Muttersprachenpop – die wichtigsten Veröffentlichungen im Juli 2017

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald.

© Ingo Pertramer

Andreas Dorau –  »Die Liebe und der Ärger der Anderen«

© Gabriele Summen

Manche sagen ja, das »Leben oder streben«-Cover des Die Türen Hits ist das prototypischste Andi Dorau Lied, die Zeile »Ich will keinen Mindestlohn, ich will Mindestliebe« kannst du auf viele Dorau Alben und Singles drüberstempeln. Dass dann der Meister der lakonischen Persönlichkeitsakrobatik – man darf sich an seine humorig-schräge, aber vor allem sympathische Lesung mit Dirk Stermann vor einigen Jahren in Wien erinnern – sein zehntes Studioalbum, ein Doppelalbum, mit der er es endlich in die Albumcharts schaffen will, »Die Liebe und der Ärger der Anderen« nennt, passt da natürlich dazu. Und, das ist das erfreuliche: Die Lieder, die sich allesamt als Weiterdenken der NDW-Richtung erhabener Cheesiness oder Club subsumieren lassen, passen auch. Es sind ganze zwanzig an der Zahl, Deluxe-Kunden bekommen noch Deluxe-Lieder dazu. Natürlich hätte man da noch ein bisschen aussortieren können, aber erst vermeintliche Filler lassen Tiptop-Singlehits wie »Ossi mit Schwan« oder »Liebe ergibt keinen Sinn« so richtig strahlen. Wenn dann noch Leute wie Moses Schneider, Andreas Spechtl, Wolfgang Müller oder Carsten Friedrichs mithelfen, hilft das sowieso. Und nicht nur wegen des famos-kitschigen Covers sollte »Liebe und der Ärger der Anderen« sowieso in jeder privaten Audiothek stehen.

»Die Liebe und der Ärger der Anderen« von Andreas Dorau erschien am 7.7.2017 via Staatsakt / Caroline / Universal.

Faber –  »Sei ein Faber im Wind«

© Stefan Braunbarth

Auch nicht gerade vom Hype befreit. Aber bei Faber kann man das schon durchaus nachvollziehen. Natürlich ist das Songwriter-Musik, man vermag das Müffeln von Slam Poetry aber nur peripher zu schmecken. Nur weil einer weniger angestaubt textet, »du holst Kaffee bei Starbucks, mein Leben ist ein Startup für dich« oder »du mit deinen neuen Freunden freust dich über Matches auf Badoo«, ist das gleich immer schwierig. Bei Faber ist das – und das ist das nächste schwierige Wort – authentisch. Dem Julian Pollina, so heißt er, kauft man das einfach ab. Musikalisch pendelt’s zwischen russischem und französischem Chanson und, auch schwierig, Latin. Ist ähnlich, aber zwingender und musikalischer als Tom Schillings Debüt von vor ein paar Monaten. Neben dem bereits zitierten Titelsong sticht auch der zigarettengeschwärzte Choral-Drum-Pop »Bleib dir nicht treu« hervor, Anti-Ratschläge für desillusionierte Maturanten. Natürlich gäbe es noch ein paar Schrauben zu schrauben, distinktiver könnte er sein, einzigartiger. Aber für einen 23-jährigen Chansonniere ist das eh schon ganz in Ordnung.

»Sei ein Faber im Wind« von Faber erschien am 7.7. via Vertigo / Universal. Österreich-Termine: 14.11.2017 im Spielboden Dornbirn, am 15.11. im Rockhouse Salzburg, am 17.11. im Kino Ebensee und am 20.11. im Porgy & Bess Wien.

 

Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen –  »It’s Okay To Love DLDGG«

© Martin Morris

Die ganz Aufmerksamen haben es mitbekommen. Das letzte DLDGG-Album »Rüttel mal am Käfig, die Affen sollen was machen« aus dem Vorjahr war ein verdammt großer Wurf. Hits wie »Arbeit ist ein Sechsbuchstabenwort« ließen Campus und Indiedisko – gibt es das noch? – jubilieren. Der Signature Sound, nämlich ein eklektisches Aneinanderreihen von allem, was die 60er bis heute zum mit Abstand musikalisch besten Jahrzehnt macht, Beat, Soul, Proto Punk und Bubblegum Pop, bleibt aber auch auf dem neuen, sehr selbstreferenziellen Album bestehen. Das ist dancy, das ist dandy, das geht nach vorne. Die Liga und Sänger Carsten Friedrichs bleiben wohl die deutsche Band, die es am besten versteht, vermeintlich abgedrehte Geschichten – wie »Der große Kölner Pfandflaschenbetrug« oder der fantastische »Song für Eis Gerd« – zu erzählen. Es geht um Storys, weniger um Gefühle. Die kommen eh mit der Musik, dem Tanz. Weil ohne den kommst du bei »It’s Okay To Love DLDGG« nicht aus.

