Über Sell-Out, lokale Clubszenen und das Business-Modell Boiler Room

Boiler Room macht mit der neu konzipierten Reihe »Into The Dark« in Wien Halt, zu Gast sind Adam Beyer und Hypnobeat (Helena Hauff & James Dean Brown). Wir durften den MacherInnen ein paar Fragen stellen.

Das neue Boiler-Room-Format »Into The Dark«, umgesetzt in Kooperation mit Eristoff, widmet sich der europäischen Clubszene und ist heute Abend in Wien zu Gast. Dabei will die Brand, die mit Webvideos von DJ- und Live-Sets in Wohnzimmer-Atmosphäre bekannt wurde, noch geheimnisvoller werden, Location und Acts wurden erst einen Tag vor der Veranstaltung bekannt gegeben. Neben dem klassischen Setup will sich Boiler Room außerdem auch der lokalen Szene widmen, wie die Macher im Interview erklären. Im Line-Up der Wiener Hauptveranstaltung erschließt sich das bei zwei internationalen Acts nicht ganz, allerdings durfte man in verschiedenen Social Media Formaten durchaus erleben, wie undergroundig Wien aussehen kann.

City by Night | Vienna

Get under Vienna's skin with Sofie Fatouretchi as she takes us through the city's most compelling underground nightlife as part of 'Into The Dark' series with Eristoff 👉 blrrm.tv/eristoff

Posted by Boiler Room on Mittwoch, 22. November 2017

Wir durften den MacherInnen einige Fragen zu Konzept, Wachstum und zu ihrem Bezug zur elektronischen Musikszene stellen.

Es ist sehr beeindruckend, wie Boiler Room in den letzten Jahren gewachsen ist und wie sich das Projekt entwickelt hat. Welche Ziele hattet ihr anfangs, was hat sich seitdem geändert? 

Danke! Unsere Ziele sind die selben, wie auch am Anfang: Wir wollen online ein Fenster zu bieten, dass einen Blick in die diverse Musik- und Subkulturszene ermöglicht, die oft schwer fassbar ist. Wir wollen unterrepräsentierte Musik zugänglicher machen und haben dabei einen sehr demokratischen Zugang. Wir bieten Artists abseits des Mainstream eine Plattform und neuen Musikströmungen eine weltweit erreichbare Bühne. Diese Musik ist unsere Leidenschaft und genau daraus schöpfen wir auch unsere Motivation.

Die größte Veränderung betrifft mit Sicherheit die Logistik, die Mittel und die Organisation. Als wir 2010 begonnen haben, gab es vor allem die klassischen Boiler Room Events, die weltweit gestreamt wurden und bei denen wir neben der Musik natürlich auch die Energie und das Feeling vor Ort transportieren wollten. Heute machen wir das noch immer, aber wir beschäftigen uns zusätzlich auch mit anderen Themen, die die Szene bewegen, etwa in Form von Kurzvideos für Social Media Channels oder in Form von Dokumentationen oder Audiomixes. Wir suchen nach pulsierenden Musikszenen weltweit und berichten direkt vom Dancefloor in Form von unterschiedlichen Formaten und auf unterschiedlichen Kanälen.

Würdet ihr Boiler Room noch immer als Underground Plattform bezeichnen? 

Obwohl wir gewachsen sind (wir erreichen jetzt 157 Millionen Menschen im Monat) hat sich unsere Music Policy nicht geändert: Wir featuren die Szenen und Artists, die wir lieben und die sich meistens außerhalb oder nur am Rande des Mainstreams bewegen. Was interessant ist: Das Wachstum von Boiler Room hat gewissermaßen gezeigt, dass »Underground« in seinem Umfang und seiner Größe eben nicht unbedingt Underground ist. Non-Mainstream-Musik hat mittlerweile eine riesige Community. Unser eigenes Wachstum ist ein Beleg für die demokratisierende Kraft, die das Internet mit sich bringt und zeigt gleichzeitig, wie man verschiedene Menschen auf Basis ihres Musikgeschmacks connecten kann. Das Verlangen nach anspruchsvoller elektronischer Musik ist groß und aus diesem Verlangen hat sich durch Boiler Room, durch das Internet und durch Social Media eine große und auch musikalisch sehr vielfältige globale Community gebildet.

