Wiener Original im Stuwerviertel

Die Szene in Wien floriert. Doch neben den großen Locations wird nach wie vor in kleinen Clubs, in den Beisln und Pubs der Hauptstadt gefeiert. Doch tut sich da irgendwas? Genau hier fragen wir nach. Heute bei Robert vom Dezentral.

Wenn man in den versteckten Ecken Wiens herumspaziert, findet man traditionelle Wirtshäuser, urige Beisln und auch kleine, sympathische Schuppen wie das Dezentral. Wieso sich hier fast nur Leute aus der Umgebung hintrauen, ist rätselhaft. Und es ist angeblich das Stammlokal vom Nino aus Wien. Ja, ok. Es liegt im Stuwerviertel (wo zum Teufel ist das) und nennt sich selbst auch noch Dezentral. Eigentlich ist es aber nur eine U-Bahnstation oder ein kleiner Spaziergang vom Praterstern entfernt.

Vielleicht liegt es auch daran, dass sie ihre Programm etwas runterschrauben mussten. Nachbarn sei Dank. Es tut sich dort aber trotzdem noch einiges. Von Akustik-Sessions, bis Lesungen oder einfach nur gemütlichen Diskussionen bei Spritzwein. Eigentlich ist das Lokal sehr zentral im ehemaligen Prostitutionsviertel angesiedelt. Wie "ehemalig" die Prostitution hier wirklich ist, wer hier so spielt und wieso man nichts dafür zahlt hat uns Robert, der Betreiber des Dezentrals, bei einem Seiterl und drei Tschick erzählt.

Was ist denn das Dezentral?

Das Dezentral ist ein Spiegel der Gesellschaft, des Viertels hier.

Wie kann man das verstehen?

Genau so, wie es ist. Es ist das Publikum, das Tag ein Tag aus geht und kommt. Uns besuchen fast ausschließlich Leute aus der näheren Umgebung, aus dem Viertel, ohne einer speziellen Ausrichtung auf ein Zielpublikum. Es sitzen um acht Leute im Blaumann rum, die von der Arbeit kommen, ebenso wie ganz Junge oder ältere Leute, Männer Frauen einfach wie es kommt. Unser ältester Stammgast ist glaube ich 78. Die Jüngsten sich sicher nicht viel über 18 Jahre alt. Außer zu Veranstaltungen verschlägt es nur selten Leute von außerhalb in unser Viertel.

Heißt das Lokal auch deswegen Dezentral?

Der Name hat schon damit zu tun. Es ist ein Gag, weil das Lokal im Viertel schon sehr zentral liegt, das Viertel aber trotzdem wie das gallische Dorf ist. Trotz der Zentrumsnähe hat es doch kaum Anschluss zum restlichen Rundherum.

Und wie ist es zur Eröffnung des Dezentrals gekommen? Oder warst du immer schon Gastronom?

Ich habe ein gewisses Problem mit Hierarchien, wenn sie nicht meine sind. Ein Beisl zu führen ist halt ein Weg selbstständig zu sein, der es einem relativ einfach ermöglicht, irgendwie ein bisschen anders zu sein. Wollte ich Schuhe verkaufen, würde ich das auch nicht in einem so herkömmlichen Rahmen machen wollen.

Würdest du das Lokal mit dem Begriff "urig" in Verbindung bringen?

Unter "urig" stelle ich mir einen bärtigen Mann mit Wurzelstab vor, entsprechend würde ich sagen, nein, nicht urig.

Die Veranstaltungen reichen bei euch ja von bis. Wie setzt sich das Programm zusammen?

Inzwischen ist es schwierig es hat sich ein wenig verändert. Aus mehreren Gründen. Einerseits gab es in der Organisation und Planung personelle Veränderungen, anderseits haben wir nun andere, deutlich Lautstärke empfindlichere Nachbarn. Wir müssen jetzt etwas strenger sein mit den Beginn- und Endzeiten.

