»Jede Woche sieht anders aus« – Das Berufsfeld Fotografie

Die Nachfrage nach Fotos war wohl noch nie so groß wie heute. Gleichzeitig ist es dank digitaler Technologien für jede*n schnell und einfach möglich, qualitativ hochwertige Bilder zu machen. Was bedeutet es unter diesen Bedingungen, Berufsfotograf*in zu sein? Wie sieht deren Alltag aus? Und wie kommt man eigentlich an Aufträge?

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Technische Entwicklungen, Social Media zur Kundenakquise, KI-generierte Bilder – der Beruf Fotograf*in verändert sich. Fünf Vertreter*innen des Fachs erzählen, was ihren Job ausmacht. Eva Kelety ist Bundesinnungsmeisterin der Berufsfotografie in der Wirtschaftskammer Österreich und hat langjährige Erfahrung in der Branche. Elodie Grethen fotografiert in den Bereichen Porträt und Performance, sie weiß, wie schwer es ist, als Fotograf*in eine Fixanstellung zu bekommen. Max Louis Köbele wiederum findet, dass das Thema Urheberrecht zu wenig ernst genommen wird. Paul Pibernig führt zwei Gewerbe – eines als Künstler, eines als Fotograf. Und Niko Havranek schätzt an seinem Beruf das gemeinsame Schaffen sowie den Austausch mit Menschen.

Der Alltag als Berufsfotograf*in

Eva Kelety: Nach zwanzig Jahren in diesem Beruf kann ich sagen: Für mich gibt es keinen Alltag. Jede Woche sieht anders aus. Ich bin auf Porträt- und Architekturfotografie spezialisiert. Bei Letzterer ist es teils schwierig vorauszuplanen. Man kann den Wetterbericht checken, aber oft kommt es dann anders als vorhergesagt. Wenn ich ein Gebäude fotografiere, dann muss ich das in einer bestimmten Zeitspanne machen, abhängig vom Sonnenstand. Bei Porträts ist das einfacher. Da ist ein fixer Tag ausgemacht, ich packe meine Sachen, fahre hin, baue ein bis eineinhalb Stunden das Set auf und porträtiere die Personen.

Max Louis Köbele: Über die letzten Jahre habe ich für meine Arbeitswoche eine Struktur etabliert. Man ist als Fotograf*in Teil der kreativen Branche, das heißt, es laufen oft viele Projekte parallel. In meinem Fall sind das in erster Linie Aufträge im Bereich Event- und Sportfotografie. Daneben gibt es aber auch alltägliche Aufgaben, die sich im Hintergrund abspielen. Dafür habe ich mir Routinen geschaffen. Donnerstag ist zum Beispiel mein Buchhaltungstag. Meine Shootings lege ich dann rund um diese administrativen Tätigkeiten, sodass meine Routinen nicht gestört werden. Ich plane gerne drei Wochen vor. Mir ist ein strukturierter Alltag wichtig, denn ich bin ein kreativer Chaot – hätte ich keine Routinen, könnte ich nicht so effizient und professionell sein, wie ich möchte.

Elodie Grethen: Neben meiner Tätigkeit in den Bereichen Porträt und Performance habe ich einen Lehrauftrag an der Angewandten. Dort habe ich ein regelmäßiges Einkommen, was Sicherheit gibt. Es ist aber schwer, als Fotograf*in eine Fixanstellung zu bekommen. Die wenigen Stellen, die es gibt, sind in der Regel befristet. Daher sehe ich meine Anstellung als Privileg. Trotzdem ist mein Alltag herausfordernd: Ich lehre, mache parallel dazu Aufträge im künstlerischen Bereich und bin Mutter. Das alles zu vereinbaren, ist nicht einfach. Meine Tage laufen dementsprechend unterschiedlich ab. An manchen unterrichte ich nur, an anderen erledige ich Aufträge. Ich habe aber auch fixe Abläufe, zum Beispiel mache ich freitags immer meine Fotonachbearbeitung.

Elodie Grethen (Bild: Claudia Holzinger)

Ausbildung – ein Muss?

