Open Secrets

Power-Pop, Indie, Chansons und Barjazz: Ein Album, das sich in seinem eigenen Korsett verfangen hat.

Violetta Parisini könnte ein Shooting-Star der österreichischen Musikszene sein. Die Gründe dafür sind mannigfaltig: Ihr Name, ihr Auftreten und ihr Look machen sie zur perfekten Projektionsfläche für vieles, was geschmackvoll ist. Indie-Fans sehen in der Philosophie-Magistra und musikalischen Autodidaktin eine Gleichgesinnte aus eigenen Reihen, die denkt, handelt und fühlt wie “wir“. Aber auch Christina Stürmer Fans würden bei den Liedern der 31-jährigen Wienerin nicht davor zurückschrecken, das Feuerzeug in der Luft zu schwenken. Der Grund für diesen Massen-Appeal ist dabei sehr einfach: Violetta Parisini macht perfekt durchchoreographierte Popmusik auf “internationalem Format“, d.h. in erstaunlich sauberem Allerwelts-Englisch. Dabei flirtet sie mit den Möglichkeiten des künstlerischen Anspruches, schmeichelt aber nichtsdestoweniger den Hörgewohnheiten von Mainstream-Publikum und Formatradio.

Ihr zweites, von Florian Cojocaru produziertes Album “Open Secrets“ macht in diesem Kontext kein Geheimnis darüber, was es ist, und wie es zu rezipieren sein könnte. Die elf Songs auf “Open Secrets“ folgen klaren Richtungen, welche sich meistens aber eindeutig voneinander abgrenzen. Das soll heißen – entweder macht Parisini Power-Pop, Bar-Jazz oder Indie, aber nie lässt sie dabei die verschiedenen Interpretationsstile ineinanderfließen. Sehr schön geworden sind die Songs “All Right“ und “I Want It All/To Be Not True“ – es ist clevere, fern an Regina Spektor erinnernde Popmusik mit catchy Refrains, die nie aneckt und leichtfüßig in den Gehörgang rutscht. “He Knows“ und “So Easy“ bestechen als beschwingte Jazz-Chansons. Das experimentell angehauchte “Portable Home“ erinnert mit seinen Cabaret-Piano-Anleihen angenehm an die Dresden Dolls, während das als Hitsingle taugliche “See“ den Flair einer anderen großen Indie-Sängerin versprießt: “I fall in love all the time, but I‘m so glad to go to sleep with you“ singt Parisini, und klingt dabei wie eine österreichische Version von Leslie Feist.

Neben besagten Referenz-Titeln birgt “Open Secrets“ allerdings nur wenig Material, das wirklich hervorzuheben ist. Oft hat man das Gefühl, das Parisini nicht so recht weiß, wo sie mit ihrer Musik und ihrer Stimme hin will. Es gibt nur ein Lied auf dem Album, das nicht nach eindeutigen musikalischen Referenzen, sondern nach Violetta Parisini klingt: “Don‘t Slow Down“ besitzt Charakter, Humor und Mut und ist ein stampfend-euphorisches Stück Melancholie-Pop der besten Sorte. Wenn Parisini es schafft, sich aus ihrem Konsens-Korsett zu befreien und in diese Richtung als Gesamtkonzept zu steuern, könnte ihr nächstes Album wirklich substantiell werden. Für “Open Secrets“ gibt es inzwischen nur ein “nett“.

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