Nie wieder Tourfraß

Von der Straße zum Major Label: Annenmaykantereit. Wir haben mit dem Frontsänger Henning eines seiner ersten Telefoninterviews gemacht. Dabei haben wir über Straßenmusik, das Musikbusiness und darüber, was sie denn eigentlich so authentisch macht, gesprochen.

AnnenMayKantereit haben sich mühsam den Weg nach oben erarbeitet: Sie haben auf der Straße musiziert, sich eine Fanbase aufgebaut und waren ihre eigene Booking- und Managementagentur. Mittlerweile sind sie beim Major Label Universal unter Vertrag. Musik für einige wenige Menschen in der Kölner Innenstadt machen sie nicht mehr, sondern gehen bald auf ausverkaufte Tour.

Oft werden sie als "authentisch" bezeichnet – was auch immer das bedeutet. Ihre Songs schreiben sie selbst und die sind meist sehr persönlich. Die unverkennbare, raue Stimme von Henning, der über Liebe oder das Erwachsenwerden singt, berühren beim Zuhören. Millionen Klicks könnte man sich noch irgendwie kaufen. Aber das Tempo, in dem ihre Konzerte in Österreich ausverkauft waren, war wirklich erstaunlich. Was geht hier ab?

Wie geht’s euch jetzt so wo die neue Platte erscheint und ihr auf Tour geht?

Uns geht’s wirklich gut, weil es ein befriedigendes und schönes Gefühl ist, wenn man ausverkaufte Konzerte hat, auf die wir uns jetzt schon unfassbar freuen. Wir hatten wir uns früher immer Sorgen gemacht, ob die Konzerte überhaupt ausverkauft werden – das ist jetzt aber der Fall. Es ist krass erleichternd, wenn man 4, 5 Jahre ein „richtiges“ Album aufnehmen wollte, das jetzt fertig ist. Vorher haben wir ja nur Demos oder eine EP aufgenommen.

Welchen Wein trinkt ihr mittlerweile, wo ihr erfolgreich seid? Anderen als vorher?

Wir sind eh nicht so die Trinker, aber wenn sich was im Komfort geändert hat, dann ist es nicht der Wein – wir bleiben eher alle bei Bier – sondern das Essen. Dadurch dass man mehr Geld verdient, isst man nicht mehr nur Döner, Falafel oder Pizza auf Tour, sondern kann sich auch mal schön zu nem richtigen Libanesen setzen um dort zu essen. Das genießen wir auch sehr.

Wie ist das große Musikbiz allgemein bisher so, seid ihr schon reich?

Reich ist ja immer relativ, da bin ich immer vorsichtig. Wir verdienen aber momentan genug Geld, dass wir nicht mehr dieses typische Touressen fressen müssen. Wir haben ja vorher 1 ½ Jahre vor jedem Konzert nur Döner gegessen.

Wie fühlt es sich an, dass so viele Menschen eure Musik so feiern und sich um Konzertkarten reißen?

Das ist ein unfassbar schönes Gefühl. Das wird dir wahrscheinlich jeder sagen, der Musik vor so vielen Menschen macht. Es ist aber natürlich auch überraschend, weil die Aufmerksamkeit in den letzten vier Monaten größer geworden ist. Das erhöht jetzt natürlich den Adrenalinpegel vor jedem Konzert. Man ist zwar auch vor 50 Leuten aufgeregt, aber man macht sich schon in die Hose, wenn man vor 3000 Leuten spielt. Das ist ja schon ne andere Hausnummer.

Henning du bist ja für die meisten Liedtexte verantwortlich. Jetzt sind die zum Teil ziemlich persönlich. „Oft gefragt“ war ja ein Brief an deinen Vater. Auf Youtube habt ihr für dieses Lied über 7 Millionen Klicks bekommen auf Spotify sogar über 9 Millionen. Was denkst du, wieso sich die Menschen mit solch doch sehr persönlichen Texten identifizieren können?

Viele Menschen haben über die letzten Jahre so viel verlogene und unehrliche Musik gehört, dass sie sich einfach freuen, wenn sie ein Lied hören bei dem sie denken „Okay, der hat das Lied selbst geschrieben“. Es ist kein „Nur kurz die Welt retten“-Song von Tim Benzko, das der Gitarrist von Juli geschrieben hat, sondern ein Lied, das die Person selbst geschrieben hat. Ich glaube wirklich, dass es was mit Ehrlichkeit zu tun hat.

Wenn man ehrlich über Gefühle spricht, kann das die Leute schneller berühren, als wie wenn man „Ein Hoch auf uns“ singt. Auch wenn das der erfolgreichste Song der WM war, heißt es nicht dass es ehrlich ist, sondern eher, dass es gut vermarktet war. Unsere Musik hat lange Zeit ohne Vermarktung eine gute Resonanz bekommen, einfach dadurch, dass wir unbeholfen darüber gesungen haben, was wir so fühlen. Wir haben halt auch wenig Angst, peinlich zu sein.

