Wir sind die Eskalationsgesellschaft

Der Aufregungspegel ist hoch, die Zahl der verwendeten GROSSBUCHSTABEN auch. Wo ist sie plötzlich, die österreichische Gemütlichkeit? Ein Kommentar von Teresa Reiter.

Wir Österreicher waren auch schon einmal entspannter. Früher streute man sich wenigstens noch gegenseitig Sand in die Augen und umflauschte sich mit der Mär von der österreichischen Gemütlichkeit. Sätze wie: „Schau ma mal, dann seh ma schon“, „Des geht si scho aus“ und „Wird scho nix sein“ empfand ich stets als eine Art inoffizielle Betriebsanleitung für unsere nationale Identität. Man kann sich fragen, ob das ein verklärt nostalgischer Blick auf Vergangenes ist und man den ganzen Bullshit, der früher gelaufen ist, einfach so vergessen hat. Könnte schon sein.

Momentan jedenfalls ist der Aufregungspegel konstant im dunkelroten Bereich. Wir werden in Diskussionen nicht mehr wütend, weil wir schon mit hochrotem Gesicht und aufgekrempelten Ärmeln in diese einsteigen. Egal ob TTIP, die Flüchtlingskrise, die angeblichen Gefahren in der U6 in Wien, die Junkies, die Mindestsicherung, Frauenpolitik, Gesamtschule, Arbeitslosigkeit, ja einfach alles wird online wie offline mehrheitlich IN GROSSBUCHSTABEN DISKUTIERT! Wo ist der dicke, Spritzwein trinkende, Speckbrot essende, mit dem Herzinfarktrisiko Tango tanzende Österreicher hingekommen? Ich vermisse resignierende Handbewegungen, gleichmütiges Seufzen und ich weiß auch nicht mehr, wann ich das letzte Mal irgendwen „Lass ihn/sie halt reden“, sagen hören habe. Alles muss in Untergriffen enden, in Vorwürfen, in plakativen Vergleichen.

Chlorhühner, Gutmenschen, Glyphosat, Neoliberalismus, Willkommenskultur, Lügenpresse, Hasspostings, wir da unten, die da oben, wir hier rechts, die dort links und umgekehrt. Diese Begriffe und Konzepte werden selbst von jenen, die sich einst über sie lustig machten immer weniger ironisch verwendet. Hinzu kommen Sätze, die irgendwann einmal eine Bedeutung hatten und plötzlich wie ein Panikreflex in jeder Diskussion fallen. Man muss die Ängste der Bevölkerung ernstnehmen. Man muss das subjektive Sicherheitsgefühl steigern. Die Pensionen sind sicher. Wir brauchen eine europäische Lösung.

Es stimmt, wir haben gerade einen sehr langen und polarisierenden Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten hinter uns, der sicher nicht zu einer gelassenen Gesprächsatmosphäre beigetragen hat. Vielmehr hat sich das Duell Van der Bellen vs. Hofer scheinbar auf andere Menschen und andere Themenbereiche übertragen. Die viel zitierte Spaltung der Gesellschaft mag es vielleicht nicht sein, zumal die Gräben zwischen den Österreichern, je nach Thematik, Wetterlage und je nachdem was in der Kantine gerade zu essen gibt, durchaus jeden Tag anders und neu gezogen werden können. Aber wir eskalieren Tag für Tag für uns hin, vielleicht nicht jeder von uns individuell, aber so als Gesellschaft. Natürlich ist es auch gut, dass die politische Apathie ein bisschen gebrochen scheint, dass eine Politisierung stattfindet und Interesse für Tagesgeschehen generiert wird. An dieser Stelle möchte ich mir einen Satz vom Rudolfsheimer Sozialarbeiter Maximilian Zirkowitsch, besser bekannt als Bezirkowitsch, borgen: "Es geht ja letztlich darum, dass Demokratie schon eine anstrengende Sache ist.“ Die österreichische Eskalationsgesellschaft ist es auch. In diesem Sinne: Entspaunnts eich!

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