Obduktion eines Schlächters – »Murer – Anatomie eines Prozesses« von Christian Frosch

Der steirische Großbauer Franz Murer verantwortete die Vernichtung der Juden im Ghetto von Vilnius. In Graz wurde er 1963 dafür freigesprochen, der Freispruch von der Bevölkerung bejubelt. Christian Frosch seziert in »Murer – Anatomie eines Prozesses« einen Justizskandal, der die junge Zweite Republik hätte erschüttern sollen.

© Ricardo Vaz Palma / Prisma Film

Das Böse hat viele Gesichter. Das Gesicht Franz Murers ist eines seiner hässlichsten. Murer, der Nazi. Murer, der Sadist, der seine Opfer quälte, erniedrigte und vor ihren Liebsten grausamst tötete. Murer, der »Schlächter von Vilnius«, der als Leiter des Ghettos Mensch um Mensch systematisch in den Tod trieb: 80.000 Juden lebten vor dem Einmarsch der Wehrmacht in Vilnius – zur Auflösung des Ghettos 1943 waren es 600.

»Es wäre mir lieber, wenn man das Gefühl hätte, das ist weite Vergangenheit und sich fragen kann: Was hat das mit uns zu tun? Ich finde es erschreckend, dass die erste Reaktion auf den Film meist ist, dass er so aktuell sei – und er eigentlich ja strikt historisch ist.« Christian Frosch schüttelt den Kopf und nimmt einen Schluck von seinem großen Espresso im Café Rüdigerhof nahe des Wiener Naschmarkts. Er spricht leise und wohlüberlegt, wägt seine Worte genau ab. Eine angenehme Bescheidenheit und Zurückhaltung ist zu spüren. Frosch studierte an der Filmakademie Wien, beendete sein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Sein vorangegangener Spielfilm »Von jetzt an kein Zurück« erhielt den Österreichischen Filmpreis 2016 und den Publikumspreis der Diagonale 2015. 2018 ist »Murer – Anatomie eines Prozesses« Eröffnungsfilm der Diagonale.

Man bekommt das Grauen nicht zu sehen, das man in »Murer – Anatomie eines Prozesses« erfährt. Man erfährt es aus der Perspektive eines Prozessbeobachters. »Die erste Entscheidung war, dass die Zuseher zu Zeugen des Prozesses gemacht werden. Jeder muss sich die Verbrechen selber vorstellen. Eine filmische Rückblende wäre ein Beweis, den es im Prozess nicht gegeben hat.« Verbrechen für Verbrechen, Mord für Mord wird Murer von den Zeugen vorgeführt. Doch sie werden nicht gehört, sie werden verhöhnt. Vom Publikum, darunter auch Murers Kinder – und von Murers Strafverteidiger. »Die Stimmung in der Bevölkerung war gegen diese Prozesse. Das war in Deutschland nicht anders, etwa bei den Auschwitz-Prozessen, die ein Jahr später stattgefunden haben«, ergänzt Frosch.

Befehl und Gehorsam

Johannes Sachslehner ist Autor des Buchs »Rosen für den Mörder: Die zwei Leben des NS-Täters Franz Murer«, erschienen im Molden Verlag im Oktober des vergangenen Jahres. Er bekräftigt dies: »Die Atmosphäre im Prozess, die vom vorsitzenden Richter Peyer geschaffen wurde, war skandalös.« Sachslehner präzisiert zudem die juristische Problemstellung: »Die Gesetzeslage war nicht einfach. Man musste Murer einen Mord nachweisen. Er war Zivilbeamter, kein SS-Offizier – seine Rolle wurde von vielen nicht genau erfasst.« Ein Umstand, der sich im Film durch peinigende Befragungen der Zeugen der Anklage nach Details, wie der Farbe von Murers Uniform, 20 Jahre später widerspiegelt. Braun oder grün, heller oder dunkler? Oder gar schwarz? Die Verteidigung bringt die Zeugen aus der Fassung, verspottet sie und pocht auf Verwechslungen.

Die Mutter des Wiener Schriftstellers Doron Rabinovici, Schoschana Rabinovici, überlebte das Ghetto von Vilnius und schilderte ihre Erinnerungen in ihrem Buch »Dank meiner Mutter«. Doron Rabinovici analysiert die Verteidigungsstrategie Murers: »Dieser Prozess hat erstens vorweggenommen, was später relevant geworden ist: die Art und Weise, wie sich Murer verteidigt hat. Sich auf Befehl und Pflicht auszureden. Er habe damit nichts zu tun gehabt – oder gab die Schuld jüdischen Funktionären im Ghetto.« Rabinovici führt fort: »Das Zweite: die Identifikation der Öffentlichkeit mit dem Mann in Uniform. Nicht alle waren Verbrecher, aber Murer wurde als einer der ihren verstanden, weil auch er eine Uniform getragen hat. Er hat sich ziemlich typisch verteidigt.« Selbst der ehemalige UNO-Generalsekretär und Bundespräsident Kurt Waldheim argumentierte mehr als 20 Jahre nach Murers Prozess teils so, als stünde er wegen Verbrechen vor Gericht, obgleich er im Grunde nur seiner Lügen und Ausreden wegen politisch kritisiert worden war.

»Ich finde es erschreckend, dass die erste Reaktion auf den Film meist ist, dass er so aktuell sei – und er eigentlich ja strikt historisch ist.« — Christian Frosch © Michael Mazohl

Justizminister im Zwielicht

Als Hauptangeklagter des Films könnte letztendlich nicht Murer verstanden werden, sondern die gesamte, von Skandalen gezeichnete Nachkriegsjustiz Österreichs, die Entnazifizierung und alle ihre Inkonsequenzen. Eine Schlüsselperson: der ehemalige SPÖ-Justizminister Christian Broda. »Broda kommt im Film viel zu kurz, er wäre eine eigene Untersuchung wert, einen eigenen Film. Er war lupenreiner Antifaschist, im Widerstand aktiv, wurde von den Nazis fast umgebracht. Einer, der für Österreich viel geleistet hat. Das hätte einer von den wirklich Guten sein können«, so Frosch.

Hat Christian Broda im Fall Murer eine Weisung an den Staatsanwalt zu Murers Gunsten erteilt? Broda, als ehemaliger Widerstandskämpfer, schützt einen der grausamsten Nazis? »Es war eine Zeit der großen Koalition. Die ÖVP stellte mit Alfons Gorbach den Kanzler. Broda war durch seine kommunistische Vergangenheit leicht erpressbar, die SPÖ war leicht erpressbar, weil sie selber Nazis in der Regierung hatte.« Frosch fährt fort: »Man wollte das Land als diplomatische Ost-West-Drehscheibe etablieren und deshalb war es wichtig, Österreichs Legende als neutrales Naziopfer in die Welt zu setzen. Außerdem wollte die SPÖ ganz strategisch ehemalige NSDAP-Mitglieder als Wähler gewinnen.« Es waren 750.000 Österreicherinnen und Österreicher, die von der Entnazifizierung betroffen waren. »Die waren wahlentscheidend«, gibt Frosch zu bedenken.

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