Mutterficker mit Stil

Haftbefehl ist der neue Bürgerschreck des deutschen Rap. Sein neuartiger Gangsta-Slang verändert langfristig die deutschsprachige Szene und stürmt nebenbei die Charts.

Aus rechtlichen Gründen werden Artikel aus unserem Archiv zum Teil ohne Bilder angezeigt.

Angela Merkel ist eine Schlampe, hört nicht auf die Straße und schon gar nicht auf Haftbefehl. Das erklärt der Rapper im Track »Azzlacks sterben jung«. Aykut Anhan heißt der deutsch-kurdische MC, ist 26 Jahre alt, kommt aus Offenbach am Main und hat der HipHop-Szene eine neue Zunge wachsen lassen. Seit seinem Debütalbum »Azzlack Stereotyp« (2010) muss auf ihn gehört werden. Nicht, weil er die deutsche Kanzlerin beleidigt. Auch nicht, weil er mit Testosteron-Formeln provoziert, die seit Bushido und gut 30 Jahren US-Rap Gangsta-Standard sind. Haftbefehl stilisiert sich zur Projektionsfigur deutscher Hinterhöfe, Gossen und Rotlichtviertel. Er repräsentiert die Azzlacks: Das meint sein Umfeld und sein Label (u.a. Capo Azzlack, Celo & Abdi), sowie seine wachsenden Fans. Haftbefehl hat einen Sprachstil entwickelt, der vor internationalen Referenzen strotzt und trotzdem originell klingt. »Das ist kein Deutsch, was ich mache ist Kanackisch« – heißt es zu Beginn seines neuen Albums »Kanackiş«.

Straight Outta Bahnhofsviertel

Inspiriert haben ihn französische Banlieue-Rap-Ikonen wie Sefyu oder Booba, die ihre Wörter und Silben frei nach Bedarf dekonstruieren. Das Vokabular ist mehrsprachig und multikulturell. Dieses Rezept hat Haftbefehl für deutschen Gangsta-Rap neu interpretiert – wuchtige Synthie-Beats und außergewöhnlich atmosphärische Sound-Konzepte inklusive. Dialektdeutsch mischt er mit türkischen, arabischen, romanischen oder slawischen Slang-Begriffen. Schlagwörter, Abkürzungen, Markennamen und Imperative definieren seinen schleppenden Reimfluss, den Notorious B.I.G. geprägt haben soll. Sein Storytelling klingt verknappt, aber prägnant und präzise. Zwischen den Zeilen fiktionalisiert Haftbefehl dann die Milieus krimineller Einwandererkinder. »Ich nehm’ dir alles weg, die Schlüssel zu deinem Haus, die Bitch, die du liebst, den Mercedes, den du fährst. Ich nehm’ dir alles weg und töte deinen Bruder. Ja du hast Recht, das Leben ist nicht fair!« – mit diesem Refrain startete 2010 sein Hype.

Martialisch und materialistisch macht er Klassenunterschiede, Aufstiegsträume und Ganoven ohne Perspektiven zum Thema. Authentizität, Loyalität, Faustrecht, Sex, Drogen und Spaß vollenden sein Gangster-Melodrama. Anders als viele, die vor ihm harte deutsche Ghettos behaupteten, wirkt Haftbefehl geheimnisvoll und überzeugend. Zudem sind seine Übertreibungen humorvoll. Doch manchmal fehlt die Distanz zu seinen ambivalenten Inhalten. Seit dem Beginn seiner Karriere fällt Haftbefehl zwar vereinzelt mit antisemitischen oder antizionistischen Aussagen auf, wenn er von Verbindungen zwischen Juden und Finanzwelt spricht oder einen Boykott Israels für die Freiheit von Palästina fordert. In Interviews und Texten (»Free Palestina«) plädiert er dagegen für die Gleichheit aller und für harmlose Provokationen. Er reflektiere und repräsentiere den rauen Witz aller Straße, unabhängig von Herkunft.

Sein erfolgreiches Modelabel Thug Life erhöht von Beginn an sein Identifikationspotenzial. So schnalzen die rauen Zungen flächendeckend für alle (Marginalisierten), die sich von Räuberpistolen unterhalten lassen wollen. Gemeinsam mit seinen Haupt-Produzenten M3&Noyd und Bazzazian hat Haftbefehl nun ein hymnisches zweites Werk geschaffen, das der spektakulären Kunstfigur gerecht wird. Die Hood ist, wo du bist. Unlängst enterte Haftbefehl mit »Kanackiş« auf Platz 10 die deutschen Albumcharts.

»Kanackiş« ist im Februar via Azzlackz/Groove Attack erschienen. Das »Mietwagentape« von Celo & Abdi kann auf www.azzlackz.de gratis runtergeladen werden.

Newsletter abonnieren

Abonniere unseren Newsletter und erhalte alle zwei Wochen eine Zusammenfassung der neuesten Artikel, Ankündigungen, Gewinnspiele und vieles mehr ...