Sprengmeister aus Schoppernau

Der Schriftsteller Franz Michael Felder hätte das Zeug zum Popstar der österreichischen Literatur. Dummerweise kommt er aus Vorarlberg und tot ist er auch schon 150 Jahre.

Für einen Wiener ist Vorarlberg nicht um die Ecke: Soviel zur Entschuldigung, dass dieser Text ausgerechnet am Ende einer Ausstellung geschrieben wurde und nicht zu deren Beginn. Doch besser spät als gar nicht. Das gilt auch für die Lektüre des Werks von Franz Michael Felder, der zwar im westlichsten Bundesland ein – bisweilen verteufelter – Landesheiliger ist, aber im übrigen Österreich und darüber hinaus noch immer viel zu wenig gelesen wird.

Popstarbiografie

Eine Popstarbiografie hat Felder allemal: Geboren im Nest Schoppernau im Bregenzerwald, seit seinem zweiten Lebensjahr auf einem Auge blind (ein betrunkener Arzt hatte ihm versehentlich sein gesundes Aug „operiert“ und verpfuscht), emanzipierte sich der Bauernsohn von seinem katholischen Umfeld, in dem er sich in die Literatur stürzte. Die Zeit war günstig: Nach dem Revolutionsjahr 1848 kursierten immer mehr Zeitschriften und sonstige Druckwerke, via Postboten erreichte der liberale Zeitgeist sogar die hintersten Winkel.

Felder sog Ideen auf wie ein Schwamm, begann schon im Schulalter zu schreiben, verdiente sich als jugendlicher Hochzeitsredner, veröffentlichte als 24jähriger Bauer sein erstes Buch (Nümmamüllers und das Schwarzokaspale) und revolutionierte damit das Genre der Dorfgeschichte, stand mit 100 Leuten in halb Europa (und Übersee) in Briefkontakt, las sozialistische Schriften und gründete eine "Partei der Gleichberechtigung", forderte gleiches und geheimes Wahlrecht, kämpfte gegen die monopolistischen Käsegroßhändler seiner Region, rief eine Viehversicherungsgesellschaft ins Leben, initiierte eine Leihbibliothek für Handwerker, unternahm Reisen, veröffentlichte zwischendurch weitere Romane und Erzählungen, zog den Zorn der Konservativen und der Kirche auf sich, erhielt deshalb mehrfach Morddrohungen, floh zwischenzeitlich ins Exil nach Bludenz und… ließ sich dennoch nicht mundtot machen.

Aus meinem Leben

Intensiver lässt sich ein Leben, das mit 29 Jahren abrupt zu Ende ging, nicht bestreiten. Knapp vor seinem Tod verfasste er auf Anraten eines befreundeten Germanisten seine Autobiografie mit dem Titel "Aus meinem Leben": So dicht, rasant und radikal sind nur wenige Bücher in der österreichischen Literatur, schon gar nicht im 19. Jahrhundert. Man lasse sich nur nicht davon abschrecken, dass es sich um eine Geschichte im dörflichen Milieu handelt: Hier ist ein Sprengmeister am Werk, wenn auch ein menschenfreundlicher, ein Verfechter der Selbstbestimmung und Lebenssüchtiger. I want it all, I want it now. You gotta fight for your right to party. I got a list of demands written on the palm of my hands. Die zu Felder passenden Pop/Rock/Rap oder was auch immer-Zitate ließen sich beliebig fortsetzen. Und noch eine letzte Analogie: Felder lebt. Die Wucht seiner Autobiografie lässt viele seiner Zeitgenossen verblassen. Sein soziales Engagement wurzelt im Regionalen des 19. Jahrhunderts und gibt Handlungsanweisungen für die Globalisierung 150 Jahre später.

Ein Local Hero, der allen gehört

Das alles (und noch viel mehr) hat eine eindrucksvolle Ausstellung gezeigt, die soeben im Vorarlberg Museum zu sehen war. Von ihr bleibt immerhin der großartige Katalog (Hg. von Ulrike Längle und Jürgen Thaler), der die unterschiedlichsten Facetten Felders unter die Lupe nimmt, so erfrischend, unprätentiös und "heutig" wie die Ausstellung selbst. Erschienen ist er im Schweizer Libelle-Verlag, der in den vergangenen Jahren einige Hauptwerke Felders wieder aufgelegt hat. In Vorarlberg ist Felder, so umstritten er über Jahrzehnte war, längst ein "Local Hero". Gut so. Doch er gehört nicht nur den Vorarlbergern, sondern allen, die sich gerne von Montaigne, Jean Paul, Karl Philipp Moritz, Büchner, Nietzsche und anderen Freigeistern anstacheln lassen. Beim Amazon-Ranking liegt Felders "Aus meinem Leben" auf Platz 380.858. Da ist noch verdammt viel Luft nach oben!

www.vorarlbergmuseum.at

www.libelle.ch

www.felderverein.at

Bild(er) © 1+2. Ernst Steininger, Franz Michael Felder, 1993, Eitempera auf Papier, 80 x 60 cm, Privatbesitz; 3: Markus Tretter (Raumansicht), 4: Franz Michael Felder, Leipzig, 1867, Vorarlberg Museum
Newsletter abonnieren

Abonniere unseren Newsletter und erhalte alle zwei Wochen eine Zusammenfassung der neuesten Artikel, Ankündigungen, Gewinnspiele und vieles mehr ...