Elodie Grethen: An sich ist Fotografie sehr demokratisch. Das heißt, es braucht keine Ausbildung, um Berufsfotograf*in zu werden. Eine Ausbildung ermöglicht aber einen Austausch mit anderen Fotograf*innen und hilft, seine eigene visuelle Sprache zu finden. Mir hat meine Ausbildung sehr geholfen, meinen eigenen Stil zu entwickeln. Um von der Fotografie leben zu können, sollte man einen gewissen Wiedererkennungswert haben. Du musst wissen, was dich ausmacht und was du anbieten kannst. Außerdem ist der Austausch mit Fotograf*innen aus anderen Sparten wichtig. Das kann aber auf vielen Wegen passieren. Ein Beispiel wären hier Kollektive. Ich bin zum Beispiel Teil des feministischen Kollektivs Femxphotographers.

Max Louis Köbele: Ich durchlief keine Ausbildung, sondern brachte mir alles selbst bei. Mit circa fünfzehn Jahren fing ich an zu fotografieren und verbrachte viele Nächte damit, mir mithilfe von Youtube-Videos technisches Wissen anzueignen. Mein Ansatz war es, Dinge auszuprobieren und Erfahrung zu sammeln. Deswegen entschied ich mich bewusst gegen ein Studium. In dieser Branche habe ich bislang auch noch nie gehört, dass eine Ausbildung Voraussetzung wäre. Wie in vielen kreativen Berufen lassen sich die eigenen Fähigkeiten eben nicht an einem Abschluss festmachen. Beim Thema Networking ist ein Studium aber sicher von Vorteil. Kontakte sind wichtig, da schafft ein Studium eine Basis.

Wie kommt man an Aufträge?

Paul Pibernig: Grundsätzlich läuft viel über Networking und Beziehungen. Besonders, wenn man jung ist und gerade beginnt, im Beruf Fuß zu fassen, bekommt man die ersten Aufträge oft über Kontakte. Es kommt aber auch auf den eigenen Werdegang an. Ich fotografiere zum Beispiel seit einiger Zeit für die Diagonale in Graz. Dementsprechend bin ich gut in der österreichischen Film- und Kulturbranche vernetzt und fotografiere viel im Kultureventbereich.

Niko Havranek: In den letzten Jahren wurde ich vermehrt von Kolleg*innen empfohlen. Es kommt aber auch darauf an, um welche Projekte es geht. Ich habe zum Beispiel mit Virginia de Diego ein Fotobuch über Wien gemacht, dafür wurde ich direkt von ihr kontaktiert. Sie war auf der Suche nach lokalen Fotograf*innen und stieß über Instagram auf mich und meine Straßenfotografie. Wenn es darum geht, saisonale Lücken zu füllen, muss man selbst aktiv werden, indem man sein Portfolio ausschickt und Leute kontaktiert. Man darf dabei allerdings nicht vergessen, dass es in vielen Bereichen dieses Berufs, was Aufträge betrifft, zu Schwankungen kommen kann. Das ist normal. Bei mir ist beispielsweise in den Weihnachtsferien und in den ersten zwei Monaten im Jahr weniger los als sonst. Man braucht da ein gewisses Grundvertrauen und darf sich nicht zu sehr stressen lassen.

Eva Kelety: Ich habe viele Stamm-kund*innen, die Fotoshootings buchen. Neukund*innen kommen meist über Mundpropaganda. Da ich seit vielen Jahren tätig bin und bereits einen guten Ruf habe, werde ich oft weiterempfohlen. Es ist aber auch eine Frage der eigenen Persönlichkeit und der eigenen Interessen. Auf Social Media kann man beispielsweise nur gut präsent sein, wenn man das gerne tut.

Eva Kelety (Bild: Elisabeth Mandl)

Die Rolle von Social Media

Niko Havranek: Ich bin schon recht lange auf Social Media aktiv, mittlerweile poste ich auf Instagram, früher war ich viel auf Facebook und Tumblr unterwegs. Bei meinen Anfängen als Fotograf hat mir das durchaus geholfen: Da ich so präsent war, wurde ich als Person wahrgenommen, die Fotos macht. Dadurch kam ich an Aufträge. Für mich war das auch immer ein persönliches Ding. Ich wollte zeigen, was ich tue, und anstatt es zu drucken, stellte ich es eben online.

Paul Pibernig: Social Media sind wichtig, um die eigene Arbeit zu präsentieren und um sich mit Menschen in der Branche zu vernetzen. Sie haben zudem die Arbeit in der Hinsicht verändert, dass man bei manchen Aufträgen das Hochformat mitbedenken muss. Mich betrifft das aber eher weniger. Für mich sind Social Media in erster Linie ein Self-Promotion-Tool.

