer abermals in Cannes vertreten, diesmal im Wettbewerb um die Goldene Palme: In ihrem neuen Film »Gentle Monster« findet die französische Pianistin Lucy (Léa Seydoux) heraus, dass ihr österreichischer Ehemann Philipp (Laurence Rupp) massenweise Kinder­pornografie gehortet und verbreitet hat. Eine Ver­bindung, die viele Kritiker*innen in Cannes in ihren Beiträgen auf­griffen. Und eine Beobachtung, die den Film wohl auch begleiten wird, wenn er bald auf Netflix einem breiteren Publikum zur Verfügung steht. Der US-Streamer sicherte sich rasch nach der Premiere die Rechte für den nord­amerikanischen Raum.

Doch seinen Ausgang nahm das filmische Narrativ eigentlich ganz woanders. »Die Ursprungs­inspiration war ein Zeitungs­artikel im Sommer 2020 über einen Pädo­kriminellen­ring in Deutschland, der auf­gedeckt und verfolgt wurde«, erzählt Kreutzer. »Der Artikel hat mir die Größen­ordnung des Problems klarer gemacht. Die Täter sind nicht offen­sicht­lich, sondern das kann der coole, nette Typ von neben­an sein – oder ein Freund.« Teichtmeister habe sie zwar nicht privat gekannt, »aber trotzdem bewies diese Geschichte, wovon meine Recherche ausging, nämlich dass auch ich einen Täter kennen muss. Das hat mich letztlich bestärkt, den Film zu machen.« Die Hand­lung und Figuren habe der Skandal dann zwar nicht mehr beeinflusst, aber »manche meiner Schau­spieler*innen haben Florian auch gekannt und somit erlebt, dass man sich von jemandem derart getäuscht fühlen kann. Insofern wurde das Projekt davon eher begleitet als beeinflusst.«

Der Film blickt nie voyeuristisch auf den Täter oder die Opfer. Mit Lucy rücken die Angehörigen in den Vordergrund. Jene, die sich nun mit den dunklen Facetten ihrer Liebsten auseinander­setzen müssen. »Ich finde, die An­ge­hörigen repräsentieren in dieser Geschichte auch die Gesellschaft. Wie gehen wir mit solchen Fällen um?«, so Kreutzer. »Wenn es sich um jemanden handelt, der be­rühmt ist oder den wir nicht mögen, sagen wir immer ganz schnell, den muss man canceln. Wenn es aber jemand ist, der uns in irgend­einer Weise nahesteht oder dem wir vertraut haben, ist es ungleich schwieriger.« Zum einen versuche man dann, eine Recht­fertigung oder Erklärung zu finden. Und zum anderen wolle sich die Gesell­schaft anscheinend nicht wirklich mit der Problematik befassen. »Man sieht das auch bei der Causa Epstein. Uns er­reichen immer wieder neue Details und Berichte. Aber so skandalös das alles auch ist, man hat nicht das Gefühl, dass das jetzt irgendwas in Gang setzen würde.«

Von Graz nach Wien

Kreutzers Weg zum Film war kein direkter: »Ich wollte eigentlich Schrift­stellerin werden und schrieb schon immer, seit ich fünf Jahre alt war.« Geboren 1977 in Graz, wächst sie in Gleisdorf sowie Graz auf und besucht die AHS Modell­schule, die einen künstlerischen Schwer­punkt hat. Nach der Matura 1995 studiert sie Romanistik und Germanistik in Graz und Wien, bevor sie 1997 an der Film­akademie Wien auf­ge­nommen wird.

»Als Studium suchte ich etwas, bei dem ich schreiben kann. Es gab damals in Österreich aber keinen Lehrgang für Kreatives Schreiben. Ich stieß dann darauf, dass man Drehbuch studieren kann, und bewarb mich deshalb an der Film­akademie«, erklärt Kreutzer den frühen Umschwung in ihrer Laufbahn. »Die nahmen mich tat­säch­lich auf, ohne dass ich irgendwas über Film wusste. Ich bla­mierte mich sicher etwas bei der Aufnahme­prüfung, aber sie sahen, dass ich schreiben kann.« Erst im Laufe des Studiums, als sie die anderen Departments kennenlernt, kommt auch die Freude an der Regie dazu.

