Tom Schilling wundert sich über die Liebe

Tom Schilling ist Deutschlands coolster Actor, ein Homme fatal des guten Geschmacks. Dafür, dass sein Debüt das Album eines singenden Schauspielers ist, ist es durchaus gelungen. Was aber gar nicht so überraschend kommt.

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Nicht nur in »Weil ich gut bin!«: Tom Schilling ist einer von den ganz Guten, einer, dessen Coolness, Geschmack und Stil andere Schauspieler wie die faden Arschlöcher dastehen lässt, die sie wahrscheinlich auch sind. Tom Schilling ist einer, den man durchaus beneiden darf, einer, dem man zuhören sollte, einer, den man uneingeschränkt gut finden kann.

Er hat sich nun – vermutlich endlich – getraut, ein Album zu veröffentlichen. Singen hören konnte man ihn ja schon in seinen Filmen, etwa in der Generationsallmacht »Oh Boy«. Elf Jahre sind die Songs teilweise schon alt. Weil sie möglichst zeitlos komponiert wurden, ist das auch egal und fällt nicht ins Gewicht. Zusätzliche Coolness-Punkte gibt’s für das Drumherum: Produziert hat Moses Schneider, den man an dieser Stelle nicht mehr vorstellen muss; das Cover stammt von Gerhard Richter himself – »Vilnius« in direkter Linie mit »Daydream Nation«.

Tom Schilling als Robert Zimmermann

Musikalisch, textlich, klanglich lässt sich »Vilnius« einfach erklären: Es ist wie das musikalische Äquivalent zu jenem Tom-Schilling-Film, in dem er sich wahrscheinlich noch ein bisschen mehr selbst spielt – nicht, dass das schlecht wäre – als sonst: »Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe«.

Tom Schilling © Stefan Klüter

Das Album als musikalischer Film

»Vilnius« klingt so arg nach Element Of Crime – es fällt nicht schwer, sich Sven Regener verwundert vorm Formatradio vorzustellen. Wäre »Vilnius« eine Phase im Schaffen der allerschönsten und -größten deutschen Gruppe, wäre es vermutlich jene verhältnismäßig sperrige zwischen »Die schönen Rosen« und »Romantik«. Der deutlich hörbare Einschlag von Brecht und Weill weckt nicht nur diese Assoziationen. Vor allem in der Bowie-Heroin-»Ballade von René« und dem sehr guten Opener »Kein Liebeslied« imaginiert man Jakob Iljas Gitarre.

Auch die verklärte Ost-Romantik, die zuletzt ja auch die Wiener Grant interessant umgesetzt haben, kennt man aus dem Zimmermann-Film. Während dort dem »russischen Bob Dylan« Vladimir Vysockij die berechtigte Ehrerbietung widerfährt, huldigt Schilling dem auch nicht gerade an Melancholie armen Akkordeon-Songwriter Igor Rasteryaev.

Rauchend am Balkon stehen und mitfühlen

Auch die Themenstellung ist allein durch die sehnsüchtige Instrumentierung zwangsläufig wie jene in »Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe« – nur dass es hier eben Tom Schilling höchstselbst ist, der sich wundert. Ein anderes Sujet als das der Wunderlichkeiten der romantischen Zweierbeziehung lässt sich einfach nicht vorstellen, so sehr ist es dem Klangbild der begleitenden Jazz Kids immanent. Natürlich klingt das manchmal nach der vielzitierten Gymnasiasten-Lyrik, aber insbesondere zum naiv-sympathischen »Schwer dich zu vergessen« kann man rauchend am Balkon stehen und mitfühlen.

Und – damit nun endlich die Vergleiche mit »Robert Zimmermann …« abgeschlossen sind – auch eine Unverständlichkeit: das Weibliche. Im Film versteht man nie, was Schillings Robert mit der blonden Lorna verbindet. Auf »Vilnius« ist es ein Gastauftritt von Annett Louisan, den man nicht versteht. Auch wenn das jetzt viel, viel schlimmer klingt, als es eigentlich ist.

Klar, »Vilnius« ist nicht das beste Album des Jahres, aber es hat eine faire Chance verdient. Und die nutzt es auch. Und dann ist es auch egal, wer oder was Tom Schilling ist. Irgendwann denkt man ihn als Person nicht mehr mit.

 

»Vilnius« von Tom Schilling & The Jazz Kids ist am 21. April 2017 bei Embassy Of Music erschienen. Konzerttermine in Österreich sind aktuell leider keine bekannt.

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