Max Louis Köbele: Um Social Media kommt man heutzutage nicht mehr herum. Ich mache neben meiner Fotografie auch noch kleine Videoproduktionen, etwa Reels für Instagram. Soziale Medien sind außerdem ein gutes Tool, um sich zu präsentieren. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass Menschen hier nur jene Aspekte ihres Lebens zeigen, die sie zeigen wollen. Social Media sind wie ein aufpolierter Lebenslauf. Man darf also nicht glauben, dass Fotograf*innen die ganze Zeit nur reisen und Spaß haben.

Max Louis Koebele (Bild: Pascal Riesinger)

Künstliche Intelligenz und Fotografie

Max Louis Köbele: Ich benutze KI, um Moodboards und Mock-ups zu generieren. Generell mache ich mir Gedanken, wie ich künstliche Intelligenz in meine Arbeit integrieren kann, um mit der Zeit zu gehen. Generischer Content wird in Zukunft vermutlich von KI dominiert sein. Beispielsweise Katalogfotos, bei denen immer nur ein Produkt ausgetauscht wird. Allerdings denke ich auch, dass dadurch Menschengemachtes eine höhere Wertigkeit bekommen wird. Grundsätzlich ist mir die Kennzeichnung der Verwendung von künstlicher Intelligenz sehr wichtig. Ich wünsche mir, dass es in Zukunft Richtlinien gibt, wie KI-generierter Content angewendet, veröffentlicht und gekennzeichnet werden soll. Allerdings finde ich nicht, dass die Benutzung eingeschränkt werden soll, weil der Einsatz von künstlicher Intelligenz Zeit sparen kann.

Elodie Grethen: Mich interessieren vor allem die Hintergründe von künstlicher Intelligenz. KI greift schließlich auf bestehende Bilder zurück und generiert daraus neue. Dadurch reproduzieren wir allerdings kapitalistische und rassistische Strukturen. Oder man denke an KI-generierte Frauenkörper: Wir dürfen als Gesellschaft nicht glauben, dass Frauen so aussehen. Wegen KI müssen wir uns fragen, was ein echtes Bild ist und ab wann es keines mehr ist. Im Kontext der künstlerischen Fotografie gibt es auch sehr spannende KI-Künstler*innen, Charlie Engman zum Beispiel. In meinem eigenen Berufsalltag habe ich nichts mit KI-generierten Bildern zu tun. Allerdings verwende ich künstliche Intelligenz in der Bildbearbeitung, weil es diese Arbeit schneller macht.

Niko Havranek (Bild: Sophie Menegaldo)

Spezielle Tipps für Neueinsteiger*innen?

Eva Kelety: Finde heraus, was dich interessiert, und spezialisiere dich – am besten in ein bis zwei Bereichen innerhalb der Fotografie. Werde dann Expert*in in diesen Bereichen. Kommuniziere dein Fachgebiet, finde mögliche Ansprechpartner*innen und lerne von älteren, erfahreneren Fotograf*innen. Und ganz wichtig: Netzwerken.

Max Louis Köbele: Sei streng, wenn es um Namensnennung, Urheberrecht und Lizenzen geht. Und damit meine ich nicht nur im Printbereich, sondern auch auf den Social-Media-Plattformen. Wenn Kund*innen deine Bilder dort posten, dann musst du verlinkt werden oder es muss zumindest dein Name genannt werden. Sichere dich zudem immer rechtlich ab, damit du nicht auf Produktionskosten sitzen bleibst, wenn Kund*innen nicht zahlen möchten. Und vergiss nicht: Fotografieren macht nur etwa zwanzig Prozent deiner Zeit als Fotograf*in aus. Der Rest ist Buchhaltung, Bildbearbeitung, Kundenakquise, Social Media und Datenmanagement.

Paul Pibernig: Sei flexibel. Gerade, wenn du noch jung bist. Manchmal setzt man sich eine bestimmte Ausbildung in den Kopf und ignoriert dann andere Wege. Es gibt aber nicht nur einen richtigen Weg. Abgesehen davon kann ich Praktika empfehlen, um herauszufinden, ob Fotografie der richtige Beruf für eine*n ist.

Paul Pibernig (Bild: Theresa Wey)

Weitere Informationen für (angehende) Berufsfotograf*innen bietet die Bundesinnung als gesetzliche Interessensvertretung für gewerbliche Fotograf*innen in Österreich.

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