Sieht sie Parallelen zwischen Schreiben und Regie? »Im Prinzip erzählt man bei beidem eine Geschichte, aber in der Arbeit unter­scheidet es sich schon sehr stark. Wenn ich schreibe, bin ich meistens zu Hause und sehr viel in meinem Kopf sowie bei der Recherche. Wenn ich Regie führe, bin ich dauernd mit vielen Menschen in Kontakt und muss Entscheidungen treffen.« Ihr Pro­fessor Walter Wippersberg habe immer gesagt, wer gut schreiben kann, kann auch Regie führen. Wer Regie führen kann, kann aber nicht unbedingt gut schreiben. Kreutzer: »Es ist das Schwierigere oder auch das Wichtigere. Ohne ein gutes Drehbuch wird es kein guter Film werden, egal wie toll alles andere ist.«

Regisseurin Marie Kreutzer kam über ihre Liebe zum (Drehbuch-)Schreiben zum Film. (Bild: Teresa Wagenhofer)

Verletzliche Frauenfiguren

Bereits in ihren ersten Kurz­spiel­filmen etabliert Kreutzer Themen, die sich auch in ihren späteren Lang­spiel­filmen immer wieder finden: In »Cappy Leit« (2000) begleitet sie die 14-jährige Theres zwischen Kindsein und Erwachsen­werden. »Un peu beaucoup« (2002) dreht sich um eine ungewollte Schwanger­schaft und deren Folgen. Und in »White Box« (2006) beginnt eine Studentin für einen seltsamen älteren Mann zu arbeiten, dem sie die trivialen Besitz­tümer einer verstorbenen Frau in weißen Schachteln beschreiben muss. Stets stehen verletzliche Frauen­figuren, Umbruch­situationen und emotionale Ausnahme­zustände im Mittelpunkt.

»Es ist die Lebensrealität, dass wir immer dem Ziel hinterher­rennen, alle Er­wartungen zu erfüllen, die die Gesellschaft an uns stellt. Und dass wir das gar nicht erreichen können, weil sich die Erwartungen immer wieder ändern«, seziert Kreutzer ihr eigenes Œuvre. »Je älter ich werde, desto mehr Rollen nehme ich in dieser Gesell­schaft ein. Als Frau, beruflich, als Mutter, als Partnerin, als Freundin von anderen Frauen und als Kind von Menschen, die altern. Diese Rollen werden immer mehr und deswegen wird mir auch immer klarer, dass es unmöglich ist, die gesell­schaftliche oder mediale Erwartung zu erfüllen, wie man als Frau zu sein hat.« Daher werde dieser Druck immer ein Thema für sie sein, »weil es zu viele Geschichten darüber gibt«.

Dass solche Themen sowie weibliche Film­schaffende sich in der Film­förderung nicht immer durchsetzen konnten, hält Kreutzer für offensichtlich. »Als ich an der Film­akademie studierte, war die Geschlechter­verteilung unseres Jahrgangs ungefähr fifty-fifty. In der Ausschüttung von Fördermitteln bildete sich das danach aber nicht ab.«

Die inzwischen besseren Voraussetzungen brächten andere Probleme, mit denen Frauen nun zu kämpfen hätten: »Die Wahr­nehmung ist jetzt, dass wir bevorzugt werden. Das stimmt natür­lich nicht. Wir ver­suchen nur gleich viele Möglich­keiten, gleich viele Freiheiten zu haben. Aber es gibt eine spürbare Gereiztheit unter den männ­lichen Kollegen, weil sie das Gefühl haben, ihnen wird etwas weg­genommen. Das ist jedoch zwangsläufig der Fall: Wenn wir sagen, wir müssen Gleichheit erreichen, dann müssen die, die immer zu viel bekommen haben, natürlich auch etwas hergeben.«

Spätestens mit ihrem Lang­spiel­film­debüt bewies Kreutzer schließlich endgültig, was sie kann. »Die Vater­losen« wurde 2011 auf der Berlinale uraufgeführt. Der Ensemble­film beleuchtet die Zusammen­kunft ent­fremdeter Geschwister, nachdem deren Vater, der An­führer einer Hippie­kommune, verstorben ist. Bei der Diagonale in Graz wurde »Die Vater­losen« insgesamt viermal aus­ge­zeichnet, unter anderem als bester Film. Auch inter­national heimste er diverse Preise ein.

