Muttersprachenpop – die wichtigsten Veröffentlichungen im August 2017

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald.

The Hirsch Effekt
© The Hirsch Effekt

Fortuna Ehrenfeld – »Hey Sexy«

Fortuna Ehrenfeld
© Michael Haegele

Zum fünfzehnten Jubiläum kommt das einst so umtriebige und innig im ganzen DACH-Raum geliebte Weltlabel Grand Hotel van Cleef wieder ein bisschen zu Potte. Die Vinyl-Veröffentlichung von »Keine Lieder über Liebe« (siehe unten), ein angekündigtes neues Kettcar-Album und – darum soll’s jetzt gehen – das zweite Album von Fortuna Ehrenfeld. Letzteres ist ein überraschender Hochgenuss sondergleichen: Der Kölner Multiinstrumentalist Martin Bechler zaubert auf »Hey Sexy« wunderbaren Lo-Fi-Pop mit elektronischen Versatzsstücken, malt postmoderne Melancholie schwarz-weiß in alle musikmöglichen Rezeptionskanäle und bindet seine Hörer ganz nah an ihn ran. Die Instrumente wurden fast alle selbst angespielt, mitproduziert hat auch René Tinner (Lou Reed, Can, Trio), nicht nur das hört sich gut an. Die erste Single »Zuweitwegmädchen« etabliert sich bereits jetzt als eine der Hymnen für 2017, für Einsamkeiten im Erasmus-Semester oder beim Sich-Doch-Nicht-Selbstfinden.

»Hey Sexy« von Fortuna Ehrenfeld erschien am 18.8.2017 via Grant Hotel van Cleef. Die Solo-Show am Waves Vienna wird dringend empfohlen.

 

Helgen – »Halb oder gar nicht«

Helgen
© Carlito Pix

Es ist vermutlich das größte Versäumnis der musikalischen Gegenwart, dass Innovationen nahezu verunmöglicht werden. Nichts ist einflussfrei. Pop, auch anspruchsvoller, ist nun eklektisches Konstrukt, zusammengeglaubt aus vergangenen Genres und Hypes. Helgen aus Hamburg sind da keine Ausnahme, können gar nicht sein. Die Brocken, die sie in ihr Klangbild schmeißen, sind – anders als so häufig – vielversprechend: Das Debütalbum »Halb oder gar nicht« pustet Staub von 70ies Pop und Funk, erhitzt die Coolness des ganz frühen 00er-Jahre Indie-Rock neu und erlaubt verzerrten Gitarren amouröse Lagerfeuerschunkeleien. Die Songs sind gefällig, durchdacht, es gibt wenig auszusetzen. Und trotz aller vernünftigen Einflüsse, das Gift macht immer noch die Dosis. Die verschiedenen Pole, das ganz Warme und ganz Kalte, stoßen sich mitunter aber ab, Helgen schaffen es nicht immer, dass man dran bleiben will. Man hört es sich gerne an, vielleicht schadet aber die Möglichkeit, wirklich viel zu entdecken zu können.

»Halb oder gar nicht« von Helgen erschien am 4.8.2017 via Chateau Lala / Broken Silence. Wien-Konzert: 8.10. im Kramladen.

The Hirsch Effekt – »Eskapist«

The Hirsch Effekt
© The Hirsch Effekt

Mit der mittlerweile sagenumwobenden »Holon«-Trilogie und insbesondere dem zweiten – immerhin auch gecharteten – Teil »Holon : Anamnensis« haben sich die drei Hannoveraner als höchst positiv rezipierte Grenzgänger zwischen Genres, Stiles und Szenen etabliert, die schwammige Schublade Artcore muss da am ehesten noch herhalten, um Referenzpunkte zu schaffen. Egal, das Feuilleton liegt zu Füßen. Apropos: Während die Triologie auf den Schmerzen von Beziehungsenden fußte, liegt »Eskapist« die allgemeine Beschissenheit der Dinge zugrunde. Das ist in apoltischen Szenen zwar vermeintlich mutig, muss aber sein. Eskapismus, aber hier leben, nein danke. Reichsbürger und Rechtspopulismus werden thematisiert und abgelehnt. Die musikalischen Strukturen werden noch einmal abgedunkelt und teilweise bis an Belastungsgrenzen intensiviert, fiebertraumhafte textliche Eskapaden verstärken das Gefühl eines Erlebnisses, das man erleben haben sollte. Man ist froh, wenn es vorbei ist. Man steigt aber sofort wieder ein.