Ihr habt ja mit Straßenmusik angefangen und steht jetzt auf der großen Bühne. Bringt ihr da was von der Straße mit, hat euch die Straßenmusik was gelehrt?

Wenn du eine Zeitlang Straßenmusik gemacht hast, selbst wenn es nur ein paar Monate waren, dann lernst du anders mit Aufmerksamkeit klarzukommen. Da kommst du besser klar, wenn dir jemand nicht zuhört, weil viele Leute an dir vorbeigehen und einen Scheiß drauf geben. Dann kommst du auch besser darauf klar, wenn du ein Konzert spielst und jemand nicht richtig zuhört. Es hat auch viel mit Gruppendynamik zu tun. Du bist zu dritt, es ist ne komische Situation, du musst dich trauen und dich überwinden – und dich zu dritt gemeinsam dazu zu überwinden, schlechte Cover zu spielen, das stärkt enorm den Gruppenverbund. Da passiert, dann ja auch viel Scheiße.

Wenn zum Beispiel eine Gruppe beim Junggesellenabschied kommt, die will, dass wir „Verdammt ich lieb dich“ spielen und dann irgendwie den Trommler schubsen – wenn man ein paar Sachen erlebt hat, dann reagiert man anders auf andere Stresssituationen. Wenn man das mit einem Castinggewinner vergleicht, der dann zum ersten Mal auf Tour geht: Der fuckt sich über ganz andere Sachen up, als wir es tun, weil er es nicht anders kennt. Es sorgt für eine Toleranz.

Auf eurer Homepage steht, „Wütende Jugend trifft auf einfühlsame Balladen“. Worauf seid ihr wütend?

Den Text hat ein Kumpel von uns geschrieben. Das sage ich nicht von uns selbst, aber ich glaub wir sind schon auf viele Sachen wütend. Ich bin vor allem auch auf mich selbst oft wütend, weil ich Sachen nicht hinkriege oder zu schlampig bin. Ich bin auch oft wütend auf Sachen, die um einen herum passieren, auf die man keinen Einfluss hat. Ob das jetzt politische, musikalische oder sportliche Sachen sind.

Genauso wie es mich abfucked, dass der FC verliert, kann es mich auch nerven, dass die Flüchtlingsdebatte in die falsche Richtung geht. Das sind Sachen, die uns wütend machen. Eigene Ziele nicht zu erreichen oder immer Abschied nehmen, sind auch Sachen, die einen wütend machen. Dadurch dass man immer unterwegs ist, kommt man auch nie richtig an, das macht einen auch wütend.

Steht nicht auf der Homepage, fällt aber trotzdem oft mit eurem Namen: Authentizität.

Man muss immer vorsichtig sein mit diesem Authenzitätsbegriff. Natürlich probieren wir authentisch zu sein, aber uns ist auch schon aufgefallen, dass das Wort „authentisch“ immer dabei steht, wenn was über uns geschrieben wird. Da haben wir auch schon selbst angefangen Witze darüber zu machen, weil man das irgendwann nicht mehr so ernst nehmen kann. Wir versuchen aber einfach uns nicht das Maul verbieten zu lassen. Wir probieren uns so darzustellen wie wir sind, weil wir keinen Bock haben uns zu verstellen.

Ich glaub zum Beispiel, auch wenn Helene Fischer auf der Bühne sehr oft die glückliche, selbstsichere Schlagermaus spielt, ist sie ja doch innerlich auf der Bühne mit was anderem beschäftigt und eigentlich nicht die glückliche, selbstsichere Schlagermaus. Man muss ja auch sehen, dass sie keines ihrer Lieder selbst geschrieben hat. Das ist auch so ein Punkt: ob du deine Lieder selbst schreibst. Ich finde, wenn man stundenlang im Proberaum über Texten hockt, macht das die Musik authentisch, weil sie wirklich aus dir selbst kommst. Wenn wir über eine Ex-Freundin singen, dann gab es die auch wirklich. Nicht wie bei anderen Künstlern, die sich die Texte schreiben lassen. Ich glaub aber auch, dass es vielleicht daher kommt, dass wir es auch sagen, wenn wir keine Interviews machen wollen oder wenn uns was nicht so gefällt.

Auch ohne Riesenplattenlabel habt ihr in ausverkauften Häusern gespielt. Jetzt seid ihr bei Universal unter Vertrag. Warum dieser Schritt?

Das ist eigentlich ganz einfach. Wir haben uns das am Anfang so überlegt, dass wir erst mal alles kennenlernen wollen. Wir haben uns selbst gebucht, waren sozusagen unsere eigene Bookingagentur. Wir haben Festivals und Clubs angeschrieben, haben uns am Anfang selbst gemanaged, Tourpläne erstellt, den Versand gemacht, den Merch selbst verkauft. Mit selbst verkaufen meine ich auch: zuhause hocken, verpacken und versenden. Dann haben wir Stück für Stück was dazu geholt.

