Verstaubter Leopardenpelz und Barbie-Pink erblicken wieder das Sonnenlicht, Monchhichis reinkarnieren sich in Labubus, alles glitzert und glänzt. Über Dinge, die so hässlich sind, dass sie wieder schön werden.

Während eines Stadtspaziergangs gehe ich an einem Souvenirladen vorbei und mein Blick fällt auf Abbildungen von Mozart, Stephansdom und »Der Kuss« auf Plastikfächern. »Alles Kitsch!«, denke ich. Dabei überkommt mich der Gedanke, dass Kitsch aus Wien schwer wegzudenken ist – und dass ich das nicht immer schlimm finde. Die unvermeidbaren Aida-Cafés, die anhaltende Popularität von Pferdekutschen wie auch der Erfolg von Marken wie Kitsch Bitch überzeugen mich davon, dass ich das nicht als Einzige so sehe. Und dass Kitsch wohl auch für andere ein Guilty Pleasure ist. Doch was fasziniert uns daran? Ist Kitsch Kunst? Und warum gilt »Mädchenhaftes« als kitschig?
Bei der Beantwortung dieser Fragen finden wir uns rasch in den Siebzigerjahren wieder – aber jenen des neunzehnten Jahrhunderts. Damals tauchte der Begriff nämlich zum ersten Mal am Münchner Kunstmarkt auf, als abwertender Ausdruck für billige, minderwertige Kunstwerke. Vermutet wird, dass er vom mundartlichen Wort »kitschen« abstammt, das das Zusammenschieben von Dreck oder Schlamm bezeichnet.
Zeit und Ort sind dabei kein Zufall. Im Gespräch mit Claudia Lomoschitz, Künstlerin und Dozentin an der Akademie der bildenden Künste Wien, erfahre ich, dass durch die Industrialisierung damals zum ersten Mal Produkte massenhaft und preiswert hergestellt werden konnten. In der Gesellschaft war nach der Aufklärung zudem ein Bedürfnis nach Individualität geweckt. Das alles bedeutete, dass Bildung, Moral und Geschmack zu einem Ausdruck von Status wurden. Auch das Zuhause war von da an ein Ort, an dem man sozialen Status zeigen wollte. Wodurch die Nachfrage nach gefälligen Kunstimitaten – also Kitsch – entstand.
Mona Lisa am Klo
Bald sollte sich daraus ein Phänomen entwickeln: eine einfache Symbolsprache, die sentimental geprägt ist und an die Emotion appelliert. Im ästhetischen Sinne handelt es sich meistens um aus der »hohen« Kunst entliehene Motive und Themen, die vereinfacht, verniedlicht oder romantisiert wiedergegeben werden – indem beispielsweise eine Hundekopfbüste zur Keksdose wird oder die Mona Lisa zur Tapete am Klo.
Lomoschitz erläutert, dass im NS-Regime offiziell gegen Kitsch gehetzt worden sei, er wäre »verweichlicht« und »unheldenhaft«. Kitsch habe als Symbol für den Verfall nationalsozialistischer Werte gegolten. Erstaunlich, aus meiner Sicht scheint Kitsch in dieser Zeit nämlich allgegenwärtig. Jedes Propagandaplakat, jede Statue dieser Zeit strotzt geradezu vor verklärtem Nationalkitsch.
Eine Antwort auf diesen Widerspruch findet sich bei Hermann Broch. Dieser veröffentlichte 1933 sein erstes Werk zu Kitsch und setzt sich damit als einer der Ersten aus philosophischer Perspektive explizit mit diesem Phänomen auseinander. In den 1940er-Jahren stellt er seine Überlegungen dann in den Kontext des Totalitarismus. Broch beschreibt Hitler als den »Prototyp des Kitsch-Menschen«, seine ganze Ideologie bestehe im Heraufbeschwören von grausig kitschigen Stereotypen.