»It’s Okay To Love DLDGG« von Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen erscheint am 14.7.2017 via Tapete Records. Österreich-Termine sind keine bekannt.

 

Max Richard Leßmann –  »Liebe in Zeiten der Follower«

© Ingo Pertramer

Max Richard Leßmann ist eigentlich schon ganz schön sympathisch. Image, Ego, Chuzpe und Attitüde standen immer in einem leichten Missverhältnis zu Sound und Gebaren seiner Gruppe Vierkanttretlager. Deren Indierock, vor allem auf dem ersten guten Album »Die Natur greift an«, tauscht der Husumer mit beschwingtem Chanson-Pop, die Historiker greifen auf reichlich überzogene Vergleiche mit Burt Bacharach zurück, die Verortung im zeitgenössischen deutschen, Knapp-nicht-Mainstream-Pop ist aber unausweichlich. Dass er zuletzt mit Casper, Prinz Pi und nun beim Album mit Sebastian Madsen kooperierte, geschenkt, für die Einordnung kann es aber klangbildlich ruhig dienen. Das soll jetzt aber gar nichts Schlechtes heißen. Natürlich geht es – dem überlebensgroßen Wortspiel im Album-Titel – um die Desillusionierung im Fortschritt, die Isolation im weltweiten Netz, über Netflix ohne Chill, das L.O.V.E. zuckt aber in allen Synapsen.

»Liebe in Zeiten der Follower« von Max Richard Leßmann erscheint am 21.7.2017 via Caroline / Universal.

 

Jetzt! –  »Liebe in großen Städten (1984-1988)«

© Andrea Brehme

Damit das geklärt ist: Der erstmalige Langspiel-Release von Jetzt! steht hier nicht nur, um den offensichtlichen »Liebe«-Schwerpunkt der Albentitel und dem an dieser Stelle fast schon traditionellen Vintage-Re-Release-Hinweis zu frönen. »Liebe in großen Städten (1984-1988)«, von Tapete kuratiert, sammelt alle Singles, Tape-Demos und unveröffentlichte Mitschnitte der – ja, das gilt auch und vielleicht sogar vor allem für Jetzt! – legendären Bad Salzufler Band. Als Teil des »Fast-Weltweit«-Kollektivs, zu dem auch ein sehr junger Bernd Begemann gehörte, definierte Jetzt! das mit, was später Hamburger Schule genannt wurde, tendenziell früher als die großen Namen, als Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs oder Cpt. Kirk, Linernotes von Frank Spilker, der auf der Single »Acht Stunden sind kein Tag« von 1984 Gitarre spielte, dürfen da nicht fehlen. Neben klassischem Instrumentarium – nennen wir es Indie Rock – brilliert Lyrik und sanfter Gesang.

»Liebe in großen Städten (1984-1988)« von Jetzt! erscheint via Tapete.

 

AUSSERDEM ERWÄHNENSWERT:

Laibach – »Also sprach Zarathustra« (VÖ: 14. Juli 2017)

Die slowenischen Heroen der Avantgarde sind bekannt für und bewandt in der Vertonung von Theaterstücken, im 2016er März in Novo Mesto, premierte die Bühnenversion Nietzsches Werks. Der deutschsprachige Score – unter dem Spektrum der experimentellen Musik zu subsumieren – weckt mit seiner Übermensch-Thematik, militärischem Gebaren altbekannte Laibach-Leitmotive und reiht sich trotz anderer Herangehensweise ins Gesamtwerk ein. Parallel darf man eine Dokumentation der Nordkorea-Tour – Image ist alles und John Oliver hat einmal keinen guten Job gemacht – auf diversen europäischen Filmfesten anschauen.

 

Sondaschule – »Schere, Stein, Papier« (VÖ: 7. Juli 2017)

Desperate times call for desperate measures. Der Spaß ist schon lange vorbei. Und auch vermeintliche Spaß-Kapellen wie die deutsche Ska-Institution Sondaschule suchen ihr künstlerisches Heil in der politischen Positionierung. Weil: Alles scheiße. Nazis da, Fremdenfeindlichkeit da, Terrorangst lähmt Europa. Nur: Die, die das erreicht, wissen das eh schon alle längst. Wobei: Vielleicht kommen so auch die Potheads mal zu Potte.

 

Die Shitlers – »This Is Bochum. Not L.A.« (VÖ: 14. Juli 2017)

Ganz spannend. Ausgestattet mit dem Selbstverständnis, Deutschlands Punk-Zukunft zu sein und einer Rap-Video-Bewertungskolumne im Splash Mag, mögen die Shitlers damit durchaus Recht haben. Ihr drittes Album verbindet weiterhin gekonnt in bester Slime- oder Pascow-Manier 1-2-3-Kompromisslosigkeit mit Fun Content.

 

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