Irgendwann haben wir uns einen Booker geholt, der zu unserem Manager wurde. Dann haben wir uns einen Lichttechniker geholt, dann einen Tontechniker, usw. Das ist alles Stück für Stück entstanden. Jetzt sind wir halt auf dem Level, wo wir es alleine einfach nicht mehr schaffen. Wir hatten Probleme mit der Größe des Versandes, der mit der Masse an Bestellungen nicht mehr klarkam. Dann hatten wir Probleme uns zu platzieren. Auch wenn wir schon vor 1 ½ Jahren eine gewisse Aufmerksamkeit hatten, haben wir von allen möglichen Formaten immer nur Absagen bekommen – ob das jetzt „Inas Nacht“ oder „Circus Halligalli“ war. Wenn die wissen, dass du wahrscheinlich bald oder schon mit einem Major Label arbeitest, dann bekommst du bei denen andere Möglichkeiten.

Das war für uns so der nächste logische Schritt. Wir wollten es soweit aufbauen, dass es auf festen Füßen steht, damit dann das Label nur noch sagt, dass sie uns unterstützen und uns nicht mehr ändern müssen. Bei einer „Castingmaus“ erstellt das Label ja das ganze Image: entweder biste die Bitch oder die brave Maus oder die Unschuld vom Lande. Bei uns funktioniert es halt, und da kann man bleiben wie man ist. Das freut uns natürlich weil uns das enorm viel Druck abnimmt, auch auf finanzieller Seite. Bis zum Majorlabelvertrag haben wir drei für alles die finanzielle Verantwortung getragen und waren haftbar. Sind wir jetzt zwar immer noch, aber man hat natürlich schon eine andere finanzielle Unterstützung. Jetzt kann man auch mal statt mit dem Flixbus von Köln nach Berlin mit dem ICE fahren, was manchmal schon einen erheblichen Unterschied macht.

Bei eurer letzten Platte, die in Eigenregie entstanden ist, war es euch wichtig euren „Straßen-Sound“ beizubehalten. Klappt das mit Universal jetzt auch oder wollt ihr das gar nicht mehr?

Ich glaube wir haben den Straßenmusiksound schon lange verloren, aber wir nehmen halt immer live auf. Das wollen wir auch weiterhin immer machen – das machen viele andere Bands nicht. Das beschreiben vielleicht auch viele als diesen Straßenmusiksound, weil es halt live und ohne Synthesizer und so ist. Das behalten wir uns auch bei. Musikalisch entscheiden nur wir, da hat das Label keinen Einfluss.

Nach eurer EP „Wird schon irgendwie gehen“ erscheint jetzt im März euer erstes „richtiges“ Album „Alles nix konkretes“. Was erwartet die Hörenden?

Es ist ein Foto der letzten fünf Jahren. Wir haben uns aus den letzten 5 Jahren die Lieder rausgesucht, die uns am besten gefallen und haben sie aufgenommen. Da ist ein Lied drauf das schon fast sechs Jahre als ist, aber auch eins, das erst ein paar Monate alt ist. Wir machen so ein Album immer, weil wir fotografieren wollen – methaphermäßig – was wir gerade können und was für eine Band wir sind. Genau das, was wir sind, kann man auf dem Album hören. Uns ist auch wichtig, dass man genau das, was man auf dem Album hört, auch live hören kann.

Du hast ja schon ein Lied mit K.I.Z. gemacht. Mit welchen Rappern würdet ihr gern mal zusammenarbeiten – oder mit welchen Musikschaffenden allgemein?

Da hat jeder unterschiedliche Wünsche, weil jeder von was anderem Fan ist. Ich würd gern was mit Döll machen. Ist ein recht unbekannter Rapper aus Darmstadt. Das ist ein cooler Typ, der geile Texte schreibt. Ansonsten fällt mir jetzt niemand ein.

Nervt euch der Vergleich mit Element Of Crime?

Der Vergleich kommt schon oft, aber ich glaube wir sind einfach eine ganz andere Kiste. Abgesehen von unserem Alter, machen wir auch ganz andere Mucke. Haben auch einen ganz anderen Anspruch auf das Drumherum. Wir machen ja auch unseren Merch selbst – Element Of Crime ist auch eine ganz andere Generation von Band, die anders mit sozialen Medien umgeht. Das ist schwierig zu vergleichen.

Es kommt wahrscheinlich davon, dass ich ihre Musik viel gehört habe und meine Texte leichte Ähnlichkeiten mit denen von Sven Regener haben – obwohl seine Texte viel besser sind. Ist halt ein schönes Kompliment, aber unserer Meinung nach spielen die einfach in einer ganz anderen Liga.

Das Album gibt’s ab dem 18. März und jetzt schon zum vorbestellen. Ab 8. Februar sind sie auch auf Tour, am 23. April in Wien.

Bild(er) © Fabien J. Raclet
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