Pomeranze zum Abschied über 4 Jahre Clubkultur

Clubnächte, Ausstellungen, Live-Acts, Performances, ein Magazin – es gibt wenig, was die Leute von Pomeranze nicht gemacht haben, kaum Themen in diesem Kontext, die sich nicht aufgegriffen haben. Nach vier Jahren ist nun Schluss: Zum Abschied wird noch einmal ordentlich gefeiert.

© Paul Syverson

Wer über Pomeranze redet, hat oft viele unterschiedliche Vorstellungen. Zwischen Kunst und Party, zwischen Musik und Performance, zwischen Plattform und Magazin – Grenzen hat sich das Kollektiv in den letzten Jahren nur wenig gesetzt, umso mehr werden sie Wiens Clubkultur jetzt abgehen. Nach vier Jahren wird nun Abschied gefeiert – dazu lädt das Kollektiv kommenden Freitag in die Grelle Forelle. Im Interview erzählen sie über Aufhören, Projekte, die weitergeführt werden und die schönsten Momente – zusätzlich durften wir auch noch in alten Fotos kramen …

© Paul Syverson

Die erste und natürlich offensichtlichste Frage ist: Warum jetzt aufhören? Ihr habt euch mittlerweile in Wien eine ganz eigene Community aufgebaut … Wollt ihr sprichwörtlich gehen, wenn es am schönsten ist?

Wieso wir genau jetzt aufhören, hängt auch damit zusammen, dass wir am 5. Mai unser 4-jähriges Jubiläum feiern und jetzt ein guter Moment für ein Schlussstrich ist.

In den letzten vier Jahren haben wir 50 Events mit über 200 Artists realisiert und dadurch natürlich einen großen Bekannten- und Freundeskreis aufgebaut. Die Zeit brachte aber auch viele Umstrukturierungen, die mit einer zunehmenden Professionalisierung unserer Arbeit und der persönlichen Entwicklung der einzelnen Akteurinnen einhergingen. Außerdem war es nicht immer leicht, alle (musikalischen) Interessen gleichermaßen zu berücksichtigen.

Die Pomeranze-Crew, wenn man sie so nennen will, hat mittlerweile jede/r für sich verschiedene Wege eingeschlagen. Daraus entwickelten sich vielen spannende Projekte, wie beispielsweise femdex, welches unsere Resident DJ Minou Oram gegründet hat oder das PW-Magazine, sowie die jeweiligen DJ-Karrieren und weitere Partyreihen. Und sicherlich gibt es auch immer eine begrenzte Lebenszeit für Projekte, gerade in einem so dynamischen Feld wie der Clubkultur.

Wichtig war es uns, das Mutterschiff Pomeranze nicht einfach still untergehen zu lassen, sondern gebührend zu Grabe zu tragen. Am Freitag möchten wir uns von allen Freunden, Partnern und Gästen verabschieden und freuen uns auf viele Bekannte Gesichter. Wir sagen auch danke an Wien, welches uns mit offenen Armen empfangen und eigentlich alles ermöglicht hat, was wir uns je zu träumen wagten!

© Paul Syverson

 

Wenn man sich die Events der letzten Jahre ansieht, dann findet man viele Stilrichtungen und musikalisch auch vieles, was auf den ersten Blick beispielsweise nicht so tanzbar ist. Wie würdet ihr euer Konzept jetzt rückblickend beschreiben und ist letztendlich das rausgekommen, was ihr euch vorgestellt habt?

Am Anfang stand die Idee, den konventionellen Party-Rahmen zu sprengen. Mit konventionell meinen wir: 2 Local-DJs, ein internationales Booking, ein wiederkehrendes Setting. Wir wollten mehr – ein umfassenderes Erlebnis schaffen. Daraus entwickelten wir die Disco Citrus Vulgaris: Ausstellung, Live-Konzert, Performance und DJs, wechselnde Locations – sogar Essen haben wir zu Beginn gekocht.

Mit der Zeit gab es viele Veränderungen und manche Ideen haben wir auch wieder aufgegeben. Es sprossen aber auch viele neue Zweige: So haben wir neben den Partyreihen auch einzelne Konzerte (z.B. mit Easter) veranstaltet, ein temporäres Kino betrieben, FM4-Sendungen kuratiert, eine eigene, wöchentliche Radioshow gestreamt, mit verschiedenen Festivals kooperiert und in andere Städte expandiert.

Die rote Linie war die Leidenschaft neue Musik zu entdecken und später auch in einen internationalen Kontext zu stellen. Tanzbarkeit war dabei nie ein Kriterium. Rückblickend ergibt sich ein ziemlich bunter Mix an musikalischen Genres und konzeptionellen Zugängen.

© Paul Syverson
© Paul Syverson

Neben Veranstaltungen unter dem Titel Pomeranze läuft ja auch CURTISANE oder Disco Citrus Vulgaris über euch. Stellt ihr eure Veranstaltungstätigkeit ganz ein bzw. wie sieht es mit Side Projects (Veranstaltungsmäßig) aus?

