Muttersprachenpop – die wichtigsten Veröffentlichungen im September 2017

Deutschsprachiges zwischen Euphorie und Kapitulation, zwischen Pathos und Befindlichkeit. Ausgewählt von Dominik Oswald.

© Jana Ritchie

Chuckamuck – »Chuckamuck«

© Jana Richtie

Es blieb immer ein Rätsel, ein fieser Scherz des Schicksals, ein seltsames schwarzes Loch, das völlig unbegreiflich scheint. Dass Chuckamuck nicht längst auf Titelseiten von Bunte bis Gala ihr Privatleben auskotzen, dass sie nicht seit Jahren mit Sänften auf die großen Headliner-Slots aller Festivals gehievt werden, ist eine Farce. Bereits ihre ersten beiden Alben – und insbesondere das zweite »Jiles« mit dem Mordshit »Hitchhike« – wurden gut rezipiert, teilweise begeistert aufgenommen, ganz hat’s nicht gereicht. Wer Ende 2013 das Konzert im Flex-Café gesehen hat, kann das nicht nachvollziehen und selbiges wohl nie vergessen. Dass erst vier Jahre später der selbstbetitelte Nachfolger erscheint, lässt skeptisch sein, ob alter Glanz wieder strahlt. Spätestens mit den ersten beiden Stücken »Roboter der Liebe« und »Am Strand von Koh Phangan« oder »20.000 Meilen« sind vier Jahre Geschichte und die Gewissheit bleibt: diese Gruppe hat nichts von dem eingebüßt, was sie einst so tief ins Herz verwurzelt hat. Das ist grundsympathischer, wahrhafter Indie-Rock mit allem, was zum Glücklichsein notwendig ist. Welt-Album!

»Chuckamuck« von Chuckamuck erschien am 1.9.2017 via Staatsakt. Chuckamuck beehren als vielleicht größtes Highlight das Waves Vienna.

 

Robert Rotifer – »Über uns«

© Magdalena Blaszczuk

Es ist Robert Rotifers erstes deutsches, erstes Wienerhochdeutsches Album. Der vielleicht most dandyish Wiener hat sich dabei ganz der neu gefunden Singsprache verpflichtet, auf »Über uns«, dem zweiten Release des erst im Februar gegründeten Labels Bader Molden Recordings von Ernst Molden und Charlie Barder, ist Reduktion höchstes Stilmittel. Es ist ein Folk-Album, das die Sprache in den Mittelpunkt rückt, poetisch verkopfte Texte zwischen dem, was andere Heimat nennen würden und dem Weitwegsein, die unausweichliche Zwickmühle als Selbstzweck aller Expats. Etwa der britischen, geschlaucht von Brexit – wie beim bedrückenden »Das enge Land« – und anderem Scheiß, sowieso. Zwischen Burgtheater-Deutsch und akkuratem Fingerpicking entschlüpft die Stille als zerbrechliche Freundin, die es zu schützen lohnt. Oft ertappt man sich, laut sein zu wollen, Lautes zu fordern, doch Geduld und genaues Hinhören sind die Schlüssel zum Verständnis dessen, was Robert Rotifer sagen will. Ein Album, das bedingungslose Verpflichtung und Hingabe erfordert, um sich ganz auszubreiten, dann aber in dir leuchtet.

»Über uns« von Robert Rotifer erschien am 1.9.2017 via Bader Molden Recordings.

 

Tomas Tulpe – »In der Kantine gab es Bohnen…«

© Bakraufarfita

Polarisierend zu sein, ist in jeder typischen Lebenslage von Zentraleuropäern ausschließlich von Vorteil. Bei Künstler gilt das in besonderem Maße. Gut, da sind Leute, die mit deiner Musik gar nichts anfangen können. Drauf geschissen. Aber die, die deine Mucke diggen, feiern sie extrem ab. Zu behaupten, Tomas Tulpe wäre polarisierend, ist noch untertrieben. Dass er kalt ließe, fast fahrlässig. Dass aber so extrem abliefert, ist schon überraschend. Schlager-Elektropunk im Stile der frühen Die Türen, Da-Da-Da-80ies wie eben von Trio, New Wave á la Hubert Kah, genauso kompatibel für die Spaßjugendlichen aus dem Audiolith-Umfeld, ist mutig, aber zahlt sich in letzter Konsequenz und vor allem mit dieser Konsequenz, die Tulpe an den Tag legt, immer aus. Mit der passenden Personality im Vordergrund – man trägt kurze Hosen und Tennissocken zu Sandalen – gelingt auch die visuelle Komponente, der Audio-Part mit »In der Kantine gab es Bohnen…« ist nach den bereits guten Vorgängern »Hatschi!« und »Wie wär’s mit Senf?« ohnehin mit der heißesten Scheiß für alle, die Trash zumindest nicht negativ gegenüber stehen. Für alle, die kultivierten Trash kultivieren, ist das dritte Tulpe-Album Pflicht.

»In der Kantine gab es Bohnen…« von Tomas Tulpe erscheint am 29.9.2017 via Bakraufarfita Records.

