Und immer lockt Berlin

Jochen Distelmeyers Prosa-Debüt „Otis“ arbeitet sich sich im Gewand eines Künstlerromans an Berlin abarbeitet. Bitte nicht schon wieder…

Der Sänger/Songschreiber und Hamburger Schule-Vordenker Jochen Distelmeyer hat einen Roman geschrieben. Sein literarisches Debüt “Otis“ hat dabei erstaunlich wenig mit Blumfeld zu tun, dafür sehr viel mit Berlin. Umrahmt von schönen Worten und klugen Sätzen hadert Distelmeyers Hauptstadtblues leider schon zu Beginn mit seiner Handlung.

Die Hauptfigur Tristan Funke verlässt aufgrund einer gescheiterten Liebesbeziehung Hamburg und zieht in die deutsche Hauptstadt, um sich dort im Ostberliner Altbau mit Jugendstilkommode seine Herzenswunden zu lecken und ein Buch zu schreiben. Was in Folge passiert, wurde schon oft erzählt: Es geht um Männer und vor allem um Frauen, um Dichter, Verleger und das Literaturbusiness, um Kunst und Politik, um Thekengesänge und Mythologie. Das Große ist stets im Kleinen verankert und umgekehrt. Während im Hintergrund des Geschehens der Bundespräsident zurücktritt, begibt Tristan sich auf eine private Odyssee. In formschöner Reminiszenz an den magischen Realismus trifft er so auf Nymphen, Zauberinnen, Götterboten. Es gibt Leute, die haben Flügel. Vor allem aber gibt es zwei Frauen: Leslie, die Fotografin, und Stella, die Schauspielerin. Beide wissen nichts voneinander – bis auf einer letzten, großen Party seine Geliebten, seine Vergangenheit und seine Zukunft aufeinander treffen und die Ereigniskette einer klassischen Tragödie auslösen, die sich mit dem Asphalt der Straßen Berlins vermengt. 


Ein Berlin Roman ist ein Berlin Roman ist ein Berlin Roman

Das große Problem von “Otis“ ist nicht unbedingt, dass die Handlung sich wohlbekannter Motive bedient. Ganz plakativ gesagt liegt das Problem darin, dass “Otis“ ein weiterer Berlin-Roman ist, der sich selbst zitiert und sagt: Ein Berlin Roman ist ein Berlin Roman ist ein Berlin Roman. Distelmeyer reiht sich in die literarische Tradition ein, Berlin als geographische, politische und kulturelle Metaebene einzuführen und im Laufe der Erzählung als sinnbildendes Hauptsujet zu stilisieren.

Stets wirkt die erzählte Befindlichkeit dabei synchron und doppeldeutig: Das Auf- und Untergehen inmitten der Metropole, die Hauptstadt als Motiv und gleichzeitiger Ausdruck der persönlichen wie kollektiven Befindlichkeit. Der Brennpunkt, der auf eine Gegenwart fokussiert, die ins Mythologische ausblendet: Und nein, das ist keine Kritik an Berlin im Allgemeinen, aber es ist eine Kritik an “Otis“: Als Stilmittel kann diese Art von Hauptstadt-Mythologisierungsprosa einfach nicht mehr reichen, um irgendwo noch neue Akzente zu setzen. Was bleibt, ist eine Geschichte, die wir alle kennen, aber wohl nicht nochmal neu schreiben würden, da sie schon ein paar Mal zu oft erzählt worden ist.

"Otis" von Jochen Distelmeyer erscheint am 30. Jänner via Rowohlt.

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