Stars und Statisten

Über Architektur wird diskutiert. Öffentliche Möblierung hingegen scheint den meisten egal zu sein. Dabei ist sie für das Stadtbild und die Nutzung urbaner Räume entscheidend. Nun hat der Architekturpublizist Chris van Uffelen eine aufschlussreiche Materialsammlung zum Thema veröffentlicht.

Wie erklären Sie sich das häufige Desinteresse an öffentlicher Möblierung, obwohl sie uns alle mehr oder weniger betrifft?

Ich kann es nicht erklären. Es ist schade, denn »Street Furniture« ist ein schönes breites Thema.

Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Parkbänke, Mistkübel oder Bushaltestellen nicht sehr spektakulär sind?

Man muss unterscheiden zwischen den Statisten, so nenne ich die unauffälligen Möbel, und den Stars, die sich zum Beispiel bewusst in den Mittelpunkt eines Platzes spielen. Dazwischen gibt es Schattierungen. Einen Kanaldeckel kann man nicht zum Star machen, denn wenn der in der ganzen Stadt rot ist, wäre das penetrant. Jede Stadt braucht beides, Stars und Statisten – und haufenweise Zwischentöne.

Sind die Stars wichtiger als die Statisten?

Gerade die Statisten sind es, die eine Stadt zusammenhalten. Das sind sehr oft anonyme Sachen, die sich gezielt im Hintergrund halten. Wir haben in dem Buch Beispiele von zurückhaltendem Design, die auch von bekannten Designern und Architekten entworfen wurden, zum Beispiel die Bushaltestellen von Norman Foster in Paris. Die sind vollkommen unauffällig. Das Gegenteil davon waren die großen Papierkörbe von Philippe Starck, ebenfalls in Paris: Die haben sich richtig in Szene gesetzt. Aber sie wurden inzwischen entfernt, weil man Angst hatte, da könnte man Bomben drinnen verstecken.

Wie stark ist bei den Verantwortlichen das Bewusstsein für öffentliche Möblierung?

Den Stadtplanern ist das durchaus bewusst, etwa wenn ein Auftrag vergeben wird für Haltestellen in der ganzen Stadt. Ein gelungenes Beispiel dafür ist Bordeaux, wo Elizabeth de Portzamparc 2004 die 124 Straßenbahnhaltestellen auf 43 Kilometern ausstattete, während Group Signes als Landschaftsarchitekten und BLP als Architekten tätig wurden. Bei den Bürgerinnen und Bürgern hingegen scheint beim öffentlichen Raum ein gewisser Fatalismus zu herrschen, so nach dem Motto: Gibt es hier keine Parkbank, gehe ich halt weiter.

Welche Städte oder Länder sind besonders fortschrittlich?

Ich glaube nicht, dass die Wertschätzung von Street Furniture von Ländern oder Kulturen getragen wird. Wichtig ist ein Architekt oder Landschaftsarchitekt, der Wert darauf legt, dass er nicht nur den eigentlich Bau, sondern auch den Raum drumherum gestaltet. Richtig spannend ist immer wieder Paris. Dort hat sich die Firma JCDecaux darauf spezialisiert, Stadtmobiliar zu entwickeln und auch kommerziell als Werbeträger zu vermarkten. Die beauftragen eben dann Designer wie Philippe Starck.

Aber ist das nicht bedenklich? Die Kommunen wollen kein Geld ausgeben, dafür springen private Sponsoren ein und machen die Stadt zur Werbefläche. Ähnliches ist ja vor ein paar Jahren in Wien geschehen: Die Stadt konnte die Würfeluhren angeblich nicht mehr erhalten. Ihr Betrieb wird seither von einer Versicherung finanziert, deren Logo auf allen Zifferblättern zu sehen ist.

Es geht sicher in Richtung Kommerzialisierung. Solange die Kommune jedoch die Kontrolle darüber behält, wie das Stadtmobiliar aussieht, ist es meines Erachtens eine Lösung, mit der man leben kann.

Welche Beispiele von öffentlichem Mobiliar finden Sie besonders gelungen?