EA80 – »Definitiv: Ja!«

© Major Label

Es ist eigentlich müßig zu erwähnen, weil ohne weitbekannt, EA80 haben wie nur ganz wenige Gruppen in den Frühphasen des intellektuelleren Post-Punk Standards gesetzt und – obwohl eine Karriere lang den Untergrund nie verlassen – für abertausende DIY-Zöglinge Vorbild und Idol dargestellt. Konsequente Verweigerungshaltung, kein nach Außen kehren, mystifizieren die Mönchengladbacher noch mehr, die erste Veröffentlichung seit sechs Jahren, seit dem Vorgänger »Definitiv: Nein!« wird so zum Ereignis. Natürlich ist die Zeit zwischen »…Nein!« und »…Ja!« zu lang, man wird erst in der endgültigen Bewerbung von EA80 von einem Zwillingsalbum sprechen können. Anyway, musikalisch bleibt alles beim Alten. Das ist nur dann gut, wenn das Alte gut war. Und das ist es. Klassischer Post-Punk, sonore Vokalistenkunst, dominante Rhythmussektion, drängende Gitarren. Nichts ungehört, aber unerhöht zwingend. Textlich bleiben EA80 auf der sicheren und richtigeren Seite: Während jüngere Gruppen – abgesehen von den ganz Großen wie Love A oder Turbostaat – erstmal gegen alles Externe sind, wissen die so genannten alten Haudegen: Der Feind ist erstmal in einem selbst.

»Definitiv: JA!« von EA80 erschien am 1.9.2017 via Major Label. Konzerte: wie immer Fehlanzeige.

Belgrad – »Belgrad«

© Belgrad / Zeitstrafe

Das Hamburger Label Zeitstrafe ist seit jeher eine der ersten Anlaufstellen, für das, was große Kaufhausketten als »aufregende neue Künstler« bezeichnen würde. Dieses Mal hat sich das Label selbst übertroffen, das namenlose – oder doch selbstbetitelte? – Debütalbum von Belgrad toppt sämtliche im Vorfeld gemutmaßte Ansprüche. Leicht locker changierend zwischen all dem, was die wirklich guten deutscher »Indie«-Bands ausmaßt, grandiose Poesie in drei Überlänge, Schönheit im Hässlichen, Einsamkeitslyrik und Sehnsuchtsromantik. Zwischen – weil Vergleiche sind zwar öde, aber meistens Aussagekräftiger als Genre-Kästen – Kante und Klez.e. Mit letzterer Gruppe, die ja bereits heuer mit »Desintegration« vorlegte, teilt sich Belgrad, gegründet auf einer Osteuropareise und aus Berlin, Hamburg und Dresden kommend, die – Unwort – Ostalgie, ohne Verklärung, mit Abstand, aber mit Respekt und dem Kalten Krieg gebührender Kälte. Kühl in Klang und Textierung. »Belgrad« ist ein toll aus arrangiertes Indie-Pop-Album für alle Momente des menschlichen Wesens. Man nimmt es sich zu Herzen.

»Belgrad« von Belgrad erschien am 1.9.2017 via Zeitstrafe. Keine Österreich-Termine.

AUSSERDEM ERWÄHNENSWERT:

Gesangskapelle Hermann – »Elegant« (VÖ: 29. September 2017)

Eine rein auf Stimmen basierte Musik wie die der selbsternannten »mühlviertlerisch-, innviertlerisch- und wienerischen Mischkulanz« lebt, vor allem, wenn im Humor ihr vordergründigster Zweck liegt, vom Spiel mit Worten, vom kervehrten Schmäh, sozusagen. Und, das darf man durchaus neidvoll anerkennen, auch auf dem dritten Album gelingt das mehr als nur eindrucksvoll. Da kann sich die Männergesangsvereinigung nicht verwehren: Wahlverwandtschaft gibt’s vor allem zu 5/8erl in Ehr’n.

Monsters of Liedermaching – »Für Alle« (VÖ: 15. September 2017)

Auch nicht üblich: Obwohl die Gruppe bereits seit 14 Jahren unterwegs ist und schon einige Langspieler veröffentlicht hat, ist »Für Alle« tatsächlich die erste im Studio aufgenommene Platte. Bekannt ironisch wird das auch gleich gebrochen, die erste Single-Auskopplung »Scheiß CD« beschäftigt sich genau damit: Mit von Fans oktroyierter Erwartungshaltung, genau das selbe wie immer zu machen. Neue Songs im alten Gewand, quasi. »Für alle« ist leicht anders gekleidet als die Live-Alben zuvor, im Sinn der Sache liegt dabei die etwas ausstaffiertere Instrumentierung.

Inwiefern – »Irgendwas ist immer« (VÖ: 1. September 2017)

Schadet dann aber auch nie: Klassischer 1-2-3-Streetpunk, großbuchstabiertes F.U.N. als Selbstzweck, also das, wofür der schwammige Begriff Deutschpunk einst erfunden wurde. Besondere Aufmerksamkeit lenkt das zweite Album von Inwiefern auf das erste Video, das den selbsterklärenden Titel »Adolf Hipster« trägt. Genau darum geht’s auch. Das Album dreht sich sonst auch noch um die Themen Liebe, Bier und moderne Zeiten. Klassisch eben.

 

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