Antithese der Kunst
Für Broch ist Kitsch im Gegensatz zur Kunst ein ästhetisches System ohne Ethik: »Nirgends ist die Umschichtung der Werthaltung, die Wirksamkeit des Bösen in der Welt so ausgeprägt wie in der Existenz des Kitsch.« Diese Haltung passt in den generellen Kanon der Zeit. Kitsch wird damals vorwiegend als Antithese der Kunst, unkritisches Trostpflaster und die ungebildete Antwort auf eine Geschmacksfrage gesehen. Und dem kann ich kaum widersprechen. Kitsch ist übertrieben sentimental und erbarmungslos unecht. In all seiner »Verlogenheit« ist er aber vor allem eines: ehrlich. Ganz unverschleiert und grobschlächtig erzählt Kitsch, was er von uns will, oder viel mehr, was wir von ihm wollen.
Wenn ich meine eigene Zuneigung zu Kitsch hinterfrage, ist es vor allem eine Art Affirmation, die Kitsch für mich als kulturelles Phänomen auszeichnet. Kitsch formuliert einen Wunsch, zeigt mir die Welt, wie sie nicht ist, aber sein sollte. Wer Kitsch unironisch konsumiert, sehnt sich vermutlich nach Harmonie, besseren Verhältnissen oder Gerechtigkeit – danach, in jene Welt einzutauchen, der das dicke, rosa Porzellanschwein entsprungen ist.
»Spannend ist, dass Kitsch auf jeden Fall etwas Konsumierbares ist und etwas, das sehr eng mit Identität zusammenhängt«, erläutert Claudia Lomoschitz. »Viele Subkulturen definieren sich über Konsum, durch Geschmacksurteile werten sie sich gegenseitig auf – oder ab.« Die Künstlerin eröffnet damit ein neues Kapitel in unserem Gespräch. Es geht um Kitsch als Klassenfrage: »Geschmack ist ein subjektives Werturteil, das erst im achtzehnten Jahrhundert, nach der französischen Revolution, entsteht. Absurd, dass in dem Moment, in dem Menschen gleich viel wert werden, plötzlich Geschmacksabwertungen aufkommen.«
Stil wurde so zu einem Mittel der sozialen Spaltung und ermöglichte es, in diesem neuen System Hierarchien zu schaffen. Vielleicht stoße ich mich auch deshalb an der Behauptung, Kitsch sei »der schlechte Geschmack«, weil »der gute Geschmack« auch heute noch von einer kleinen, dominierenden Gruppe vorgeschrieben wird. Als aktuelles Beispiel nennt Claudia Lomoschitz Markentaschen. Während diese nur für wenige erschwinglich seien, werde der Kauf eines Imitats als kitschig abgewertet.
Verführerischer Kitsch
Im Wissen, dass Methode hinter der gesellschaftlichen Bedeutung von Kitsch steckt, ist für mich die scheinbare Verknüpfung von Kitsch und Weiblichkeit umso interessanter. Einige Verbindungslinien lassen sich durch die historische Rolle der Frau und die damit einhergehenden Werte wie Emotionalität und Friedfertigkeit erklären. Abgesehen davon fällt mir bei meinen Recherchen auf, dass Zuschreibungen von Kitsch teilweise fast wörtlich altbekannte weibliche Stereotype übernehmen. Sie erinnern mich an ein Frauenbild, wie es bereits die biblische Anekdote vom Sündenfall zeichnet. Kitsch wirkt verführerisch, ist eine Lüge, vulgär und nicht zu eigener Originalität fähig.
Das alles führt uns zur Überlegung, ob Kitsch und Weiblichkeit vielleicht in ihrer Rolle vergleichbar sind. »Women written by men« kennen wir ja nur zu gut. Frauen werden im Patriarchat eindimensional und funktionalisiert dargestellt sowie abgewertet, weil das System auf Männer zugeschnitten ist. Kitsch gilt analog dazu zwar als Gegensatz zur Kunst, wird aber dennoch durch diese definiert. Frauen und Kitsch werden somit beide an fremden Maßstäben gemessen.
