Pusten gegen das Patriarchat – »Iphigenies Rache« im Dschungel Wien

Ein starkes Solo voller Überraschungen, das dem Patriarchat den Wind aus den Segeln nimmt – mit viel Witz und unvergesslichen Musikeinlagen.

© Tom Leather Neumeier

»Du willst mich töten für eine Prise Wind.« So bringt Iphigenie, gespielt von Lilly-Marie Vogler, den antiken Familienkonflikt ungeschönt auf den Punkt. Ihr Vater Agamemnon ist bereit ihr Leben zu opfern, um im Gegenzug von den Göttern guten Fahrtwind für seinen Kriegszug gegen Troja zu erhalten. Iphigenie versteht die Welt nicht mehr:Das eigene Kind ermorden lassen, um einen Krieg zu beginnen? Geht’s noch? Und dabei hatten sie doch bis jetzt ein einigermaßen gutes Vater-Tochter-Verhältnis.

Eingesperrt und umgeben von Bruchstücken ihres alten Kinderzimmers, entspinnt sich ein Bewusstseinsstrom der noch nicht einmal volljährigen Iphigenie. Wir begleiten sie in den letzten Stunden vor ihrer Hinrichtung und erleben eine Achterbahnfahrt der Gefühle: Wut, Unverständnis, Liebeserklärungen an das Leben, Flirtversuche mit Achilles, … Die Iphigenie, die uns Lilly-Marie Vogler zeigt, ist aufgeweckt und voller Lebensenergie, frech und kantig. Sie erkennt ihre schreckliche Situation klar und gibt dennoch nicht auf – sondern zettelt sogar noch ganz nonchalant eine Revolution an.

»Iphigenies Rache« (Bild: Tom Leather Neumeier)

Väter weinen heimlich

Die Produktion schreckt vor Komplexität nicht zurück und erklärt die gesamte Familiengeschichte der Tantaliden, in der jedes Familienmitglied ein anderes tötete. Dabei schafft sie den Spagat, diese scheinbar nie endende Gewaltspirale als absurd auszuweisen und doch Iphigenies Situation in aller Ernsthaftigkeit zu behandeln. Lilly-Marie Vogler knüpft sich dafür eine Männerfigur nach der anderen spielerisch vor: Agamemnon, Menelaos, Achilles – jedem verleiht sie durch Körperhaltung und Sprechweise einen unverkennbaren Charakter, von allen zeigt sie verletzliche Seiten. Die Männlichkeiten werden mit viel Scharfsinn und Witz seziert. So bricht beispielsweise Agamemnon in einen absurden Laberflash aus und reflektiert das von ihm ausgehende toxische Unterdrückungsverhältnis, nur um gleich danach doch seine Männlichkeit unter Beweis stellen zu müssen und auf der Jagd ein heiliges Tier zu erlegen. Artemis, die Göttin der Jagd, hat dafür nur zwei Worte: »Maximal belastend.«

Trotz aller Pointen bleibt die Vater-Tochter-Beziehung nicht eindimensional. Iphigenie ruft ihre frühen Kindheitserinnerungen auf, und wir bekommen eine liebevollen Agamemnon zu Gesicht, der nachts das Kuschelmonster spielte und von seinen Reisen Olivengläser für sie mitbrachte. Hoffnung auf Anerkennung durch den Vater, die Liebe zu ihm und die Sehnsucht nach Fürsorge und Geborgenheit – für all diese Gefühle wird Platz gelassen. Und in einer unvergesslichen Musikeinlage fragt Iphigenie mit einer selbstironischen Adaption von Herbert Grönemeyer: »Wann ist Vater ein Vater?«

»Iphigenies Rache« (Bild: Tom Leather Neumeier)

Ein Sturm braut sich zusammen

Doch auch im Angesicht des Unausweichlichen gibt Iphigenie nicht auf. Sie plant eine Protestaktion, denn: Gäbe es genügend Wind, so könne das Heer ihres Vaters ablegen und ihr würde der Tod erspart bleiben. Doch wie soll das gehen? Richtig: Pusten. Also beginnen wir alle zu pusten – und hoffen auf Windstärke drei. Ein Lufthauch, der ein Leben retten könnte. Doch was zuerst als gelingende Widerstandsaktion erscheint, geht nicht auf. Am Morgen des Hinrichtungstages dringen die Stimmen zweier Kommentatoren aus dem Radio – gestern hätte man ein paar verwirrte Menschen von Dächern gepflückt, die sich die Seele aus dem Leib bliesen. Pustende Aktivist*innen, ist das nicht viel zu radikal? Muss es wirklich diese Form von Protest sein? Naja, jetzt zum Wetter – heute windstill.

»Tut mir leid, dass ich leben will!« Mit einem letzten Aufbäumen, einem kraftvollen Wutanfall, entfesselt Iphigenie schlussendlich doch noch einen Sturm – und zwar aus Worten. Niemand kam ihr zu Hilfe, und die Art und Weise wie sie protestierte sei dann auch noch zu extrem?! Und doch endet Iphigenie mit einer versöhnlichen Note: »Ich glaube trotzdem an Euch!«, ruft sie uns noch zu, bevor sie im Bühnendunkel verschwindet. Wir auch an dich, Iphigenie!

Die Produktion des Theater Regensburg »Iphigenies Rache« wurde am 2. und 3. Juni als Gastspiel am Dschungel Wien gezeigt.

Dieser Text ist im Rahmen eines Schreibstipendiums in Kooperation mit dem Dschungel Wien entstanden.

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