Screen Lights: Die Lohn-Obsession – »Obsession« von Curry Barker

Christoph Prenner bewegen bewegte Bilder. Diesmal beschäftigt ihn der missglückte Wunsch eines ver­antwortungs­losen Egoisten in »Obsession« – und wie der Film seinen Protagonisten mit einem diabolischen Grinsen demaskiert.

© Nikki (Inde Navarrette) ver­hält sich, als würde sie nur noch für Bear (Michael Johnston) existieren.

Auweia, »das Netz« hat mal wieder unaufgefordert etwas eingeordnet – und das geht bekanntlich selten gut aus. Dafür braucht es nicht mal Hot-Button-Issues wie Nahen Osten, drohenden Klima­kollaps oder die nächste Seuche. »Lohnt sich der neue Schwarzwald-›Tatort‹?«, wanzt es mich also aus einem der 41 offenen Browser­tabs an, eine Ant­wort läge nur einen Klick entfernt. Also zu­mindest für jene halt, die so etwas juckt. Meine Neu­gier geht indes hart gen Null, wenn in einer Sprache, die stark nach KI-Generisch klingt, aber jeden­falls genauso leb­los ist, die Auf­bereitung eines Themas angepriesen wird, das allen­falls in einer brachen TV-Landschaft als von Belang durchgeht.

Aber was sagt es davon abgesehen bitte generell über den kulturellen Diskurs aus, wenn sich eine Kreativ­leistung – und sei es ein »Tatort« – vorrangig daran messen lassen muss, ob sie sich »lohnt«? Das ist ja nun keine Polymarket-Wette, sondern ein Angebot zur inhaltlichen Auseinander­setzung, das ent­sprechend auch Zeit und Auf­merk­sam­keit verlangt, eventuell gar den Verzicht auf parallel ausgeführte Tasks wie Unter­wäsche­falten, Dating-Profil-Updaten oder Vokabel­büffeln für exotische Fremd­sprachen wie die Lingua Linkedin. Wenn Kultur, die in den Köpfen ohnehin schon groß­räumig zu »Content« geschrumpft wurde, nun auch noch als nach­gerade lästige Aufgabe rüberkommt, die einem andere, »lohnendere« #MeTime raubt, ist das doch eine recht unerquick­liche Entwicklung.

Unruhige Nächte

Okay, womöglich habe ich das auch in den falschen Hals bekommen und reagiere über. Ungeachtet dessen bin ich aber dankbar, dass das Werk, um das es hier gehen soll, sich gar nicht zum Ziel ge­setzt hat, ein »lohnendes« Film­erlebnis zu bieten. Es will vielmehr aus der Komfort­zone locken und heraus­fordern, auch irritieren. Vorab: Die Nacht nach der Österreich­premiere von »Obsession« (Kinostart: 25. Juni), die dem untrüglichen Tastemaker-Gespür des Slash Film­festivals zu ver­danken ist, war für den Verfasser dieser Zeilen jedenfalls gleich mal eine von rastlosen Träumen erfüllte. Das würde man zu Beginn der Handlung freilich noch nicht vermuten: Curry Barkers erster Langfilm mit Budget (nach dem viralen 800-Dollar-Horrorhit »Milk & Serial«) lässt sich zu­nächst eher wie eine proto­typische, von einem fantastischen Zufall in Gang gesetzte Achtziger­jahre-Rom-Com an.

