Josef Jöchl artikuliert in seiner Kolumne ziemlich viele Feels. Dieses Mal fragt er sich, ob auch er ein Profil auf Linkedin haben sollte.

Manchmal möchte man seinen Augen nicht trauen. Wie ich vor Kurzem, als ich den Namen einer flüchtigen Bekannten googelte, weil mein Leben ist aufregend like that. Ich stieß auf eine Frivolität, die sie wohl lieber verheimlicht hätte: ihr penibel editiertes Linkedin-Profil. Sofort warf ich die Popcornmaschine an. Lückenlos listete sie dort alle Stationen ihres bisherigen Berufslebens auf, überhaupt sei sie #OpenToWork, wie der grüne Rahmen um ihr Profilbild verriet. Aber das war noch nicht alles. Beim Durchklicken stachen mir immer mehr Namen von Autor*innen, DJs, Stand-up-Comedians und Leuten, die ich vom Sehen kannte, ins Auge – und alle so fleißig am Kommentieren: »Wow, spannendes Projekt!« und »Congrats on the new role«.
Ich war gelinde gesagt shook. Wo war er hin, der Konsens unter »coolen« Personen, unter keinen Umständen ein Profil im sozialen Businessnetzwerk zu haben? Linkedins einzige nützliche Funktion bestand doch darin, herausfinden zu können, wie alt jemand war (erstes Unijahr minus neunzehn). Mittlerweile stellen dort aber sogar ganz vernünftige Leute ihren CV ins Internet, for the world to see. Klar, wir alle müssen essen. Aber sind die Zeiten wirklich gar so schlecht? Und wenn ja, sollte ich auch ein Profil auf Linkedin haben? Ich kam nicht umhin, mich zu wundern: Sollte ich Networking betreiben?
Linkedin Park
Ab einem gewissen Grad der gesellschaftlichen Durchdringung sind Dinge eben nicht mehr peinlich. Zum Beispiel: sich zu Markte tragen wie ein Stück Fleisch mit exzellenten Soft Skills. Das sogar ganz buchstäblich. Im Fitnesszeitalter lässt kaum jemand seinen Körper ohne Gegenwehr verfallen. Auch etwas, an das ich mich nur schwer gewöhnen konnte. Viele Jahre fand ich es nämlich unangenehm, öffentlich Sport zu treiben. Ich ging deshalb ausschließlich in der Nacht joggen. Wenn ich im Gym auf Bekannte traf, tat ich manchmal so, als wäre ich eine Latzugmaschine, hielt eine breite Gewichtsstange vor mein Gesicht und klemmte mir einen Steckpin zwischen die Beine. Heute gehe ich völlig schambefreit ins McFit. Hin und wieder frage ich sogar, wie viele Sätze jemand noch hat.
Mein Problem war, dass ich aussehen wollte wie jemand, der Sport macht, aber nicht als jemand gelten, der sich dafür anstrengt. Müsste ich in Bezug auf Networking ähnlich gleichmütig werden? Eine Freundin hielt es für keine schlechte Idee. Sie mochte Linkedin, schließlich seien dort alle immer so nett. Stimmt auch wieder, dachte ich. Instagram ist da in jeder Hinsicht schlimmer. Zumindest ist bisher niemand süchtig nach Linkedin geworden. Ein weiterer, unschätzbarer Vorteil: Man netzwerkt dort nur virtuell.
Alles mit Maß und Ziel
Das weiß ich zu würdigen, seit ich zufällig auf einem echten Networkingevent landete. Es war genau so, wie man es sich vorstellt: Flughafenloungeästhetik, alle Dollarzeichen in den Augen, mit jedem Glas Rosé wurden die gepressten Lacher ein bisschen lauter. Kein guter Boden für Leute wie mich, die am liebsten über ihre Fehlleistungen sprechen.
Draußen beim Rauchen erzählte ich schließlich, dass ich keinen Alkohol mehr trinke. Ein interessierter Networker fragte zurück, warum ich das mache, man solle sich doch dem Genuss nicht gänzlich verwehren – alles mit Maß und Ziel. Meine Antwort war vermutlich ein bisschen zu offenherzig. Nach fünf Minuten klopfte er mir auf die Schulter und murmelte irgendwas in Richtung »Kopf hoch«. Wenig überraschend stellte er sich als Marketingleiter eines großen Weinproduzenten heraus. Extrem sensibel darf man also nicht sein fürs Networking.
Ein paar Wochen später war ich auf einem gelungenen Konzert eines jungen Musikers. Als danach in kleiner Runde die Sprache auf das nervtötende Instagram kam, das man halt bedienen müsse, um Publikum zu finden, verschwand plötzlich jegliche Freude aus seinem Gesicht. Es scheint, nicht ohne dieses Netzwerken zu gehen, aber irgendwie auch nicht mit ihm.
»Hy Josef«
Wie soll man auch gelassen kommunizieren, wenn es um den eigenen Lebensunterhalt geht? Ein Arbeitskollege schrieb mir unlängst eine E-Mail. Sie begann mit den Worten »Hy Josef«. Richtig gelesen: Hi mit Ypsilon. Beim ersten Mal war ich noch bereit, darüber hinwegzulesen. Wenigstens war es nicht dieses aufdringliche Ikea-Hej, dachte ich mir. Vermutlich ein seltsamer Scherz. Erst das zweite »Hy Josef« stürzte mich in ein Dilemma. Anscheinend war die Schreibweise ernst gemeint. Sollte ich ihn beschämen oder gewähren lassen? Bis zu diesem Zeitpunkt hatten wir eigentlich ganz gut genetzwerkt.
Ich entschied mich dafür, nichts zu sagen. Irgendjemand auf Linkedin würde ihn schon darauf hinweisen. Bestimmt einwandfreies Netzwerkverhalten, aber zugegebenermaßen etwas half-assed von mir. Dabei gäbe es nicht einmal einen Grund, bei »Hy« haltzumachen: Vielleicht sollte man dieses Linkedin einfach komplett verbieten. Denn warum sollten Social-Media-Verbote nur für Teenager gelten? Irgendwie muss man dieser um sich greifenden Radikalisierung schließlich Einhalt gebieten.
Josef Jöchl ist Comedian. Sein aktuelles Programm heißt »Erinnerungen haben keine Häuser«. Termine und weitere Details unter www.knosef.at. Per E-Mail ist Josef unter joechl@thegap.at zu erreichen, auf X (vormals Twitter) unter @knosef4lyfe.