Muttersprachenpop – die wichtigsten Veröffentlichungen im Mai 2017

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald.

© Kala Brisella © André Wunstdorf
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Albrecht Schrader –  »Nichtsdestotrotzdem«

© Marie Köhler

Albrecht Schrader ist sozusagen der Helmut Zerlett der 10er-Jahre. Der Bandleader der größten Late-Night-Show Deutschlands, bekannt aus dem linearen und dem Internet-Fernsehen, steht Jan Böhmermann zu Seite, zeichnet sich für einige seiner YouTube-Straßenfeger verantwortlich und ist als Sympathieträger allgegenwärtig. Auch das formatlose Radio entdeckte Schrader bereits im Vorjahr, als der Titelsong seiner EP »Leben in der Großstadt« reichlich Airplay bekam. Nebenbei hat der Mann mit dem Anti-Stressiva die Klavierspuren auf einem Pete-Doherty-Album eingespielt. Sein erstes Album, das nun via Staatsakt veröffentlicht wird, ist da nur konsequent. Er präsentiert sich darauf als Essenz dessen, was oben genannt ist. Als übermächtiger Klaviercrooner mit fantasie- und humorvoller Textierung, Wortwitz und dandyesker Eleganz niemals abgeneigt. Pop ist steter Begleiter, dessen Purheit höchstes Ziel. Schrader ist weit entfernt von der – auch keinesfalls schlechten – Klavierhumoristik eines Rainald Grebe, Schrader ist eher im Showman-Tum eines Jacques Palminger oder – noch besserer Vergleich – eines späten Rocko Schamonis (und insbesondere dessen letzter Veröffentlichung »Die Vergessenen«) zuhause. Also: Für den geneigten Indie-Hörer durchaus herausfordernd, aber auch ergiebig.

»Nichtsdestotrotzdem« von Albrecht Schrader erscheint am 5. Mai 2017 via Staatsakt. Am 27. September 2017 gastiert Albrecht Schrader im Wiener Rhiz.

 

Kala Brisella – »Endlich Krank«

© André Wunstdorf

Erst wenn man alles verloren hat, kann man alles tun. Freiheit als Katalysator größtmöglicher Kunst. Runter mit den Scheuklappen, Schluss, aus, raus! Was Kala Brisella aus ihrem Debüt »Endlich krank« schöpfen, bedarf des Reinemachens, des Zerstören aller Gewohnheiten, das Einlassen auf nahezu Grandioses, auf Ebene von Rezipient und Künstler. Genres und deren Grenzen sind ohnehin banal, die Erwähnung schwammiger Begriffe wie »Post« oder »Noise« und Einordnungen wie »Punk« oder »Rock« sind für die ganz Peniblen, deren Schubladen schön beschriftet sein müssen. Die drei Berliner, die sich am Theater in der Provinz zum Musikmachen entschlossen, wühlen mit größtmöglicher Heiterkeit in diesen Schubladen, schmeißen Ordnungen durcheinander und höhlen den allerweitesten Begriff der »Gitarrenmusik« aufs Ärgste aus. »Endlich krank« ist tiefdunkle Lethargie, auch eine lyrische Abkehr von ebenjener Spießbürgerlichkeit der Ordnung, die an sich krankhaft ungute Begrifflichkeit der Quarterlife Crisis wird als Norm erhoben. Leben als Chaos, aber auch Epiphanie im selbigen. Gestatten, Kala Brisella, Top-Tipp des Monats.

 

»Endlich krank« von Kala Brisella erscheint am 19. Mai 2017 via Späti Palace als 12“ Vinyl und digital. Österreich-Termine sind nicht bekannt.

 

Love A – »Nichts Ist Neu«

 

© Andreas Hornoff

»Ich änder’ mich so gar nicht, weil das überhaupt nichts bringt«, so klingt direkt der erste Song aus dem neuen Love A-Album »Nichts ist neu«. Das macht aber durchaus Sinn, denn auch das Nichtändern kann durchaus seine Sahneseiten haben. So bleiben Love A weiterhin die wohl relevanteste deutsche Punk-Band. Die frühen Alben sowieso und vor allem das letzte »Jagd und Hund« haben die Gruppe nach ganz oben katapultiert, für intellektuelle Jutebeutel-Träger und die Kapuzen-Polizei sowieso. Und das sind eben die guten. Spoiler: Schlechte gibt es keine – Nachrichten. »Nichts ist neu« ist unverkennbar Love A, so einen – auch wenn das Wort schrecklich klingt – Punkrock kriegt auf keinen Fall jeder hin, das ist durchdacht zum Quadrat, teilweise sogar schon Math. Und auch gesanglich ist das, was Jörkk Mechenbier präsentiert, State of the Art, äußerst pointiert, mit höchstem Qualitäts- und Authentizitätsanspruch. Auch die bekannte post-adoleszente Schlaumeierlyrik ist das höchste aller Gefühle des Genres. Punkrock für alle, die etwas zu sagen haben. Von der Band, die am meisten zu sagen hat. Love A sind auf dem besten Weg, die Element of Crime des Punkrocks zu werden. Und das ist ein sehr großes Kompliment.

»Nichts ist neu« von Love A erscheint am 12. Mai 2017 via Rookie Records. Keine Österreich-Termine.