Für viele Boiler Room Fans bietet eure Plattform die Möglichkeit, neue Artists zu entdecken. Welche Verantwortung geht damit einher und was ist für euch wichtig, die Kuratierung oder das Booking betreffend?

Wir fühlen uns zu 100 Prozent verpflichtet, Diversität innerhalb elektronischer Musik zu zeigen. Bei der Kuratierung achten wir darauf, vor allem auch die Breite an elektronischer Musik, die rund um den Globus existiert, zu zeigen. Wichtig ist uns Offenheit, Gleichberechtigung, Inklusion und ein demokratischer Zugang.

Welche Schwierigkeiten haben sich durch euer Wachstum ergeben?

Es gibt so viele so großartige und aufstrebende Musikszenen und Künstler, dass die Entscheidung, wen man zuerst featured, oft schwierig ist. Außerdem ist der logistische und organisatorische Aufwand natürlich immens, wir hatten 2017 immerhin über 250 Live-Broadcasts. Glücklicherweise haben wir ein großartiges Team und Büros über die ganze Welt verstreut, die uns ermöglichen, lokale Szenen genau zu beobachten.

Elektronische Musik ist gerade ziemlich populär, einige sprechen von einem Sell-Out. Wie seht ihr das und welchen Einfluss hat diese Popularität auf Boiler Room? 

Meiner Meinung nach ist es großartig, dass elektronische Musik populärer wird. Natürlich muss man bedenken, dass gerade Clubs damals in den 70er und 80er Jahren unter anderem als Safe Spaces für marginalisierte oder unterrepräsentierte Communitys gegründet wurden. Diesen Status als Safe Space, der eben nicht nur zum Feiern dient, müssen sie weiterhin behalten. Solange das so bleibt und Werte nicht verloren gehen, ist es eine gute Sache, wenn die Community wächst.

Welche Rolle spielt die lokale Szene bei euren Events, zum Beispiel auch jetzt in Wien? Wie integriert ihr Local Artists, wie geht ihr auf kulturelle Unterschiede ein?

Die lokale Szene ist grundlegend für das, was wir tun – wir wollen sie einfangen und global verbreiten. Wir öffnen lokale Dancefloors für alle Menschen rund um den Globus, wir featuren bei jedem Event auch lokale KünstlerInnen und wir arbeiten Hand in Hand mit Menschen vor Ort zusammen, um möglichst authentisch zu bleiben.

Boiler Room hat ja trotzdem einen sehr exklusiven Zugang, es gibt eine sehr beschränkte Gästeliste. Welche Rolle spielt die so kreierte Wohnzimmer-Atmosphäre, welche Rolle spielt das Publikum? 

Das Publikum ist extrem wichtig. Wir platzieren die Artists immer in der Mitte des Dancefloors, umgeben von der Crowd, damit der DJ und die Crowd eins werden. Barrieren zu durchbrechen ist essentiell. Die Besucher, die live vor Ort sind und mitbekommen, was dort passiert und das Gefühl teilen, übertragen die Stimmung für die, die von zuhause aus zusehen. Es gibt verschiedene Ebenen der Verbundenheit: Direkt beim Event hat der DJ natürlich eine gewisse Connection mit der Crowd, die Crowd reagiert in sich und die Menschen zuhause fühlen sich wiederum verbunden mit diesem Live-Moment, wissen aber genauso, dass sehr viele andere Menschen via Social Media zum gleichen Zeitpunkt den gleichen Stream sehen. Es kommt zu einem Loop, was die Verbundenheit, aber auch die Interaktion betrifft. Boiler Room wurde geschaffen, um Leute zu verbinden.