2019 war Marie Kreutzer dann abermals auf der Berlinale zu Gast: mit »Der Boden unter den Füßen«, in dem die von Valerie Pachner gespielte Hauptfigur an Arbeit, ihrer geistig kranken Schwester und ihren eigenen Dämonen zu zer­brechen droht.

In »Gentle Monster« rückt Marie Kreutzer bewusst die Angehörigen von Tätern in den Fokus. (Bild: Teresa Wagenhofer)

Humor und Drama

Ihr erfolgreichster Film, so Kreutzer augen­zwinkernd, sei aber nach wie vor eine Komödie. In »Was hat uns bloß so ruiniert« wollen drei Paare nach der Geburt des Nachwuchses keine elterlichen Spießer werden. Doch Eltern­schaft hat seine ganz eigenen Heraus­forderungen. Kreutzer traf damit einen Nerv: »Da sprechen mich noch immer die Leute im Supermarkt drauf an.« Humor ist der Regisseurin wichtig. »Meine Filme haben immer komische Szenen. Das gibt dem Ganzen einen kurzen Moment der Er­leichterung, auch in einem dramatischen Film.« Sie sei glücklich, wenn die Leute an den richtigen Stellen lachen. »Dann kann man sehr schnell erkennen, ob etwas funktioniert. Wenn man ein reines Drama macht, ist es schwieriger, denn woran erkennt man die richtige Reaktion an den richtigen Stellen?« Es mache ihr viel Freude, »solche Szenen zu drehen, zu inszenieren, mit den Schau­spieler*innen zu erarbeiten.«

So präzise sie in ihren Büchern ist, so offen ist Kreutzer in ihrem Umgang mit den Darsteller*innen. »Mir ist sehr wichtig, dass sie viel Freiheit haben, dass sie sich relativ frei bewegen können.« So arbeite sie zum Beispiel nie mit Markierungen. Viele Schau­spieler*innen sind gewohnt, dass sie an bestimmten Stellen stehen oder sich dorthin bewegen müssen, wenn sie einen bestimmten Satz sagen. »Das würde es bei mir niemals geben. Ich finde, das unter­bricht alles. Ich ver­suche, sie im Moment zu haben und richtig auf­einander reagieren zu lassen; ihnen die Mög­lich­keit zu geben, komplett loszulassen, nicht darüber nach­zu­denken, ob sie gerade gut spielen oder gut aussehen.«

Apropos loslassen: Mit »Die Notlüge« aus dem Jahr 2017 inszenierte Kreutzer zum ersten Mal einen Film, der nicht aus ihrer Feder stammte, sondern von ihrer lang­jährigen Kollaborateurin Pia Hierzegger. Wie steht die Frau, die vom Schreiben zum Film kam, zu Stoffen anderer? Dazu, die Geschichte quasi abzugeben? »Prinzipiell gibt es keinen Grund, nicht auch Bücher von anderen Menschen zu verfilmen«, so Kreutzer. »Nur meistens gefallen sie mir nicht oder ich würde sie anders schreiben.«

2027 wird sie wahrscheinlich abermals ein fremdes Drehbuch inszenieren. »Ich handle mir aber immer heraus, dass ich eine Regie­fassung schreiben darf. Damit kann ich das Buch ein bisschen in eine Richtung bringen, die mehr mit mir zu tun hat und meine Erzähl­weise verstärkt.«

Die Liebe zum Drehbuch­schreiben überlagert inzwischen auch ihre jugendlichen Ambitionen: »Ich habe überhaupt keine Lust mehr, einen Roman zu schreiben. Selbst wenn der viel komplexer und reich­haltiger sein kann. Ein Dreh­buch ist primär die Vorlage für einen Film, aber es ist auch ein Werk. Ich liebe die Ökonomie, sich genau zu überlegen: ›Brauche ich das? Was kann ich weglassen?‹ Weil ich ein sehr ordentlicher Mensch bin, mache ich das gerne.«