»Eskapist« von The Hirsch Effekt scheint am 18.8.2017 via Longbranch. Das einzige Österreich-Konzert findet am 2.11. im Viper Room in Wien statt.

 

AUSSERDEM ERWÄHNENSWERT:

Zimt – »Glückstiraden« (VÖ: 25. August 2017)

Lo-Fi-Pop aus Augsburg klingt erstmal komisch, die Referenz als Renaissance der Achtziger noch mehr. Aber: Von biederer Nachmacherei ist die Zwei-Frau-Ein-Mann-Gruppe weit entfernt, die Versatzstücke zum Eigenständigen klingen wie Indie-Ideal, wie bayrische Young Marble Giants. Das kann einfach scheitern, tut es aber keineswegs. Denn die Lieder von Liebe und Müßigang wie der Indie-Hit – gibt’s das noch? – »Schwaches Herz« sind sehr gut, catchy und beweisen großes Potenzial. Dann hören auch die eigentlich müßigen Vergleiche auf.

 

Ansa Sauermann – »Weiße Liebe« (VÖ: 18. August 2017)

Spätestens seit dem Letztjahreshit »Reise« ist der Dresdner angekommen. In einer Liga, wo man schon genau schauen muss, wer gut ist und wer »Menschen Leben Tanz Welt« ist. Keine Sorge: Ansa Sauermann ist ersteres, bietet ein niveauvolles Getaway aus der Intellektualitätsfalle. Das ist poppiger Rock’n’Roll, der zwar schlau und feinsinnig ist, aber mit ihrer bierseligen Grundehrlichkeit fesselt und begleitet. Management und Produzent sind Stefan Redelsteiner und Paul Gallister, da weiß man, wohin der Weg gehen wird.

 

Hansen Band – »Keine Lieder über Liebe« (VÖ: 4. August 2017)

Natürlich eigentlich ein Retro-Tipp, dennoch aktuell: Das einzige Album der Hansen Band aus dem 2005er-Pflicht-Film »Keine Lieder über Liebe«, zu der – wer sich nicht mehr erinnert – neben Jürgen Vogel auch die A-Liga Thees Uhlmann, Marcus Wiebusch, Felix Gebhard und Max Schröder gehören, erscheint nun erstmals auf Vinyl. Und ja, natürlich klingt der Oasis-Pop 12 Jahre später etwas naiv, aber hat nichts von seinem Charme eingebüßt. Und die eine Frage bleibt: Was macht eigentlich Baby Melancholie? Naja, Instagram Stories. Mit ihrer Überdosis Zeit.

 

Der Weg einer Freiheit – »Finisterre« (VÖ: 25. August 2017)

Auch nicht gerade niedrig im Szene-Kurs. Der sphärische Hipster-Black-Metal von Der Weg einer Freiheit, die gleichermaßen makel- und kompromisslos durch ihre Diskografie schweben und auch für das vierte Album »Finisterre« gefeiert werden müssen. Lyrisch am Abgrund, musikalisch erhaben, aus vermeintlicher Diskrepanz entsteht doch meistens Gutes.

 

Der Wahnsinn – »Aus Liebe zum System« (VÖ: 18. August 2017)

08/15, der August von vor zwei Jahren. 08/15 ist auch die Redewendung »nomen est omen«. Aber: Bei Der Wahnsinn stimmt’s. Wobei das Kompliment eher auf Verrücktheit statt Geilheit einzahlt. Aber: Beides stimmt. Wenn zwei(!) Hamburger gemeinsam Punkrock machen, geht’s selten so lustig zu, die Frage nach Postironischem schwebt im Raum. Na, ob das der Kapuzenpolizei taugt? Sollte es aber.

 

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