3+5 = Sex

In vier Stunden bringt »Nymphomaniac 1+2« alles unter, was sich zwischen Fibonacci und BDSM ausgeht. Das ist viel. Befriedigung fühlt sich trotzdem anders an.

Die Kamera gleitet langsam durch theaterkulissenhafte Gassen, Schnee fällt. Kurz könnte der Verdacht entstehen, dass es sich hier um eine besonders düstere Verfilmung von »A Christmas Carol« mit Rammstein-Soundtrack handelt. Doch die Rolle der Geister, die Dickens rief, um Ebenezer Scrooge in seine skrupellose Vergangenheit zu führen, wird in »Nymphomaniac« von Seligman (Stellan Skarsgård) übernommen. Joe (Charlotte Gainsbourg), so etwas wie der Scrooge unter den Sexsüchtigen – in der Einstiegsszene physisch und psychisch am Boden liegend – wird von Seligman in dessen spartanisch eingerichtetes Heim gebracht und erzählt dort, inspiriert von den wenigen Gegenständen, die sich in dieser »Mönchszelle« befinden, ihre Lebensgeschichte. Eine Rahmenhandlung, so konstruiert wie das »Decamerone«, an dem Seligman ausschließlich literarischen Genuss findet. Er ist, wie wir später erfahren, Jungfrau.

Gefühlsfrei und das ist gut so

Eine Nymphomanin, die vor einer asexuellen Priesterfigur eine reuefreie Beichte ablegt also. Ein diametraler Gegensatz wie aus dem Bilderbuch: aufgeladen, übertrieben, von Trier. Nährboden für die vielen Parabeln und Vergleiche – vom Fliegenfischen zu Fibonacci, von den Ikonen der Ostkirche zur Hure Babylon –, die Seligman anstellt, um Joes Abenteuer zu abstrahieren. Eine aufgesetzte Intellektualität, die im Zwiegespräch der beiden Antagonisten nie glaubwürdig wirkt, in ihrer Disfunktionalität aber eine Distanz schafft, die keinen Platz für Psychologisierung zulässt. Und darin liegt auch der Reiz von »Nymphomaniac«: Der Film fokussiert auf das, was Menschen tun und nicht, wie sie darüber denken und fühlen. Denn selbst die vermeintliche Reflexion, die Joe in ihrer Erzählung anklingen lässt, ist nur der Vorwand, um eine leidvolle Geschichte lustvoll zu erzählen und umgekehrt. Was man an Körperlichkeit sieht, ist selten besonders abgründig oder pornografisch. Die einzige wirkliche Provokation liegt in der Reizüberflutung, die den Zuschauer mit der Protagonistin in Ermattung und Taubheit vereint und so ein wirkliches Identifikationsmoment stiftet. Fraglich bleibt, wie explizit die ungekürzte Fassung der Filme noch wird. Die großen Augenblicke des gekürzten Zweiteilers haben jedoch nur am Rande mit Sex zu tun. Als Joes kleiner Sohn sich aus dem Kinderbettchen befreit und auf den Balkon klettert, tut das Hinsehen mehr weh, als wenn seiner abwesenden Mutter 40 Peitschenhiebe verpasst werden.

»The Secret Ingredient Of Good Sex Is Love«

So belehrt B. (Sophie Kennedy Clark) ihre Jugendfreundin Joe, die das nicht wahrhaben will, bis sie Jerôme (Shia LaBeouf) kennenlernt: zumindest ist die Liebesgeschichte zwischen Joe und Jerôme die schönste Zutat des facettenreichen »Nymphomaniac«; mit ihren Höhen und Tiefen so wunderschön inszeniert, dass sie wie ein kleiner Film im Film wirkt.

Dennoch ist es ein anderer Moment aus dem Film, der sein Seherlebnis am besten beschreibt: Als einer von Joes Liebhabern seine Frau (Uma Thurman in Höchstform) für die junge Geliebte verlassen will und diese samt der drei Söhne in Joes Wohnung auftaucht und völlig zusammenbricht, fragt Seligman seine Erzählerin, was diese Szene, diese Zerstörung einer Familie, für eine Auswirkung auf sie hatte. Joe antwortet: »Keine.«

So verhält es sich auch mit »Nymphomaniac«: Ein Film aus zu vielen, wenn auch oft starken Komponenten, getragen von einem unglaublich großartigen Cast, der aber in seiner Gesamtwirkung wenig nachhallt.

In den österreichischen Kinos ist »Nymphomaniac 1« ab 21. Februar zu sehen, »Nymphomaniac 2« startet am 2. April. Die ungekürzte Fassung des ersten Teiles wird bei der Berlinale gezeigt.

Bild(er) © Zentropa
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