Lucy (Léa Seydoux) sieht sich im Film »Gentle Monster« mit den Taten ihres Mannes (Laurence Rupp) konfrontiert. (Bild: Film AG)

Preisregen

Und ihre Ordentlichkeit macht sich bezahlt: Neben den ange­sprochenen Aus­zeichnungen für »Die Vater­losen« gab es für Kreutzer bereits zahlreiche weitere Ehrungen. So er­hielt etwa »Corsage« beim BFI London Film Festival den Preis als bester Film und wurde von Österreich ins Rennen um den Auslands­oscar geschickt. Dass es dann nicht für die Shortlist reichte, lag ver­mutlich auch am eingangs erwähnten Skandal.

»Die Erwartung ist immer hoch«, beschreibt Kreutzer den Moment nach einem Gewinn. »Wenn man schon Er­folg hatte, dann wird die Erwartung halt noch höher. Aber selbst dann gibt es immer noch die, die sagen: ›Eigentlich ist es ein Schas.‹ Man kann es nicht allen recht machen.« Sie selbst habe zu Preisen ein sehr zwie­spältiges Verhältnis: »Ich war selbst schon in Jurys. Es ist subjektiv, es geht um Geschmack. Jede Ent­scheidung wird immer von so vielen Faktoren und Dynamiken bestimmt, die nichts damit zu tun haben, ob etwas das Beste ist.«

Viel lieber wäre es ihr da, die Film­kunst allgemein zu feiern. »Das Aller­erste, was ich ge­hört habe, als wir mit ›Gentle Monster‹ nach Cannes zum Wett­bewerb eingeladen wurden, war, was das für ein Riesen­erfolg ist. ›Wir drücken die Daumen, du ge­winnst die Palme.‹« Dabei sei es wahn­sinnig schwer, überhaupt erst reinzukommen. »Man denkt sich als Film­schaffende, warum kann man dort im Wettbewerb nicht gemeinsam feiern? Warum ist es immer gleich eine Konkurrenz? Ich finde, man kann Filme einfach nicht vergleichen.«

Mit sich selbst verglichen werden will Kreutzer auch nicht. »Nach ›Corsage‹ kamen mehrere Angebote für historische Stoffe. Das ist mir schon mit den Kurzfilmen passiert: Man wird sehr schnell festgelegt auf eine bestimmte Art von Film. Jedes Mal wird dann das Gleiche erwartet, nur noch besser. Ich machte es mir schon öfter schwer, indem ich etwas drehte, das man nicht von mir erwartet hatte oder das man nicht wollte. Weder das Publikum noch die Presse noch die Förderstellen.« Leichter tue man sich natürlich, wenn man eine Trade­mark habe. Aber: »Film kostet sehr viel Energie und ich kann die Energie nur auf­bringen, wenn ich in dem Moment etwas erzähle, das ich sehr wichtig finde.«

Wichtig ist der Tochter der steirischen Grünen-Politikerin Ingrid Lechner-Sonnek auch, sich politisch zu engagieren. »Wir als Film­schaffende haben eine Ver­ant­wortung.« Gerade die jüngere Generation sei hier gefragt. »Ich bin in ver­schiedenen Gremien und denke mir, dass lang­sam andere übernehmen könnten.« Den öster­reichischen Film sieht sie jedenfalls gerade in einer extrem schwierigen Situation. »Durch den Ausfall der Förder­schiene ÖFI+ und die Inflation, die wirk­lich jedes einzelne Projekt an jedem einzelnen Punkt so viel teurer macht, ist es sehr schwer geworden, über­haupt auf ein Budget zu kommen, mit dem man Filme ver­nünftig und auch bei ver­träglichen Arbeits­bedingungen realisieren kann.« Und das in einer Zeit, in der Leute sich generell schwertun, Arbeit zu bekommen. »Ich habe das Gefühl, dass unser Kultur­minister gar nicht richtig versteht, wie stark der öster­reichische Film ist – auch im inter­nationalen Vergleich. Und wie viele Arbeits­plätze da drinnen stecken. Wir fühlen uns gerade ziemlich allein gelassen.«

Der Film »Gentle Monster« von Marie Kreutzer startet am 17. September 2026 in den öster­reichischen Kinos.

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