Goethe kann kein Clickbait

Muss man wirklich 24 Stunden online sein, Kapuzenpullis tragen und 4 Zilliarden Twitter-Follower haben um Online-Journalist zu werden? Wir haben Österreichs wichtigste Onliner im Round-Table gefragt.

Was unterscheidet Schreiben für Online-Medien von Schreiben für Print?

Fritz Jergitsch, dietagespresse.com: Zum einen die Überschrift. Im Print ist die Headline eine Zusammenfassung in wenigen Wörtern, zum Beispiel: »Obama kritisiert Putin in Telefonat«. Im Internet dagegen wird sie ohne Artikel angezeigt; etwa auf der Startseite, auf Twitter oder auf Facebook. Die Headline muss also durch versprochene Unterhaltung zum Klicken animieren, mit Lachen, Wut, Trauer oder Staunen. Die Überschrift würde also eher lauten: »Du wirst nicht glauben, was Obama zu Putin gesagt hat«.

Ein weiterer Unterschied, den man beim Schreiben bedenken muss, betrifft die Aufmerksamkeitsspanne der Leser. Im Print widmen Leser dem Text mehr Zeit, er darf anspruchsvoller sein. Online dagegen wird ein Text schnell weggeklickt – im Newsfeed findet sich bestimmt noch was Besseres.

Gerlinde Hinterleitner, Chefredakteurin derstandard.at: Der große Unterschied zwischen einem Online-Medium und einem Print-Medium, ist, dass der Leser in wenigen Sekunden entscheidet, ob er den Artikel lesen will oder nicht. Für diese Entscheidung steht ihm nur ein Titel und Untertitel und ev. ein Bild zur Verfügung. Daher spielt eine sehr große Rolle, wie diese Elemente eines Textes gestaltet sind. Die Texte selber werden nicht linear gelesen, sondern die User springen herum, scannen die Seite und entscheiden sehr schnell, ob sie weiterlesen oder zum nächsten Punkt weitergehen. Das Wichtigste sollte immer am Beginn eines Satzes, einer Aufzählung oder in den Zwischentiteln stehen.

Auch der Text sollte modular aufgebaut sein, Text, Bild, Videos, Verlinkung sollten gut durchkomponiert sein. Und am Ende jedes Textes sollte etwas Interessantes zum Weiterlesen angeboten werden.

Martin Blumenau, fm4.orf.at: Klassische Print-Hemmschuhe, wie zum Beispiel keine Ich-Form, keine Selbstreferenzialität oder vorgetäuschte Äquidistanz sind im Netz nicht so wichtig.

Gerit Götzenbrucker, stv. Institutsvorständin Publizistik und Kommunikationswissenschaft: Das digitale Gadget als Trägermedium eines Artikels ist heute kein einfacher Computerbildschirm, sondern hat viele Ausgabeformen, insbesondere die Smartphone und Tablet-Displays sind zunehmend das Hauptausgabemedium. Hier muss auf die entsprechende Kürze und Informationstiefe – mittels Links und Verweisen – eines Artikels geachtet werden. Zunehmend wichtig wird die Trennung zwischen Nachricht und Meinung, um die Information im Internet einschätzen zu können. Sonst sind Propaganda, Schleichwerbung und Verschwörungstheorien nicht von richtigen und wahren Informationen zu unterscheiden.

Regula Troxler, Bereichsleiterin für Online-Journalismus am Institut für Journalismus & Medienmanagement der FH Wien: Erstens die Zeit: Es gibt keinen Redaktionsschluss, Texte müssen in der Regel rasch online gehen, können dafür aber jederzeit aktualisiert werden. Das bedeutet trotz Zeitdrucks beim Schreiben möglichst sorgfältig zu arbeiten. Zweitens die Hypertextualität: Das heißt, der Text steht meistens nicht allein sondern wird mit anderen Inhalten verknüpft. Beispielsweise wird auf weiterführende Geschichten oder Hintergründe, aber auch Videos, Fotos zu dem Thema etc. verwiesen. Drittens die Interaktivität: Dabei muss man beim Schreiben im Hinterkopf haben, dass der User sich frei und mit selbst gewählter Geschwindigkeit durch das Angebot bewegen kann. Es muss sogenannte Ankerpunkte geben, an denen er in den Text einsteigen kann, obwohl er vielleicht Inhalte davor übersprungen hat. Denn – mehr noch als bei Print – werden Online-Artikel nur nach persönlich relevanten Inhalten „gescannt“ (d.h. überflogen). Da sind beispielsweise aussagekräftige Zwischenüberschriften oder andere Hervorhebungen wichtig.

Walter Gröbchen, Journalist, Blogger und Verleger: lch unterscheide nicht zwischen Online-Journalismus und anderem Journalismus. Journalismus ist Journalismus, das Medium ist zweitrangig. Natürlich hat jedes seine Stärken.

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