»Wir müssen das Publikum betasten und auch manchmal schlagen.«

Signa bauen theatrale Erlebniswelten, in denen Machtstrukturen seziert werden und der Zuschauer aus seiner Passivität befreit wird. Im Mai sind Signa erstmals zu Gast in Wien.

Bordellbesucher als Aufdecker

Selbsternannte Aufklärer, die versuchen, Löcher in diesen fantastisch-realistischen Welten zu pieksen und die Schauspieler aus ihren Rollen zu locken, gibt es immer wieder, doch Erfolg ist ihnen nie gegönnt. Denn die Akteure fallen nicht aus ihrer Rolle. Und zweitens kommt man als Antipode niemals an Zusammenhänge und Geschichten hinter den groß gedachten Versuchsanordnungen. Dann schon besser als Gast eine festlichen Balls, Angeklagter in Franz Kafkas »Prozess« oder als frisch eingestellter Angestellter des Traditionsbetriebs »Söhne&Söhne« (wie zuletzt am Hamburger Schauspielhaus) versuchen den verschlungenen Machtstrukuren auf die Schliche kommen.

Alle außer Puber

Am Anfang des Produktionsprozesses steht meist die Suche nach einer geeigneten Spielstätte. Denn obwohl man sich die düster-mythischen Welten theoretisch genau so gut in der Turbinenhalle der Tate Modern oder im Keller der Secession vorstellen könnte, bleibt fraglich, was dem Künstlerehepaar zu diesen auf Hochglanz polierten Orten der sogenannten Hochkultur einfallen würde. Signa arbeiten »site specific«, sie entwickeln die Stücke direkt aus der Spielstätte und ihre Geschichte heraus. Bei der neuen Produktion »Wir Hunde / Us Dogs« handelt es sich um ein auf den ersten Blick unspektakuläres Gebäude im 7. Bezirk. Es scheint, als hätten sich hier sämtliche Wiener Gelegenheits-Sprayer mit ihren Tags verewigt. Alle außer Puber. In der Faßziehergasse Nr. 5 war schon ein Filmarchiv, ein Blumengroßhandel und eine Schauspielschule untergebracht. Jetzt hat das Volkstheater – welches das Stück gemeinsam mit den Festwochen produziert – hier seinen Herrenfundus und eine Probebühne.

Workshops für Transhunde

In diesen Räumlichkeiten werken nun Signa. Schon Ende Jänner rollten die ersten Laster aus dem zentralen Fundus in Dänemark an um das nächste Zwischenreich aus Realität und Fiktion erstehen zu lassen. Keiner Epoche konkret zuordenbar, bleibt alles ein wenig verschwommen. Wie eine ferne, aber sehr eindrückliche Erinnerung. Um diesen Effekt zu erreichen, stehen auch Signa und Arthur Köstler derzeit tagtäglich im Blaumann in der Faßziehergasse und arbeiten daran, die Schäbigkeit dieses Ortes bis in den letzten Winkel effektvoll in Szene zu setzen. Überhaupt sind die Hierarchien ziemlich flach. Es wird gemeinsam gebaut, geprobt, gelebt und in Stockbetten geschlafen. Entspanntes Kommunenleben ist es trotzdem nicht. Täglich von 10 bis 16 Uhr gibt es von Signa geleitete Workshops, in denen das Szenario zusammen erarbeitet wird, danach testet man in zwangloseren Gatherings die Tragfähigkeit der selbstgebauten halbrealen Welt. Diesmal wird es eine Wohngemeinschaft für Transhunde. Weder Tier noch Mensch, mäandern die Bewohner an der fragilen Grenze des konstruierten Gegensatzes zwischen Wildheit und Zivilisation. Der Beweis, dass der Mensch wirklich die Krone der Schöpfung ist, der steht schließlich noch aus. Und vielleicht ist es endlich einmal an der Zeit, die Weltgeschichte aus der animalischen Perspektive zu erzählen. Wenn die tierische WG Mitte Mai ihre Pforten für das Publikum öffnet, wird es an jedem einzelnen Besucher sein, die Geschichten auf drei Stockwerken auszugraben, zu erfragen und am eigenen Leib zu erfahren. Und in die Rolle zu schlüpfen, die er sich selber gibt. Von Tier bis Mensch ist alles möglich. Alles außer Angsthase und Theaterschläfer eben.

»Wir Hunde / Us Dogs« wird von 14. Mai bis 18. Juni um 19 Uhr im Rahmen der Wiener Festwochen gezeigt.

Bild(er) © Arthur Köstler
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