Sigur Rós im Gasometer: Zurück zur guten alten Glotzelfe

Von der legendenbildenden Magie, die uns durch Teenage Angst und Maturadepression trug. Seid gewarnt: ein objektiv subjektiver Konzertbericht samt Fotos.

© Patrick Münnich

Sigur-Rós-Konzerte trugen immer schon eine Aura des Besonderen und Magischen in sich – vor allem in den Nacherzählungen von Freunden und Schreiberlingen. Stets ging es dabei auch um Set und Setting: Zum einen die teils außergewöhnlichen Konzertkulissen vor brodelnden isländischen Geysiren oder spätrömisch-dekadenten Viaduktbögen, zum anderen die Erwartungshaltung, jener mystischen Prozession beizuwohnen, die – zwischen Feen, Kobolden und Psilocybinpilzen – damals die innere Bildwelt jugendlicher Träume formten. Mit »damals« meint der Autor die Zeit zwischen 1999 und kurz nach der Jahrtausendwende, als die Band scheinbar eine ganze Generation Jugendlicher ins junge Erwachsenenalter überführte – und dabei kollektive Erinnerungen schuf.

Der/die typische Besucher/in des Gigs gestern Abend in Wien schien diese These auch zu bestätigen: Handelte es sich dabei doch im Schnitt um Menschen von Anfang bis Ende 30 (manche hatten huckepack gar ein Kind mit dabei) – also Leute, die Ende der 90er- oder Anfang der Nullerjahre noch zur Maturadepression den ersten großen Sigur-Rós-Longplayer »Ágætis byrjun« entdeckten. Das Album mit dem Embryo am Cover dürfte damals in vielen, vielen Jugendzimmern Europas rotiert sein, Downloads gab es zu dieser Zeit ja kaum.

Adoleszentes Initiationsritual

Wie wohl unschwer zu erkennen ist, zählt sich auch der Autor dieser Zeilen zur eben umschriebenen Generation. Dennoch war der gestrige Abend etwas völlig Neues für ihn. Denn als einer der wenigen aus seiner Peergroup hat er Sigur Rós noch nie live gesehen. Während andere quer durch Europa reisten, um die Isländer auf den lässigsten Festivals und in den architektonisch beeindruckendsten Konzertgebäuden zu hören, begnügte sich der Autor mit dem Erwerb von Sigur-Rós-Schallplatten. Weil das Knistern des Vinyls so gut zum Sound der Band passte. Trotzdem erschien ihm das adoleszente Initiationsritual des Sigur-Rós-Konzerts lange Zeit als eine ewig verpasste Gelegenheit. Und auch wenn der Autor mit 34 die Adoleszenz bereits überschritten hat, konnte er die Gelegenheit nun endlich am Schopf packen.

Kurz nach einer Wahl, wegen der sich die Österreicher/innen noch wundern werden, was alles möglich ist, gastierten Sigur Rós also in Wien. Obwohl die architektonische Mächtigkeit der Gasometer-Türme durchaus kompatibel mit der Ästhetik der Band war, ließ sich das vom Konzertsaal nicht behaupten. Die randvolle Planet-Music-Halle wurde mit einem Sound in gehobener Studenten-WG-Party-Lautstärke bespielt. Den Bass konnte man teilweise nur erahnen, Höhen hörten sich höchst verzerrt an. Und nein – all das war wohl nicht im Sinne der Band.

Technisch perfekt und visuell spannend fiel hingegen die Bühnenshow aus. Der obligatorische Nebel wurde kaum bis dezent eingesetzt. Die Lichtshow schien auf die Stimmung der Setlist abgestimmt zu sein. Die ikonografisch religionslastigen Projektionen am Bühnenhintergrund verschmolzen mit Zeitraffervideoprojektionen der live spielenden Band. Das Livebild – auf zwei Videowalls übertragen – mischte sich wiederum mit psychedelischen Farbeffekten und Übergängen. Obwohl dies alles in Echtzeit gefilmt und aufeinander gelegt wurde, wirkte die Videoübertragung so professionell und künstlerisch ambitioniert, als ob man neben dem Livekonzert bereits den dazu fertigen Livemitschnitt sehen würde. Eine bühnentechnische Meisterleistung.

Objektiv subjektiv

Aber reden wir nun über das Konzert an sich. Ein schwieriges Unterfangen, weil bei diesem Teil der Kritik die subjektive Meinung insgeheim das Sagen hat, auch wenn sie sich als objektive Darstellung verkleidet. Aber ihr wurdet gewarnt!

Der Auftritt war in zwei Sets geteilt, die sich zwar nicht thematisch unterschieden, aber sowohl der Band wie auch dem Publikum 20 Minuten Pause für Pissoir, Bier und Zigaretten ließen. Manch einer kaufte sogar ein 30-Euro-T-Shirt am Merchandise-Stand.

Da Sigur Rós seit vier Jahren kein Album mehr veröffentlicht haben – und auch nichts Neues in Sichtweite ist – war es ein pragmatischer Best-of-Abend. Die Band spielte auf und gab den Fans, was diese wollten: 90% des gespielten Materials stammte nämlich aus den Alben »Ágætis byrjun«, »( )« und »Takk«. Gemessen am Erscheinungsdatum der Platten deckt sich das Zeitfenster haargenau mit der oben besprochenen Generation Jugendlicher, die heute in ihren 30ern auf der Suche nach ihrer verlorenen Zeit auf einen Sprung vorbeigekommen sind, um sich wieder kurz wie die von Teenage Angst und erster großer Liebe geplagten Maturanten von damals zu fühlen.

Trotz starker Band und starker Songauswahl bekam der Autor von der viel umschriebenen Magie nicht viel mit. Es war eine perfekte Show mit nicht perfekter Akustik, doch das kann man der Band am wenigsten anlasten. Trotzdem wirkte es manchmal so, als ob auch Sigur Rós selbst wüssten, dass die legendenbildende Magie von »damals« flöten gegangen ist. Und wer braucht schon neue Songs oder gar neue Themen, wenn die großteils nicht isländisch sprechenden Fans »Starálfur« in Endlosschleife hören wollen und damit glücklich sind. Übersetzt heißt dieses Lied übrigens »Glotzelfe«. Und mit dieser Erkenntnis beendet der Autor seinen objektiv subjektiven Konzertbericht.

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