Vergiss Designermöbel!

Falsche Erwartungen, Missverständnisse und Skepsis: Designer und Unternehmen finden nicht immer leicht zueinander. Dabei sind sie oft gar nicht so weit voneinander entfernt.

Die meisten Studierenden wissen am Anfang ihres Studiums gar nicht so genau, was sie an der Uni erwartet und welche Jobs sich danach auftun. So geht es auch den Design-Akademikern. Das wäre an sich nicht so schlimm, würde sich die Lage im Laufe der Jahre aufklären und berufliche Perspektiven am Horizont auftauchen. Das tun sie in der Regel jedoch nicht oder kaum, vor allem bei jenen, die eine künstlerisch dominierte Ausbildung genossen haben. Böse Zungen behaupten außerdem: Industriedesign in Österreich – das sei ein Widerspruch in sich, weil es hierzulande so gut wie keine Industrie gebe …

Sprung ins kalte Wasser

Ein positives Fallbeispiel: Adam Wehsely-Swiczinsky, Jahrgang 1971, betreibt ein kleines Produkt-Designbüro in Wien und ist seit vielen Jahren vor allem für die Skiindustrie und im Bereich Healthcare tätig. Auf die Frage, wie ihn sein seinerzeitiges Designstudium an der Universität für Angewandte Kunst auf den Beruf vorbereitet habe, folgt ein knappes: »Gar nicht. Null.« Warum er dennoch seinen beruflichen Weg gefunden hat? »Ich hab vor dem Studium eine Tischlerlehre gemacht und hatte danach eine eigene Werkstatt, habe immer wieder für Architekten geplant und Dinge umgesetzt.« Diese Erfahrung in einem »echten« beruflichen Umfeld war es dann auch, die ihn dazu brachte, sich nach dem Studium kurzerhand für die Designabteilung des Skibindungsherstellers Tyrolia zu bewerben, wo er einige Jahre arbeitete: »Das war der klassische Sprung ins kalte Wasser.« Danach machte er sich selbstständig, verbreitete sein Angebot, über die Sportindustrie kam es zu Kontakten zu einem Produzenten von Healthcare-Artikeln und zu weiteren Aufträgen.

Wehsely-Swiczinsky ist die Ausnahme, auch weil er schon früh einen klaren Fokus hatte: »Es hat mich immer sehr interessiert, Design nicht für eine Elite, sondern für die Allgemeinheit zu machen.« An der Angewandten war sein Professor übrigens paradoxerweise Paolo Piva, der klassisches Möbeldesign vertritt. »Aber damit ist man schnell im elitären Bereich«, so Wehsely-Swiczinsky. »Da geht es um Kleinserien und nicht um Massenprodukte.« Kein Zufall ist es, dass man die heimischen Studios, die sich vornehmlich auf Möbeldesign spezialisiert haben, an einer Hand abzählen kann. Doch selbst wer früh weiß, wohin er will, hat zunächst noch die Qual der Wahl bei der Ausbildung. »Wer Industriedesigner werden will, dem würde ich heute raten, nach Graz zu gehen«, so Wehsely-Swiczinsky. Doch auch an einer Kunstuniversität wie in Wien hat man die Möglichkeit, das Metier kennenzulernen. So war ja etwas Hartmut Esslinger bis vor Kurzem hier Professor, der die künstlerische Ausrichtung seiner Klasse umkrempelte und seine Studenten auf die globale Wirtschaft vorzubereiten versuchte. Nur kann sich durch einen Professorenwechsel klarerweise auch die Ausrichtung des Studiums wieder gehörig verändern.