Das mit den Namen ist vielleicht für Außenstehende nicht immer ganz einfach zu durchschauen gewesen. Pomeranze ist der Name der ursprünglichen Crew, der Name unter dem wir verschiedene Reihen wir CURTISANE und DISCO CITRUS VULGARIS veranstaltet haben. Gerade um verschiedene Konzepte zu ermöglichen, hieß es nie nur “Pomeranze Party”. Mit dem Ende von Pomeranze, wird es daher auch keine weiteren Veranstaltungen geben.

© Paul Syverson

Aus dem Pomeranze-Umfeld entstand ja im letzten Jahr auch das PW-Magazine, das sich mittlerweile auch in der Szene etabliert habt. Führt ihr das fort und wie läuft es da weiter? Irgendwelche Pläne, die Arbeit vielleicht auszudehnen?

Pomeranze sollte ja auch immer eine Plattform sein, welche aber im Veranstaltungsrahmen durch Zeit und Frequenz limitiert war. Daraus entstand die Idee, ein Online-Magazin zu gründen, das noch viel mehr Künstlerinnen Raum geben und noch mehr Menschen erreichen kann. Wir fühlten auch eine rezeptionelle Leerstelle in Wien, die wir füllen wollten. Das Magazin ist wie eine Tochter, die jetzt eigene Wege geht.

Bisher arbeiten wir ohne Finanzierung und sind daher kapazitär begrenzt. Das Magazin lebt allein durch die unwahrscheinlich tolle Zusammenarbeit mit vielen Kulturschaffenden. In Zukunft versuchen wir noch regelmäßiger Inhalte zu produzieren und in mancher Hinsicht auch zu professionalisieren. Jeder ist eingeladen sich mit Texten oder Fotos einzubringen!

Ein bisschen Nostalgie schadet zum Abschied nie: Was war für euch (jeweils) das schönste Booking? Was der beste Abend?

Es ist unmöglich diese Frage mit nur einem Namen zu beantworten. Besonders froh sind wir über die Vielzahl an MusikerInnen, aus Wien und aus der ganzen Welt, die bei uns aufgetreten sind. Die Zusammenarbeit mit den einzelnen KünstlerInnen hat uns immer am meisten Kraft gegeben.

Ein ganz besonderes Verhältnis verbindet uns mit unseren Freunden aus Paris, namentlich Florent Hadjinazarian aka Hajj und Renart. Florent ist für den überwiegenden Teil unser CI verantwortlich und ist unzählige Male von Paris nach Wien gereist um bei uns aufzulegen. Genauso der Techno-Produzent Renart, der uns mit seinen leidenschaftlichen Live-sets immer wieder umhaut. Auf beide dürfen wir uns auch am kommenden Freitag freuen!

Welche Nacht in schönster Erinnerung blieb, lässt sich ähnlich schwer beantworten. Besonders hervorheben möchten wir die erste DISCO CITRUS VULGARIS in der alten PRATERSAUNA. Diese Veranstaltung war inhaltlich und atmosphärisch sicher der Höhepunkt des ursprünglichen Pomeranze-Konzepts. Die Euphorie die so mit der Crew und den Gästen entstanden ist, bleibt für uns unvergesslich!

© Paul Syverson
© Paul Syverson

In den letzten fünf Jahren hat sich viel getan. Wie schätzt ihr aktuell die Wiener Clubszene ein – was funktioniert gut, was weniger, was fehlt, was passt? (Sowohl auf Veranstalter- als auch auf Locationseite)

Einerseits schätzen wir derzeit sehr die hohe Diversität und Qualität des Wiener Veranstaltungsspektrums. Andererseits fehlt schon ein neuer Club, da hat sich in letzter Zeit wenig getan.

Der Club den wir vermissen, ist jener, der nicht nur Raum und Anlage schafft, sondern auch eine neue Generation an Clubkultur einläutet und sich nicht an alle Regeln hält. Das soll aber keine Absage an die bestehenden Clubs sein, die angeführt von der Grellen Forelle oder dem Celeste hervorragende Arbeit leisten, sondern ein Wink an die Jungen!

Grandios hingegen hat sich die Wiener Musikszene entwickelt! So einen hochqualitativen Output hat es lange nicht mehr gegeben und darf sich international keinem Vergleich scheuen.

Ein Track, der für euch für das kommende Funeral oder die fünf Jahre steht:

Gigi D’agostino – Con Te Partirò

Pomeranze feiert am 5. Mai 2017 in der Grellen Forelle Abschied. Zu Gast sind die im Interview erwähnten treuen Freunde Hajj und Renart aus Paris, am Mainfloor gibt’s zusätzlich ein Live-Set von Taurus sowie DJ-Power von Resident Minou Oram. Die Kitchen teilt sich die Crew mit Ascending Waves und Verkehrte Welt-Residents. Alle Infos gibt es hier.

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