Es gibt ganz viele, etwa von Toyo Ito in Zusammenhang mit seinen Bauten oder Adriaan Geuze bei den West 8 Freiraumgestaltungen. Díez + Díez Designo machen in Spanien wundervolle Serienprodukte. In Asien agiert das Büro Earthscape, das sich hohe künstlerische Ansprüche gestellt hat. Es gibt auch unauffälligere Sachen, etwa vom Architekten Nicholas Grimshaw in New York, eine Stadt übrigens, die sich derzeit komplett neu »einrichtet«. Dass eine ganze Stadt ausgestattet wird, ist allerdings die Ausnahme. Meistens sind es Neubauprojekte oder Entwicklungsgebiete, wo neue Wege gegangen werden. Wie ja auch mit den Enzis beim Wiener Museumsquartier. Ideal sind übrigens immer individuell entworfene Sachen, die sich auf den Ort, für den sie gemacht sind, einspielen. Sie funktionieren viel besser als Standard-Mobiliar. Oft geht das ja über in den Bereich Kunst im öffentlichen Raum.


Weil Sie gerade ein österreichisches Beispiel erwähnt haben: In Graz hat es im Vorjahr einen Wettbewerb für öffentliches Mobiliar gegeben, aus dem zwei Siegerprojekte hervorgegangen sind: Die überdimensionierten Buchstaben namens »Design von GrA-Z« und die flexiblen Holzbänke namens »Getier«.

Ich finde beide Beispiele ansprechend. Die Buchstaben haben mehr die Rolle der Stars und versuchen, den Stadtraum an einer bestimmten Stelle für den Benutzerinnen und Benutzer bewusst erlebbar zu machen, während das andere Projekt sich deutlich zurückhält. Schön, dass es zwei unterschiedliche Projekte sind, die verschiedene stadträumliche Situationen bedienen können.

Aber mit den Enzis können sie sich nicht messen, oder?

Nein, das nicht. Die Chaiselongue-artige Qualität der Enzis ist einzigartig.

Sprechen wir noch von den sozialen Aspekten. Stadtmöblierung kann dazu führen, bestimmte Gruppen auszuschließen, etwa Jugendliche oder Obdachlose. Es ist ja bekannt, dass etwa auf kurzen Parkbänken, die noch dazu keine durchgängige Rückenlehne haben, Obdachlose kaum schlafen können.

Natürlich gibt es eine gesellschaftliche Tendenz, dass alles ästhetisiert werden soll. Städte stehen zueinander in Konkurrenz, auch über ihr Erscheinungsbild. Das kann man mit Straßenmobiliar wirkungsvoll beeinflussen. Und wenn man die Stadt wie eine Lobby schick machen will, widerspricht das natürlich den Interessen bestimmter Gruppen. Die Skater etwa weichen dann auf andere Plätze aus. Die gehen dorthin, wo die Statisten unter den Stadtmöbeln stehen. Aber egal wie sehr man versucht, die öffentlichen Räume zu kontrollieren, ganz verdrängen kann man diese Gruppen zum Glück nie. Denn auch sie machen, wie gutes Stadtmobiliar auch, die Stadt vielfältiger.

Zur Person:

Chris van Uffelen ist freier Kunsthistoriker und Autor mit den Schwerpunkten Architektur des Mittelalters, klassische Moderne und zeitgenössische Architektur. Er hat zahlreiche Bücher verfasst, bei Braun Publishing sind von ihm u. a. Titel zu Bahnhofsarchitektur, Office Design, Sportstadien sowie neue Materialien in Architektur und Design erschienen.

Zum Buch:

Ein Coffeetable-Book der besonderen Art: Das Fehlen längerer analytischer Texte tut dem Erkenntnisgewinn keinerlei Abbruch. Die vielen Beispiele, die Chris van Uffelen zusammengetragen und jeweils kurz beschrieben hat, zeigen unterschiedlichste formale Lösungsansätze aus aller Welt. Man stößt auf konventionelles Mobiliar ebenso wie auf freie spielerische Entwürfe, die komplett neue Nutzungsmöglichkeiten erlauben. Eine wichtige Rolle spielen dabei natürlich innovative Materialien. Von heimischer Seite sind übrigens u. a. das Designbüro For Use / Numen sowie die Architekten Boris Podrecca und Silja Tillner vertreten.

Chris van Uffelen »Street Furniture«, 448 Seiten mit 1019 Abbildungen, ist via Braun Publishing erschienen.

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