Angewandte Aufträge

Das Problembewusstsein dafür, dass Absolventen enorme Schwierigkeiten haben, an Aufträge zu kommen, ist an der Angewandten nicht neu. So gab es vor einigen Jahren das Projekt »Karriereleiter. (K)eine Anleitung zur Designarbeit!«, eine Filmdokumentation über Absolventen, herausgegeben von Thomas Geisler und Ingrid Mückstein. »Dass ein Fachstudium nicht unbedingt in eine fachspezifische Karriere münden muss, gilt für den Großteil aller Studienabgänger«, heißt es da. Ganz klar wird hier auch sichtbar, dass es um mehr geht als nur künstlerische Skills: »Die vielbeschworene Kreativität mischt sich da mit anderen Kompetenzen und hält einen irgendwie finanziell über Wasser oder aber es gelingt tatsächlich der Sprung hin zum erfolgreichen Kleinunternehmer bzw. zur Ich-AG als quasi Personalunion aus Arbeitgeber und Arbeitnehmer.«


Egal ob klassisches Industriedesign oder Grafikdesign, Kommunikations- oder Markendesign: Irgendwann ist jeder Designer mit der Tatsache konfrontiert, dass die Auftragslage in Österreich nicht rosig ist. Die meisten heimischen Unternehmen sind Klein- und Mittelbetriebe und beschäftigen hausintern keine Designerinnen und Designer. Wer einen der wenigen Jobs bei den großen Firmen ergattert, kann sich also ebenso glücklich schätzen wie jene, die bei großen Designbüros wie Kiska unterkommen. Der Gang in die Selbstständigkeit ist daher in den meisten Fällen vorgezeichnet, ob man will oder nicht. »Daher ist es wichtig, dass sich Designer auch mit unternehmerischer Führung beschäftigen und mit betriebswirtschaftlichem Wissen ausgestattet im Markt aktiv sind«, heißt es in der 2006 veröffentlichten Departure-Studie »Designleiter« zum Designbewusstsein österreichischer Firmen.

Und Produzenten?

Womit wir beim zweiten Partner sind: den Unternehmern. Denn die »weltfremden« Designer tragen nicht die alleinige »Schuld« dafür, dass für Design in Österreich so wenig Platz ist. Die eben zitierte Studie belegte nämlich erstmals schwarz auf weiß, dass Design bei rund der Hälfte der Unternehmen keine oder bestenfalls die Rolle des oberflächlichen Stylings hat. Design als Begleiter in der Entwicklung oder gar »Design als Strategie«, bei der Entscheidungen in der Gestaltung gemeinsam mit dem Management erarbeitet werden, ist im internationalen Vergleich stark unterrepräsentiert. Wobei das ein entsprechend anderes Berufsbild erfordern würde. Neben dem traditionellen Handwerk müssten Designer sich dann auch auf die Suche nach neuen Trends machen, den Markt beobachten und daraus selbst Businessmodelle entwickeln, so die Studie von Departure.

Immerhin meinten vor mittlerweile sechs Jahren mehr als zwei Drittel der befragten Unternehmer, dass Design gut für das Portmonnaie ist. Offenbar vermittelt Design das Image von Erfolg und Innovation. Diese positive Einstellung ist eigentlich durchaus erstaunlich, denn selbst in einem Land wie Großbritannien, in dem das Thema groß geschrieben wird, bedarf es der unermüdlichen Tätigkeit des British Design Councils, um die Kreativdisziplin im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Apropos Öffentlichkeit: Auch die Journalisten kriegen ihr Fett ab. »Es ist ein massiver Fehler, Design als Tätigkeit von Egomanen zu kommunizieren. Designer werden in den Medien meist als coole Typen dargestellt, es dominieren Personality-Storys. Daher haben viele Unternehmen Angst, sich so ein Ego reinzusetzen«, ist Adam Wehsely-Swiczinsky überzeugt. »Wenn ein Designer Grundrespekt gegenüber der Firma erkennen lässt, ist das schon mal der erste Schritt. Schließlich sollte es darum gehen, wie man die Sachen besser machen kann und nicht, wie man sich als Ego positionieren kann.« Von welcher Seite man das Problem auch betrachtet, sicher scheint nur eins: Die Vorurteile verstellen oft den Blick auf die Realität. Diese abzubauen ist der erste Schritt zu verbesserten Kooperationen.

The Gap veranstaltet am 28. Juni im Wiener Project Space ein erstes Get Together im Rahmen des Calls für Einreichungen von Kreativ-Projekten »departure focus: Kooperation«. Die Keynote wird von Adam Wehsely-Swiczinsky gehalten werden.

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