 

Lester – »Die Lüge Vom Großen Plan«

© Lester

Es ist dem Musik»geschäft« allgemein und der Musikpromotion im besonderen genuin, Vergleiche anzustellen. Insbesondere deutschsprachige Gruppen müssen der Analogie des englischsprachigen Auslands standhalten. Bands, die ihr Debüt vorstellen, sowieso. Also werden Lester quasi zu den »deutschen Hot Water Music« gemacht, in diesem Fall aber sogar unabsichtlich. Aber nicht unrichtig. Das kann man durchaus so stehen lassen. Die Münchner, die – hier wiederum als Eigenbeschreibung – »Heavy Pop« machen, exerzieren – in der Fremdbeschreibung – ein Knäuel aus Punkrock, bierseligen Betroffenheitsgitarrenpop und Power-Pop. Würden Lester nicht auf dem in letzter Zeit äußerst künstlerisch wertvollen Label Bakraufarfita (Ein gutes Pferd, Bei Bedarf) veröffentlichen, man könnte sie sich auch gut auf Zeitstrafe oder Grand Hotel Van Cleef vorstellen. Textlich ist das alles äußerst solide, da kann man einstimmen.»Ist wohl der falsche Zug, ich verrotte auf der Schiene. Routine wird zur Scheiße und Scheiße zur Routine.« Raus aus dem Hamsterrad. Auszeit mit Lester. Ausbruch mit Lester. Alles möglich.

»Die Lüge vom großen Plan« von Lester erscheint am 26. Mai 2017 auf Bakraufarfita Records.

 

All diese Gewalt –  »Welt in Klammern – Addendum«

© Max Zerrahn

Mit Indie-Begrifflichkeiten zu definieren, spottet nicht einer gewissen Übertreibung, klingt nach Aversion und Perversion gleichermaßen. Aber, man darf es hier, im konsumfreien Raum, dennoch sagen: Max Rieger hat es geschafft, ist ein Macher, Inspiration für tausende erfolglose Tüftler, geliebt von Fans und Kritik, von kleiner Masse mit großer Klasse. Die Nerven sind sowieso unangetastet, Max Rieger definierte das, was 2017 deutsche Indiemusik ist, deutlich mit. Auch sein im September 2016 erschienenes Solo-Debüt »Welt in Klammern«, war ein Erfolg, gut besprochen und hoch gelobt. Staatsakt, sein Label, sozial engagiert, setzt sich insbesondere für seine Künstler ein und belohnt sie durchaus. Rieger wird mit einem Album-Addendum belohnt, darf drei neue Stücke, zwei Remixes und drei Live-Versionen auf 45 Minuten spannen. Wer über 150 Stücke für sein Debüt-Album schreibt, muss zwangsläufig sehr strikt aussortieren. Dass er dann noch einmal nur drei weitere Lieder veröffentlichen darf, ist schon hart. Es hätten ruhig mehr neue sein können. Aber auch die, die es auf »Welt in Klammern – Addendum« geschafft haben, haben es natürlich in sich. Hautnahe Authentizität und Deklination von dunklem Noisepop.

»Welt in Klammern – Addendum« von All diese Gewalt erscheint am 5. Mai 2017 via Staatsakt.

 

AUSSERDEM ERWÄHNENSWERT:

Husten – »Husten EP« (VÖ: 19. Mai 2017)

Moses Schneider, der dünne Mann und His Royal Highness, Gisbert von Knyphausen, hatten eine Idee. Eigentlich hätten sie die Musik für die Verfilmung von Tino Hanekamps Roman »Sowas von da« machen sollen, aber aus dem Film wurde vorerst noch nichts. Apropos vorerst: Auch auf Live-Auftritte und Album hat man keinen Bock. Dafür aber auf eine EP, die auch für Vinyl-Afficionados einiges zu bieten hat: Die Rillen der 12“ sind nur einseitig gepresst, auf der B-Seite findet sich ein Silkscreen-Print. Musikalisch ist das natürlich auch handwerklich äußerst solide gemacht. Deutscher Indiepop, der aber nicht allzu sehr aus der Reihe fällt.

 

Die Radierer – »Punk! Pest! Pop! Sammelband 1978-1984« (VÖ: 12. Mai 2017)

Es ist des Pops aufregendste Konstante: Die Dekonstruktion des selbigen. In jeder Phase, in jedem Genre benötigt es Künstler, die den verfestigten, ironiefreien Karren aus dem Dreck der Dekadenz ziehen. Insbesondere vermeintliche humorvolle Genres, wie, sagen wir, die Neue Deutsche Welle, braucht Gruppen, die den Spiegel vorhalten, zwischen Dadaismus, Elektronik und Kunst der Abkehr von Kunst willen. Da kommen dann halt die Radierer ins Spiel, deren ersten drei Alben mit Bonustracks und allem, was dazu gehört, nun veröffentlicht werden. Avantgarde als Radau-Schauspiel.

8kids – »Denen, die wir waren« (VÖ: 26. Mai 2017)

Darmstadt ist nicht unbedingt als Heiligenstadt des Post Hardcore bekannt. Die drei 8kids bringen ihre Heimatstadt aber auf die Landkarte. Druck- und fantasievoller Punk, der nicht davor zurückschreckt, auch ein bisschen Pop zu sein und die Dynamik des Ausschlags auf dem Mischpult ausnutzt. Leise und langsam kann es sein, laut und schnell muss es dann aber auch immer sein. Österreicher-Bonus gibt es auch, die Band veröffentlicht auf dem international wohl wichtigsten heimischen Label Napalm Records.

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