Die Geschichte geht so: Bear (Michael Johnston) jobbt in einem Musik­bedarfs­store, ist ver­klemmt und socially awkward, vor allem aber bis über beide Ohren in Kollegin Nikki (grandios: Inde Navarrette) verknallt. Den Mumm, sie um ein Date zu bitten, bringt er jedoch nicht auf. Als ihm eines Tages ein schein­barer Scherz­artikel namens »One Wish Willow« unterkommt, der die Erfüllung eines Wunsches verspricht, ersteht er ihn, halb zum Spaß halt. Nachdem er sich nach einem weiteren ernüchternden Abend mit Nikki endgültig in der Friend­zone wähnt, zerbricht er in einem Akt der Verzweiflung doch noch den magischen Weidenzweig. Sein Be­gehr: Die Ange­betete möge ihn mehr lieben als alles andere auf der Welt. Exakt das trifft dann auch ein. Zunächst scheint sich dabei alles zu erfüllen, was er sich immer er­sehnt hatte: Nikki findet ihn unwider­stehlich und möchte ständig Zeit mit ihm verbringen. Die Kehr­seite der er­zwungenen totalen Zuneigung stellt sich jedoch als­bald ein. Nikki ver­hält sich, als exis­tiere sie nur noch für ihn, also nicht einmal mehr für sich selbst: Mal steht sie nachts in der Ecke und starrt ihn an, mal ver­siegelt sie die Eingangstür mit Klebeband, damit er nicht abhaut. Und das ist erst der eher harmlose Anfang.

Diabolischer Protagonist

Bemerkenswert ist Curry Barkers Fähigkeit, Intensität und Tonalität dieses Sturz­flugs in den Irrsinn hoch­effektiv zu modulieren. Galliger Humor und schock­satter Nerven­kitzel greifen so unberechen­bar in­einander, dass man als Zuschauer*in nie sicheren Boden unter den Füßen hat – was den 26-Jährigen ein­deutig als bereichernden Neu­zugang im Kreis rezenter Hype-Horror-Auteur*innen wie Zach Cregger oder der Philippou-Brüder ausweist. Wie diese hat Barker sein Talent für Zuspitzung in der Sketch-Comedy trainiert, um es nun für furcht­erregende Sezierungen der conditio humana anzuwenden. Das zeigt sich besonders am Protagonisten, der keines­wegs als unbeholfener Sympathie­träger mit reinem Herzen darge­stellt wird, wie es in einem konventionelleren Film wohl der Fall gewesen wäre. »Obsession« demaskiert ihn mit diabolischem Grinsen als ver­antwortungs­losen Egoisten und führt ohne jede Milde vor, welche Kollateral­schäden seine Selbstsucht für andere verursacht.

Die Prämisse mag zwar im Grunde nur eine weitere Variation von W. W. Jacobs’ klassischer Kurz­geschichte »Die Affen­pfote« (1902) sein, doch so perfide und hinterhältig ausgearbeitet wurde diese lange nicht mehr. Die kon­se­quent gewählte Perspektive des Täters zwingt dazu, das Grauen, zu dem auch ach so klasse Kerle bereit sind, um sich einen Vorteil zu verschaffen, ohne dis­tan­zierende Wirkung zu betrachten. Indem männ­liche Kränkung selbst als Ungeheuer auftritt, entsteht Raum für rigorose Reflexion: Wären wirk­lich all die »good guys«, die man kennt – oder zu denen man sich unter Umständen selbst zählt –, in ver­gleich­baren Situationen vor ähnlichem Fehl­verhalten gefeit?

Es scheint also nicht ausgeschlossen, dass mit dem Zauber­zweig auch manche Gewissheit im Publikum zerbricht. Das Un­wohl­sein, das dieser bemerkens­wert boshafte und unangenehm nah an unsere Gegenwart anschließende Film einem tief ins Gemüt pflanzt, will einen wahrlich nicht »belohnen«. Ganz im Gegenteil verlangt es einem erheblich mehr ab, als man einzubringen gedachte.

Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Serien­geschehen. Unser Kolumnist ist per E-Mail unter prenner@thegap.at zu erreichen. Ein Archiv seiner Kolumne und der bisherigen Podcast-Episoden findet sich auch unter www.screenlights.at.

Newsletter abonnieren

Abonniere unseren Newsletter und erhalte alle zwei Wochen eine Zusammenfassung der neuesten Artikel, Ankündigungen, Gewinnspiele und vieles mehr ...