Sex and the Lugner City: Ist Alkohol over? – 25 Fragen zur Gegenwart (18/25)

Josef Jöchl artikuliert in seiner Kolumne ziemlich viele Feels. Dieses Mal zum Thema: Alkohol, und wie es ihm damit geht, wenn er keinen mehr trinkt.

© Ari Yehudit Richter

Es ist immer irgendwo fünf vor zwölf. Aus der Vielzahl an Bereichen in meinem Leben, die ein Upgrade vertragen konnten, suchte ich mir im letzten Herbst meinen Alkoholkonsum aus. Die WHO empfiehlt nicht mehr als 120 Gramm Alkohol pro Woche. Die verbrauchte ich meistens schon bis zum Mittwoch, nach dem Bergfest ging es dann munter weiter. WHO, who? Doch außergewöhnliche Zeiten verlangen nach außergewöhnlichen Maßnahmen. Ich hörte auf zu trinken.

Während sich also die halbe Stadt auf einen weiteren Winter des Daheimsaufens einstimmte, übte ich frivole Dinge, wie um Mitternacht ein Soda-Zitron bestellen. Und es tat mir gut. Mein Schlaf verbesserte sich nicht nur, er verlängerte sich auch – vor allem, weil ich früher nach Hause ging. Die leeren Kalorien, die ich mir bisher durch Alkohol zugeführt hatte, bezog ich nunmehr über eine sorgsam kuratierte Palette an Novelty-Limonaden. Am liebsten sind mir jedoch die kleinen Dinge, wie zum Beispiel der Satz »Sorry, ich trinke keinen Alkohol«. Den lasse ich fallen, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet, meistens aber schon früher. Nur zwischenmenschlich sitze ich hin und wieder auf dem Trockenen. Schließlich wird Alkohol nicht ohne Grund auch social lube, soziales Gleitmittel, genannt.

Sorry, ich trinke keinen Alkohol

Social lube ist im Grunde wie normales lube. Es ist in jedem Supermarkt erhältlich und wenn man es bei der Dosierung übertreibt, ist hinterher alles klebrig. Fachgerecht angewendet hilft es jedoch, in die Gänge zu kommen. Das ist im Alltag manchmal nützlich. Zum Beispiel, wenn du dich in den Höllenschlund der sozialen Abendgestaltung begibst: die Geburtstagsparty in einem Lokal. Dafür setzen sich bis zu 30 Personen, die sich nichts zu sagen haben, hinter einen großen Tisch. Dort schmoren sie dann stundenlang in einem Smalltalk-Inferno. Wird zusätzlich die Eskalationsstufe »Reinfeiern« gezündet, endet das Ganze nie. Allerdings hatte mir meine Abstinenz eine Zauberwaffe beschert: meinen tollen, neuen Satz.

Wann immer mich jemand fragte, wie es bei mir so liefe, entgegnete ich: »Sorry, ich trinke keinen Alkohol.« Das klappte hervorragend. Meine Sitznachbarin legte bald den Arm um mich und säuselte mit leichtem Zungenschlag in mein Ohr: »Ich find das echt super von dir.« Andere wiederum nickten mir anerkennend zu, bevor sie reihenweise Shots in ihren Rachen stürzten. »Good for you!«

One, two, three, drink

Manchmal macht die neu gewonnene Klarheit das Leben aber auch komplizierter. Das Wochenende darauf wollte ich nämlich in den Club. Jahrelang war ich dem Irrglauben aufgesessen, dass man am besten kurz vor Filmriss ausgeht. Nüchtern stellte ich bald fest, dass in Clubs Musik gespielt wird, die mir auch unter zweieinhalb Promille gefällt. You live, you learn. Schließlich sah ich im Gewimmel eine Ex-Kollegin, mit der ich seit einem Jahr auf keinen grünen Zweig mehr gekommen war. Was tun? Besoffene brechen ja gerne unnötige Streits vom Zaun. Bei mir war es meistens umgekehrt. Betrunken war ich besonders anfällig für unnötige Kompromisse.

Wie oft war ich verkatert aufgewacht und hatte mich geärgert: »Hilfe, mit wem hast du dich gestern schon wieder gut verstanden!« Das sollte mir dieses Mal nicht wieder passieren. Beim Rauchen stand sie plötzlich da. Sofort spürte ich diese lästige Freundlichkeit in mir hochkommen. Würde ich mich wieder von ihr einlullen lassen? Als sich unsere Blicke schlussendlich trafen, entglitt ihre Hand dem Türgriff, an dem sie sich festhielt. Sie hatte wohl zu viel social lube erwischt. Noch bevor ich sie ignorieren konnte, pfitschte sie wie ein unkontrollierbarer Scooter aus einem kaputten Autodrom hinaus in die Nacht. Glück gehabt.

Essen, Sex und Zigaretten

Auch erste Dates waren für mich bislang klassische Komasauf-Momente. Einige Tage darauf war ich zum ersten Mal mit einem Architekten verabredet. Das verunsicherte mich. Wie sollte ich ein erstes Date nüchtern bewältigen? Am Abend zuvor fragte ich einen Freund, worüber man mit Architekten eigentlich spricht. Ich solle mir keine Sorgen machen, antwortete er, das wären auch nur Bauingenieur*innen mit Falter-Abo. Trotzdem legte ich mir vor dem Treffen ein paar Gedanken zum Heumarkt-Gebäude zurecht.

Meine Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Der Architekt war ganz angenehm. Nachdem wir uns jeweils zwei Vorspeisen und ein üppiges Hauptgericht eingeschnitten hatten, schlug ich vor, zu mir zu gehen. Erst in meinem Bett bemerkten wir, dass wir viel zu viel gegessen hatten, um noch etwas miteinander anzufangen. Ich sagte: »Sorry, ich trinke keinen Alkohol.« Er antwortete: »Das erzählst du schon zum vierten Mal.« Daraufhin schliefen wir zufrieden ein. So ist das eben. Nüchtern habe ich entweder Essen, Sex oder Zigaretten unter Kontrolle. Niemals alle drei. Aber was wäre das Leben ohne Dinge, die man noch verbessern kann.

Josef Jöchl ist Comedian. Seine aktuellen Auftritts­­termine sind unter www.knosef.at zu finden. Per E-Mail ist Josef unter joechl@thegap.at, auf Twitter unter @knosef4lyfe zu erreichen.

Anlässlich unseres 25-Jahr-Jubiläums haben wir uns in The Gap 192 »25 Fragen zur Gegenwart« gestellt. Dieser Beitrag beantwortet eine davon.

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