Wien ist nun Teil der Mystery Tour, einem neuen Format. Warum habt ihr euch entschlossen, das Line-up erst kurz vor der Veranstaltung zu veröffentlichen? In Berlin wird an der Tür oft nach den Artists gefragt, um sicherzustellen, dass sich das Publikum mit den Artists und dem Line-up beschäftigt hat. Ihr geht den umgekehrten Weg: Leute interessieren sich für die Veranstaltung rein durch den Namen Boiler Room… 

Es ist interessant, dass du Berlin ansprichst. In vielen der besten Techno Clubs kommen die Leute oft nicht, um bestimmte Artists zu sehen, sondern nur um die Club-Experience dort zu genießen. Sie vertrauen dem Club und sie wissen, sie werden großartige Musik hören und eine gute Zeit haben. Menschen vertrauen uns und gehen davon aus, dass wir eine gute Veranstaltung für Musikfans machen – genau das nutzen wir und nehmen sie bei »Into The Dark«, unserer neuen Plattform in Kooperation mit Eristoff, mit auf eine geheimnisvolle Reise.

Ihr arbeitet für die neue Reihe mit Eristoff zusammen… Wann habt ihr begonnen, Geld mit eurer Idee zu machen und wie macht ihr das? 

Wir haben von Anfang an mit anderen Brands zusammengearbeitet. Gemeinsam mit gleichgesinnten, zukunftsorientierten Partnern haben wir erst die Möglichkeit all diese großartigen Szenen rund um den Globus vorzustellen. Wichtig ist uns, dass durch diese Kooperationen auch immer etwas Neues für unsere Fans entsteht.

Wir freuen uns sehr, für die »Into The Dark«-Reihe mit der Premium-Vodka-Marke Eristoff zusammenzuarbeiten. Unsere Kooperation basiert auf Werten, die wir teilen. Wir wollen unsere Nächte gemeinsam künftig kürzer, aber spannender macht. Eristoff hat seine DNA ebenfalls direkt im Nachtleben und ist unabhängig und spielerisch, Boiler Room wurde ins Leben gerufen, um die aufstrebende Underground Szene und die damit verbundenen Subkulturen zu beleuchten und für die ganze Welt sichtbar zu machen. Gemeinsam wollen wir jetzt die interessantesten Spots in Europa zeigen. Wir kommen selbst aus der europäischen Underground-Techno-Szene. Wir freuen uns mit Eristoff einen gleichgesinnten Partner gefunden zu haben, mit dem wir Contemporary Music und europäische Clubkultur erkunden können.

Welchen Einfluss hat die Zusammenarbeit mit anderen Brands auf eure Arbeit? 

Wir arbeiten mit Brand Partner zusammen, um neue Musikerlebnisse zu schaffen. Eine Zusammenarbeit basiert immer auf den Werten, die wir mit der anderen Brand teilen und auf dem, was sich unsere Community wünscht. Gleichzeitig versuchen wir gemeinsam mit anderen noch kreativer zu werden, das ist vermutlich der größte Einfluss. Wir geben die musikalische Kuratierung allerdings nie aus der Hand.

Es gibt mittlerweile eine Vielzahl an Videos… habt ihr irgendwelche Insider Tipps? Welchen Stream sollte man sich vor dem Event in Wien noch ansehen? 

Das Set von DJ Charlotte De Witte bei unserem ersten »Into The Dark«-Stop in Brüssel ist Wahnsinn und Charlotte sollte man definitiv auch in Zukunft im Auge behalten.

Hier geht’s zur Homepage von Boiler Room, hier zur Facebook-Seite und hier zum Youtube-Kanal. Das Event findet heute Abend um 20 Uhr statt, Einlass allerdings nur mit Einladung. Nach diesem Event geht’s ebenfalls von Boiler Room supported mit einer Veranstaltung im Fluc weiter, dort mit lokalen Acts und offen für alle.

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