Nacktes Puzzle

Mit "Nazzle" präsentiert Gran ein Post-Punk-Puzzle, auf dem viele Facetten zu einem monolithischen Meisterwerk verschmelzen. Wie schon beim Vorgänger "Chair" besticht Grans Musik durch Wandlungsfähigkeit, zeigt sich diesmal aber etwas straighter. Wir präsentieren das Video zu "My Love".

Dass Gran gleich am Opener teilnahmslos haucht "I Never Do It My Way" ist schon fast übel kokett, zumindest auf die Platte bezogen. Wenn ich mal in der Referenzhölle lande, dann bitte in dieser, wo man einem gleich zum Empfang Drinks mit Schirmchen, wie eben den Opener "Parasite", reicht. "Nazzle" – als Abkürzung für "Naked Puzzle" – ist aber sicher kein Rätselspiel für Post-Punk-StreberInnen. Klar kann man sich das anhören und sich dabei auf musikhistorische Schnitzeljagd begeben. Damit tut man der eigenständigen Substanz der Platte aber vollkommen Unrecht. Das Wortspiel rund um das Puzzle führt auch an der Nase herum: Es ist nicht so, als würde man einzelne Puzzleteile vorgesetzt bekommen, sondern eher so, als würde dir jemand die gesamte Schachtel ins Gesicht brettern. Am besten zu "I Know", das zuerst 40 Sekunden lang, wie im Zeitraffer ausholt, um dann voll auf die Zwölf zu gehen.

Es bricht auf der Haut

Das Puzzle suggeriert ja auch, dass hier einzelne Teile nahtlos an einander anschließen würden: Das ist natürlich Blödsinn. Es passt natürlich alles, aber nicht, weil es nahtlos wäre, sondern weil es so angenehm bricht auf der Haut. Auf "New Life" treibt einem eine saure Synth-Bass-Welle direkt in die Arme einer dünnen und melancholischen Gitarre, die einen so lange einlullt, bis der Spaghetti-Western-Chor eintrifft, um über einen herzufallen. Und wenn du dann nicht mehr weißt, wie dir geschieht, beginnt ein Typ davon zu erzählen, dass er heut Nacht da draußen alles verloren hat, vor allem sich selbst.

Wie schon beim Vorgänger und Debüt "Chair" stichen auf "Nazzle" Grans musikalische Wandlungsfähigkeit und Ideenreichtum hervor. Das aktuelle Album wirkt aber konsistenter und straighter in seiner musikalischen Formensprache. Das nackte Puzzle manifestiert sich am ehesten im lyrischen Gehalt der Songs: Sehnsüchte und Emotionen, bruchstückhaft, ver- und unzugänglich, die so auch unverständlich, teilweise entfremdet bleiben. Letztgültig lässt sich das Rätselhafte rund um und in "Nazzle" vielleicht auch gar nicht lösen. Genau das ist es aber, was gute Musik und große Kunst ausmacht.

Am 14. Oktober 2016 erscheint mit "Nazzle" das zweite Studioalbum von Gran. Die Release-Show findet am 15. Oktober im Wiener Rhiz statt. Am 27. Oktober wird im Sub in Graz gespielt, am 18. November in der Kapu in Linz.

Bild(er) © David Visnjic
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