Christoph Prenner bewegen bewegte Bilder. Diesmal beschäftigt ihn der missglückte Wunsch eines verantwortungslosen Egoisten in »Obsession« – und wie der Film seinen Protagonisten mit einem diabolischen Grinsen demaskiert.

Auweia, »das Netz« hat mal wieder unaufgefordert etwas eingeordnet – und das geht bekanntlich selten gut aus. Dafür braucht es nicht mal Hot-Button-Issues wie Nahen Osten, drohenden Klimakollaps oder die nächste Seuche. »Lohnt sich der neue Schwarzwald-›Tatort‹?«, wanzt es mich also aus einem der 41 offenen Browsertabs an, eine Antwort läge nur einen Klick entfernt. Also zumindest für jene halt, die so etwas juckt. Meine Neugier geht indes hart gen Null, wenn in einer Sprache, die stark nach KI-Generisch klingt, aber jedenfalls genauso leblos ist, die Aufbereitung eines Themas angepriesen wird, das allenfalls in einer brachen TV-Landschaft als von Belang durchgeht.
Aber was sagt es davon abgesehen bitte generell über den kulturellen Diskurs aus, wenn sich eine Kreativleistung – und sei es ein »Tatort« – vorrangig daran messen lassen muss, ob sie sich »lohnt«? Das ist ja nun keine Polymarket-Wette, sondern ein Angebot zur inhaltlichen Auseinandersetzung, das entsprechend auch Zeit und Aufmerksamkeit verlangt, eventuell gar den Verzicht auf parallel ausgeführte Tasks wie Unterwäschefalten, Dating-Profil-Updaten oder Vokabelbüffeln für exotische Fremdsprachen wie die Lingua Linkedin. Wenn Kultur, die in den Köpfen ohnehin schon großräumig zu »Content« geschrumpft wurde, nun auch noch als nachgerade lästige Aufgabe rüberkommt, die einem andere, »lohnendere« #MeTime raubt, ist das doch eine recht unerquickliche Entwicklung.
Unruhige Nächte
Okay, womöglich habe ich das auch in den falschen Hals bekommen und reagiere über. Ungeachtet dessen bin ich aber dankbar, dass das Werk, um das es hier gehen soll, sich gar nicht zum Ziel gesetzt hat, ein »lohnendes« Filmerlebnis zu bieten. Es will vielmehr aus der Komfortzone locken und herausfordern, auch irritieren. Vorab: Die Nacht nach der Österreichpremiere von »Obsession« (Kinostart: 25. Juni), die dem untrüglichen Tastemaker-Gespür des Slash Filmfestivals zu verdanken ist, war für den Verfasser dieser Zeilen jedenfalls gleich mal eine von rastlosen Träumen erfüllte. Das würde man zu Beginn der Handlung freilich noch nicht vermuten: Curry Barkers erster Langfilm mit Budget (nach dem viralen 800-Dollar-Horrorhit »Milk & Serial«) lässt sich zunächst eher wie eine prototypische, von einem fantastischen Zufall in Gang gesetzte Achtzigerjahre-Rom-Com an.
Die Geschichte geht so: Bear (Michael Johnston) jobbt in einem Musikbedarfsstore, ist verklemmt und socially awkward, vor allem aber bis über beide Ohren in Kollegin Nikki (grandios: Inde Navarrette) verknallt. Den Mumm, sie um ein Date zu bitten, bringt er jedoch nicht auf. Als ihm eines Tages ein scheinbarer Scherzartikel namens »One Wish Willow« unterkommt, der die Erfüllung eines Wunsches verspricht, ersteht er ihn, halb zum Spaß halt. Nachdem er sich nach einem weiteren ernüchternden Abend mit Nikki endgültig in der Friendzone wähnt, zerbricht er in einem Akt der Verzweiflung doch noch den magischen Weidenzweig. Sein Begehr: Die Angebetete möge ihn mehr lieben als alles andere auf der Welt. Exakt das trifft dann auch ein. Zunächst scheint sich dabei alles zu erfüllen, was er sich immer ersehnt hatte: Nikki findet ihn unwiderstehlich und möchte ständig Zeit mit ihm verbringen. Die Kehrseite der erzwungenen totalen Zuneigung stellt sich jedoch alsbald ein. Nikki verhält sich, als existiere sie nur noch für ihn, also nicht einmal mehr für sich selbst: Mal steht sie nachts in der Ecke und starrt ihn an, mal versiegelt sie die Eingangstür mit Klebeband, damit er nicht abhaut. Und das ist erst der eher harmlose Anfang.
Diabolischer Protagonist
Bemerkenswert ist Curry Barkers Fähigkeit, Intensität und Tonalität dieses Sturzflugs in den Irrsinn hocheffektiv zu modulieren. Galliger Humor und schocksatter Nervenkitzel greifen so unberechenbar ineinander, dass man als Zuschauer*in nie sicheren Boden unter den Füßen hat – was den 26-Jährigen eindeutig als bereichernden Neuzugang im Kreis rezenter Hype-Horror-Auteur*innen wie Zach Cregger oder der Philippou-Brüder ausweist. Wie diese hat Barker sein Talent für Zuspitzung in der Sketch-Comedy trainiert, um es nun für furchterregende Sezierungen der conditio humana anzuwenden. Das zeigt sich besonders am Protagonisten, der keineswegs als unbeholfener Sympathieträger mit reinem Herzen dargestellt wird, wie es in einem konventionelleren Film wohl der Fall gewesen wäre. »Obsession« demaskiert ihn mit diabolischem Grinsen als verantwortungslosen Egoisten und führt ohne jede Milde vor, welche Kollateralschäden seine Selbstsucht für andere verursacht.
Die Prämisse mag zwar im Grunde nur eine weitere Variation von W. W. Jacobs’ klassischer Kurzgeschichte »Die Affenpfote« (1902) sein, doch so perfide und hinterhältig ausgearbeitet wurde diese lange nicht mehr. Die konsequent gewählte Perspektive des Täters zwingt dazu, das Grauen, zu dem auch ach so klasse Kerle bereit sind, um sich einen Vorteil zu verschaffen, ohne distanzierende Wirkung zu betrachten. Indem männliche Kränkung selbst als Ungeheuer auftritt, entsteht Raum für rigorose Reflexion: Wären wirklich all die »good guys«, die man kennt – oder zu denen man sich unter Umständen selbst zählt –, in vergleichbaren Situationen vor ähnlichem Fehlverhalten gefeit?
Es scheint also nicht ausgeschlossen, dass mit dem Zauberzweig auch manche Gewissheit im Publikum zerbricht. Das Unwohlsein, das dieser bemerkenswert boshafte und unangenehm nah an unsere Gegenwart anschließende Film einem tief ins Gemüt pflanzt, will einen wahrlich nicht »belohnen«. Ganz im Gegenteil verlangt es einem erheblich mehr ab, als man einzubringen gedachte.
Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Seriengeschehen. Unser Kolumnist ist per E-Mail unter prenner@thegap.at zu erreichen. Ein Archiv seiner Kolumne und der bisherigen Podcast-Episoden findet sich auch unter www.screenlights.at.