Shut Up, Crime!

Daneben ist das neue super: In seiner zweiten Ausgabe setzt das Fantasy-Filmfestival /Slash neben Horror und Japano-Trash auch auf liebenswürdige Durchschnitts-Superhelden.

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Aufmerksame Kinogänger wissen: Die Leinwand-Herrschaft der Superhelden nimmt kein Ende. Mit dem hammerschwingenden Thor und dem Schilder schleudernden Captain America hat das Comic-Studio Marvel heuer wieder zwei taffe Muskelpakete auf das Publikum losgelassen. Dem steht ein alternativer Heldentypus gegenüber, der zurzeit besondere Sympathie genießt: schwächliche Durchschnittstypen, frei von jeglichen überirdischen Fähigkeiten und Ressourcen. Randfiguren der Gesellschaft, die ihre Unsicherheit hinter ihren Kostümen zu verstecken versuchen. Ihre Taten dienen nicht primär dem Wohl der Menschheit, sondern der unkonventionellen Selbsttherapie.

»Kick-Ass« ist etwa ein solcher Charakter – und ebenso die Helden im Programm des zweiten /Slash Filmfestivals. Mit dem »Superhero Saturday« setzt das Festival eben nicht auf knallharte Testosteron-Kämpfer, sondern auf Normalos in bunten Kostümen – auf den kleinen Mann mit der großen Vision. Ein solcher ist zum Beispiel Frank (Rainn Wilson), ein Mann mittleren Alters, der seine Frau an den Drogendealer und Stripclub-Besitzer Jacques (Kevin Bacon) verliert. In der schwarzen US-Superheldenkomödie »Super« von Troma-Spross James Gunn legt er sich deshalb ein knallrotes Kostüm zu und zieht gemeinsam mit Sidekick Libby (Ellen Page) in den Kampf. Mit plötzlich erstarktem Selbstbewusstsein ruft Frank nun »Shut up, crime!« in die Welt hinaus und legt damit sein altes Ich ab. Zu einem besonders heroischen Erscheinungsbild ist er aber trotzdem nicht herangewachsen.

Sozialdrama in Latex

Etwas jünger und unverbrauchter, aber nicht weniger mit Komplexen beladen ist der Protagonist in Australiens Beitrag zum subversiven Superheldenkino, »Griff The Invisible« (Regie und Buch: Leon Ford). Weil Griff im echten Leben schwer klarkommt, hat sich der 28-Jährige in seiner eigenen kleinen Fantasiewelt eingeschlossen. Nachts arbeitet er hartnäckig, aber mäßig begabt an seinem Image als unsichtbarer Retter; tagsüber hat der nervöse, kleinlaute Griff einen ganz normalen Schreibtischjob, wo er dem Spott seiner Arbeitskollegen ausgeliefert ist. Eine Wende macht Griffs Leben, als er die entzückende Melody kennenlernt. Die scheint genauso zu ticken wie er und muntert ihn dazu auf, weiterhin als unsichtbarer Held auf Verbrecherjagd zu gehen. Gemeinsam entfernen sie sich mehr und mehr von der Realität. Aber die lässt sich nicht ewig verweigern und trifft die beiden schließlich mit voller Härte.

»Griff The Invisible« lässt sich als schrilles Sozialdrama sehen. Bloße Superheldenkomödie ist der Film ab dem Zeitpunkt nicht mehr, als klar wird, dass Griff nicht nur Held spielen will: Er unterliegt ernsthaften Wahrnehmungsstörungen, ausgelöst durch prekäre soziale Umstände. Einen weiteren Helden der beherzt überforderten Art liefert der japanische Kultregisseur Takashi Miike mit »Zebraman«: Shin’ichi Ichikawa ist ein gescheiterter Lehrer und Familienvater. Da kommt es ihm gerade recht, dass die Erde von einer Unheil bringenden, extraterrestrischen grünen Masse heimgesucht wird. Zeit für Zebraman! Als schwarz-weiß gestreifter Retter – die Figur stammt ursprünglich aus einer Fersehserie aus Shin’ichis Jugend – will er seine bis dato trübsinnigen Existenz abstreifen. Wie Frank und Griff schlüpft er in ein Kostüm, um aus seinem Alltag auszubrechen.

Drastische Maßnahmen

Dennoch stehen am Ende drei unterschiedliche Entwürfe des alternativen Superhelden. Im Gegensatz zu »Super« und »Griff The Invisible«, die gerade vom Kontrast zwischen Fantasie und Realität leben, driftet Takashi Miike bewusst ins Fantastische ab und gibt damit auch seinem Protagonisten mehr Spielraum. Shin’ichi, der schließlich tatsächlich ungeahnte Kräfte erlangt, mausert sich vom Versager zum umjubelten Helden. So vollzieht »Zebraman« eine eher klassische Romantisierung des Superheldendaseins.

Frank und Griff hingegen bleiben schonungslos am Boden der Realität kleben. Im Fall von »Super« endet dieser Ausflug in die Welt der Comics in einem wenig glamourösen Blutbad. Ausgerüstet mit einfachen Waffen wie einer Rohrzange stolpert Frank durch den Untergrund. Um nicht sofort getötet zu werden, muss er selbst hohe Gewaltbereitschaft aufbringen. Den unpopulären Helden zwingt gerade seine Unterlegenheit zum Töten. Durch den Entzug des Heldenhaften wird das Genre demontiert und ein neuer Weg eingeschlagen, der von unerwarteter Drastik lebt. Mit weniger harten Bandagen hat Griff zu kämpfen. Physische Konfrontationen bilden eher nur den Hintergrund für sein Ringen mit sich selbst. Der Film stellt sich im Zweifelsfall auf die Seite der Realität, kann aber der Außenseiterromantik des Spinners auch eine romantische Komponente abgewinnen: Man wird ja wohl noch ein bisschen twee träumen dürfen.

Das /Slash-Filmfestival findet von 22. bis 30.September 2011 im Wiener Filmcasino statt. Alle Infos auf slashfilmfestival.com

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