Es dauert eine ganze Weile, bis mir auffällt, dass alle Einordnungen von Kitsch, mit denen ich mich bisher befasst habe, von Männern geschrieben worden sind. Erst als ich schließlich in Helga Kämpf-Jansens Artikel »Kitsch – oder ist die Antithese der Kunst weiblich?« über eine feministische Perspektive stolpere, merke ich, wie sehr mir diese gefehlt hat. Ihr Text bestätigt mich in einigen Überlegungen und stellt sogar ein »Wörterbuch des Kitsches« zusammen. Resümierend schreibt sie dort: »Auf der Ebene der begrifflichen Bestimmung durch den Mann sind die Einschätzungen des ästhetischen Phänomens ›Kitsch‹ und die Einschätzungen nicht nur der ästhetischen Aktivitäten der Frau, sondern auch ihrer wesensmäßigen Bestimmung weitgehend gleich, wobei das evozierte Frauenbild das ›Andere‹ der Frau darstellt, also die Hure und nicht die Heilige, die Femme fatale und nicht die Femme fragile, die Hexe und nicht die bürgerliche Gattin.«

Der Wert von Weiblichkeit
Dass das Kitsch-Urteil historisch vor allem auf Weibliches fällt, lässt sich belegen. Claudia Lomoschitz erzählt von der Bauhaus-Kunstschule der 1920er-Jahre, in der zunächst geschlechtliche Gleichberechtigung angestrebt wurde. Um aber im patriarchalen Diskurs der Zeit mitspielen zu können, seien Frauen ab 1922 nur noch in den Webereiklassen zugelassen worden. Trotz großer Erfolge – die Weberei war laut Lomoschitz die lukrativste Klasse des Bauhauses – habe diese kaum Wertschätzung erfahren, sie sei viel eher als »Frauenklasse« abgewertet worden. Die Kunstprofessorin erklärt mir auch, dass sich die geschlechtsspezifischen Farbcodes Rosa und Blau, wie wir sie heute kennen, erst Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts einstellten. Zuvor seien diese beiden Farben sogar gegenteilig konnotiert gewesen. Als Folge solcher Umdeutungen werden dann ganze Epochen aus heutiger Sicht belächelt und als kitschig abgetan. Kaiser Leopold I. in Schleifchen, vergoldeten Rüschen und ausgestelltem Rock – damals der letzte Schrei – hätte heute ohne Zweifel eine andere Wirkung.
Lange habe ich mich gefragt, was Kitsch und Weiblichkeit im Kern verbindet. Denn – ob Fußballkult, Autohype und Barbershops – kitschige Ästhetiken finden sich längst auch in männlichen Sektoren. Doch Kitsch ist eben weniger eine objektive Kategorie als ein Urteil, ein »Weiblichkeitsurteil«. Und das nicht zufällig: »Ich würde gar nicht sagen, Kitsch existiert – Kitsch wird gemacht. Das ist ein Mechanismus«, meint Lomoschitz.
Mehr und mehr wird mir klar, dass Kitsch vor allem eine Ablenkung ist. Wenn ich mir eine Tasche aus Kunstfell zulege und mich dadurch ein Stück besser fühle, lenkt das davon ab, dass sich an meiner Situation durch diesen Kauf substanziell nichts geändert hat. Andererseits wettern Herrscher gegen Kitsch, missbrauchen seine Zugänglichkeit dann aber für eigene Zwecke. Das kulturelle Angebot für die breite Gesellschaft wird eingeschränkt, gleichzeitig werden diese eingeengten Möglichkeiten als Kitsch abgetan. So folgt ein abwertendes Urteil auf das andere. Kitsch hat viele Gesichter, umso wichtiger ist es, Kitsch als Instrument zu verstehen und nicht als Gegebenheit.
Aktuell scheint Kitsch in der Popkultur und der Kunst ein Comeback hinzulegen. Auf Social Media stolpert man über Memes und Trends, die Kitsch als »trashy« Ästhetik zurückbringen, und ich freue mich darüber. Vielleicht ist es ein sinnvoller Umgang mit Kitsch, ihn in der Offensive zu verwenden und nicht mehr als Urteil über andere. »Letztendlich geht es nicht um Konsum, Geschmack oder Kitsch, sondern um Gemeinschaft«, sagt Claudia Lomoschitz und seufzt. »Leider befinden wir uns aber immer noch mitten in Kapitalismus und Patriachat.« Eine Aussage, an die ich wieder denken muss, als ich mir später meine Kaiserin-Sissi-Socken mit Herzchenmuster anziehe.
Die künstlerische Arbeit von Claudia Lomoschitz findet sich unter www.claudialomoschitz.com. Lisa Zartler hat dieses Jahr die Meisterschule für Kommunikationsdesign an der Graphischen absolviert. Ihre Abschlussarbeit war im Juni im Künstlerhaus zu sehen.