Big in Wien 7 – Über die Marke Matthäus Bär

Matthäus Bär macht Kindermusik. Ein gewisses Alleinstellungsmerkmal für den früheren Indie-Musiker. Aber auch sein größtes Handicap: Wie positioniert man sich als Künstler in einem Genre mit Imageproblem?

© Niko Ostermann
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Die Strizzis. Der Gangster. Der Sir. Die Glam-Boys. Die Düstere. Es sind große Narrative, die jenen österreichischen Bands zugrunde liegen, die es aus der Nische geschafft haben. Es sind die Storys um sie herum, die ihr Image definieren und so zur Reflexionsfläche für viele werden lassen. Die Bierseligkeit Wandas mit ihren großen Gesten und das nostalgische Halblegale von Voodoo Jürgens, die arrogante Künstlerpersönlichkeit Falcos und die cheesy Sexyness von Bilderbuch. Aber auch die dunkle Erhabenheit von Soap & Skin. Vor allem bei den ganz großen Verkaufsschlagern ist es oft eine solche Geschichte, die die Leute abholt. Der damit verbundene, wie auch immer geartete Glamour, der das »Ich bin ein Star!« auch den unbedarftesten Rezipienten ins Bewusstsein impft. Das muss ein Nimbus sein, der leicht vermittelbar ist. Es ist wie beim Songwriting an sich: »Das Schwierigste ist, einfach zu sein. Wie ›Imagine‹ von John Lennon – dodeleinfacher Song und trotzdem Meganummer. Stefan Redelsteiner ist das ›Imagine‹ im Management-Bereich – die einfachsten Ideen, die niemand hat.« Das sagt einer, der sich selbst sehr genau mit Image beschäftigt, der das erkennt: Matthäus Bär, seines Zeichens Liedermacher und Entertainer im Bereich der Kindermusik.

»Das hier ist kein Kindergarten«

Kindermusik. Musik für Kinder. Es gibt nur wenige Genres, die mit größeren Imageproblemen zu kämpfen haben. Wenn jemand Kindermusik macht, wirkt das immer ein bisschen Dings. Den Begriff in den Mund zu nehmen, ist verpönt. Ein anderes Wording stets ratsam – Eltern sollten immer miteinbezogen werden. Matthäus Bär löst das oft mit »Kindermusik für Eltern« oder »Elternmusik für Kinder«. Es ist die Segmentierung, die zu schaffen macht und für Veranstalter ausgrenzt, auch über die Subgenres hinweg. Denn die musikalische Zielgruppenoptimierung steht der der U-Musik in nichts nach, für jede Erwachsenenvorliebe gibt es ein Kinderpendant: Tote-Hosen-Punk für Kinder, Kiddie-Hip-Hop und auch viel deutschen Pop.

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»Stromgitarre, Schlagzeug, Bass, das macht allen Kindern Spaß«

Gerade daran stieß sich Matthäus Bär – ehemaliger Sänger der braven Indie-Rocker The End Band und schon damals unter diesem Spitznamen bekannt – , als er vor dreieinhalb Jahren auf Anraten der Mutter seiner Kinder erstmals probierte, auf Deutsch Musik für Kinder zu machen. »Vieles von dem, was es da gab, wirkte wie hingeschissen. Inhaltlich und ästhetisch muss es eh jeder selbst wissen, aber erstens war das technisch oft ›Keyboard-Preset 1‹ und zweitens werden Kinder auch inhaltlich für dumm verkauft.« Und da kann man doch ansetzen, es besser machen, das Ganze in ein neues Gewand zu kleiden: »Ich wollte etwas schaffen, was man sich als Kind und Elternteil mit einer Ernsthaftigkeit anhören kann. Etwas, das den Ansprüchen von Erwachsenenmusik entspricht.« Matthäus Bär geht es nicht um Trash, nicht um Ruhigstellen der Kleinen in den Kinder- und Bälleparadiesen der Einkaufszentren der Nation.

In den letzten beiden Jahren trat er mit Begleitband rund 50 Mal auf, idealerweise auf eigens veranstalteten Konzerten. Denn: Die großen Kinderfeste der Bundesländer, wo er in Kinderbespaßungsecken neben Krapfen, Kinderschminken und Luftballonfiguren auftrat, sind die neuen »Schweinsfestln«, wo niemand wegen einer Indie-Rock-Band kommt. Viele neue Fans gewinnt man nicht, wenn man dort spielt. Hintergrundbespaßung ist vor allem als Entertainer für Kids nur semi-interessant. »Kinder lassen dich sowieso sofort spüren, wenn du sie nicht bei der Stange hältst.« Ein Musikantenstadl mit Animationen wie beim Clubtourismus mit Mitklatschen und Ballaballa kommt nicht infrage. Niemand wird zum Mitsingen animiert, wenn doch, dann nur musikalisch, nicht mit großen Gesten.

Der Erfolg gibt Bär durchaus recht, die erste Auflage der ersten beiden Alben »Matthäus Bär singt seine großen Kinderlieder« und »Stromgitarre, Schlagzeug, Bass«, die eher zufällig entstanden sind, sind jeweils ausverkauft und mussten nachgepresst werden. Als Betreiber des Labels Phonotron ist Matthäus Maier – so heißt er mit bürgerlichem Namen – auch Investor und Vertrieb in einem: Zielgruppengerechte Kindergeschäfte werden noch von ihm selbst bedient.

© Niko Ostermann
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»Schotter, Kies und Kröten, Mäuse, Kohle, Heu und Stroh«

Wenn nun die neue EP »Nichts für Kinder« erscheint, bedeutet das eine Zäsur für Matthäus Bär – der Bär geht sozusagen »all in«. Bislang hat er immer nebenbei gehackelt. Jetzt heißt es: Entweder gescheit oder gar nicht. Einkommen zum Auskommen braucht volle Aufmerksamkeit. Und in zehn Jahren würde er sich diesen Schritt nicht mehr trauen. Dafür passt er sein musikalisches Konzept etwas an: Es sind Songs, die weder klaren Eltern- noch klaren Kinderkontext haben. Ziel war und ist erreicht: Eine Schlagerplatte, ganz im Stile der Allergrößten, der großen Verbinder aller Generationen und Zielgruppen. Udo Jürgens etwa. Matthäus Bär: »Auf den bin ich total reingekippt. Er funktioniert für alle Generationen. Lieder für Kinderserien wie ›Es war einmal der Mensch‹ oder ›Tom und Jerry‹ verstehen die Kleinen total.« Hintergründige Sozialkritik freut die vordergründigen Schlagerfreunde und das Bildungsbürgertum. Und ja, es sind sozialkritischere Themen auf »Nichts für Kinder«, aber schon auch für Kinder verpackt. Für den passenden Schlagersound sorgt die Studio-Begleitband Polkov.

 

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