Weiters versuche ich momentan eher Dinge zu organisieren, die aus der Singer-Songwriter-Schiene kommen. Jedenfalls keine Bläser oder Schlagzeug um ein gutes Auskommen mit den Nachbarn zu bewahren. Trotzdem gibt es nicht wirklich eine Fixierung in eine bestimmte Richtung. Am 29. November haben wir zB. Twelve O´Clock Tales mit "It must be something psychological – Eine Musik- und Sprechtherapie in sechs Sitzungen". Mit einem elektrischen Klavier, Gesang und einer Schauspielerin. Im ersten Teil des Sets gibt es ausschließlich Lieder einer amerikanischen Sängerin aus den Fünfzigern deren Lieder angeblich ausschließlich mit der Psychiatrie zu tun haben. Ich kann mir jetzt noch nichts Konkretes vorstellen, aber es wird sicher spannend.

Gibt es Musikrichtungen, die gar nicht ins Dezentral passen?

Die Lautstärke ist ein großes Kriterium. Manche Dinge lassen sich ohne Lautstärke einfach nicht umsetzen. Für eine Punkband kann es selten laut genug sein, ein Ausschließungsgrund. Sonst habe ich persönlich keine Einschränkung auf ein bestimmtes Genre. Wenn Leute ein Akustikset spielen können mit Cajon statt Schlagzeug, dann funktioniert das schon. Ein Schlagzeug wäre einfach zu laut.

Gibt es eigentlich bei Veranstaltungen Eintritt oder kommt man ins Dezentral immer gratis rein?

Es ist immer gratis Eintritt, allerdings gibt es die Möglichkeit einer freien Spende. Das erspart unglaublich viel Arbeit. Keine Eintrittskarten, keine Eintrittskartenverwaltung etc. Wenn Musiker freie Spenden bekommen, bleibt es ihnen überlassen damit umzugehen. Auch finde ich, dass Eintritt eine Barriere ist. Das mag ich nicht. Auch ist es auch schön, wenn jemand zufällig vorbei kommt und es ihm dann gefällt und er bleibt. Er wäre vielleicht nicht gekommen, wenn es einen Fünfer oder Zehner gekostet hätte.

Schreckt es Musiker ab, wenn sie wissen, dass sie "nur" für den Hut spielen können?

Es gibt Musiker, die wollen spielen. Die spielen halt einfach des Spielens Willen oder weil sie es hier nett finden. Wenn bekanntere Musiker hier spielen, dann machen sie es nicht wegen des Geldes, sondern weil sie das Beisl nett finden oder einfach was Neues probieren wollen. Eine Gage zahlen, wenn 30 oder 40 Leute zu Gast sind, ist schwer. Für 100 Euro muss ich 300-400 Bier verkaufen. Da müsste jeder zehn Bier trinken.

Klar gibt es dann einfach Projekte, die ausscheiden. Ich hätte mal gern den Orges gehabt. Jetzt ginge es nicht mehr, weil es zu laut wäre. Aber davor. Leider geht sich das aber einfach nicht aus, wenn er sagt, er braucht mindest 500 Euro. Das finde ich auch legitim, denn auch er muss seine Musiker bezahlen. Aber dann sind wir einfach der falsche Ort. Hier haben schon viele Leute gespielt, bevor sie ihre erste Platte rausgebracht haben oder in größere Locations gewechselt haben. PauT, Filou

Wie viele Leute passen hier eigentlich rein?

Das Dezentral hat einen Vorteil, nämlich seine Kompaktheit. Auch wenn mal experimentellere Geschichten bei uns spielen, kann es schnell mal voll werden. Wenn hier dreißig Leute sind, wirkt es schon gemütlich voll und macht Spaß. Wenn man sich hingegen 30 Leute im Chelsea vorstellt, dann sieht das eher traurig aus.

Würdest du dir manchmal wünschen, dass das Lokal größer wäre?

Das Lokal ist ja größer. An jeder Ecke sind jetzt Mauern und Verschläge, damit das Lokal klein genug zum Rauchen ist. Das war die einzig sinnvolle Möglichkeit, die gesetzlichen Vorgaben umzusetzen ohne riesigen baulichen Aufwand.

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