Christoph Prenner bewegen bewegte Bilder. Diesmal beschäftigt ihn das Wiedersehen von Michelle Pfeiffer in »Margo’s Got Money Troubles«.

Dem gewogenen Kolumnenpublikum wird das garantiert bekannt vorkommen: Gesichter, die einst untrennbar mit dem eigenen Alltag verknüpft waren und deren Abwesenheit unvorstellbar schien, verschwinden dann doch für Ewigkeiten aus dem Leben, um irgendwann jäh und unausweichlich wieder darin aufzutauchen. Ganz so, als hätten sie die gesamte Zeit nur auf diesen Moment gewartet, um das Versäumte nun mit gesteigerter Intensität nachholen zu können. Dieses Muster lässt sich freilich auch auf all jene Einbahnbeziehungen zu Menschen übertragen, die man kaum je persönlich, dafür verlässlich auf Leinwänden und Bildschirmen zu sehen bekommt. Oder eben: lange Jahre bekam.
Michelle Pfeiffer gehörte zuletzt etwa irgendwann zu jenen Gesichtern, die man nur noch aus dem Augenwinkel wahrnahm – als Teil des Megaensembles eines Comicfranchise zum Beispiel. Ungebrochen wohlwollend zwar, aber ohne wirklich bleibenden Eindruck. Umso begrüßenswerter ist da der aus heiterem Himmel kommende Michellesche Doppelschlag in diesem Fernsehfrühling, der zu signalisieren scheint, dass sie die Branche zwischenzeitlich bloß deren eigenem Treiben überlassen wollte. Zugegeben: Bei ihrem Auftritt in »The Madison« von Red-State-Messias Taylor Sheridan musste man noch ein Auge zudrücken angesichts der haarsträubend kulturkämpferischen Romantisierung eines kühn herbeifantasierten heilen Landlebens. Zum Glück hat Pfeiffer in diesen Tagen aber eben noch ein zweites Eisen im Feuer, das gleich ungleich heller glüht: »Margo’s Got Money Troubles«.
Trotziges Leben
In der ab 15. April bei Apple TV abrufbaren Serienadaption des 2024er-Romans von Rufi Thorpe besticht Pfeiffer selbstredend nicht alleine. Das Zentrum der Aufmerksamkeit gehört der titelgebenden Figur – verkörpert von Elle Fanning (»Sentimental Value«), die dieser klugen, fantasie- und schreibbegabten, wenngleich zu vertrauensseligen Studentin mit Esprit, Verwundbarkeit und unerschrockenem Ganzkörpereinsatz auf markante Weise Gestalt verleiht. Nachdem Margo infolge einer Affäre mit einem Professor ungeplant schwanger wird, beschließt sie – trotz existenzieller Schieflage und des Desinteresses des Babydaddys –, das Kind zu bekommen. Gleichsam mit einer Attitüde aus spätadoleszentem Trotz und jener unverbrüchlichen Zuversicht, der es eben bisweilen bedarf, damit ein Leben überhaupt beginnen kann. Dies alles geschieht zur Sorge von Margos Mutter, die von Pfeiffer im Leo-Look und mit Veneers so schrill wie street smart, so lebensecht wie liebenswert angelegt ist. Shyanne wurde schließlich in jungen Jahren Alleinerzieherin und rät ihrer Tochter davon ab, es ihr gleich zu tun – ahnend, dass dieser Appell wenig ausrichten wird.

Mutter und Sexarbeiterin
Erwartungsgemäß nimmt diese komplizierte Mutter-Tochter-Beziehung breiten Raum in den acht Episoden ein. Einfacher wird sie gewiss auch dadurch nicht, dass der entfremdete, suchterfahrene Wrestlervater (lakonisch anrührend: Nick Offerman) sich bald zusätzlich ins Geschehen mischt, wodurch die Bruchlinien dieser dysfunktionalen Familie zwischen alten Verletzungen und neuen Zumutungen nur noch deutlicher sichtbar werden. Der zentrale Antrieb der Handlung entsteht freilich durch Margos Entscheidung, ihre money troubles über Only Fans zu lösen. Was als heiteres, textbasiertes Experiment beginnt, führt über Oben-ohne-Fotos zu kinky Videos in Sci-Fi-Settings, in denen sie als grünhäutiger Alien namens Hungry Ghost auftritt. Dieser aus der Not geborene Schaffensakt mit sexpositivem Stempel verschränkt letztlich zwei gesellschaftliche Rollen miteinander, die sonst gern und reflexhaft als unvereinbar erachtet werden: die der Mutter und die der Sexarbeiterin.
Die redlichste Qualität von »Only Margo« (so der deutsche Titel und auch jener des Buchs) ist, dass die prekäre Situation der Protagonistin nicht zur reißerischen Pointe verzerrt wird, dass der blanken Sensationsgeilheit überhaupt wenig Raum geboten wird. Im Kern beschäftigt sich diese Show mit der Frage, warum alleinerziehende Frauen oftmals gezwungen sind, finanzielles Auskommen, Mutterschaft und eigene Würde auf solch harte Tour unter einen Hut bringen zu müssen. Mit seinem grundsätzlich heiteren, fein austarierten Erzählton, der der Verschrobenheit näher ist als der Niederschmetterung, umschifft das Skript gängige Vorurteile, bleibt dabei aber stets wachsam gegenüber der Gefahr der Stigmatisierung sowie der digitalen Entblößung und thematisiert auch die Tücken des Sorgerechts. Insbesondere begegnet die Handlung der bigotten Erwartungshaltung, dass junge Mütter gefälligst auf moralisch korrekte Weise zu darben haben, mit der ihr gebührenden Geringschätzung.
Mit ansteckender Neugier und einem, ja, hungrigen Geist ist den Kreativen rund um David E. Kelley – Produzent von Serien wie »Ally McBeal« oder »Big Little Lies« und seit 32 Jahren Pfeiffers Ehemann – hier etwas gelungen, das mitnichten selbstverständlich ist: ein Format, das Menschen nicht auf ihre Probleme reduziert, sondern sie beim mutigen, einfallsreichen Kämpfen und Sich-neu-Erfinden, aber auch beim Stürzen und Straucheln begleitet, ohne sie zu beschämen oder ihren Überlebenswillen kleinzureden; ein Format, das Mutterschaft nicht verklärt, Sexarbeit nicht skandalisiert, weibliche Selbstbestimmung und familiäre Loyalität nicht gegeneinander ausspielt. Wenn diese Gesichter also trotz der abgeschlossenen Handlung der Miniserie irgendwann wieder auftauchen sollten – es wäre nur wünschenswert.
Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Seriengeschehen. Unser Kolumnist ist per E-Mail unter prenner@thegap.at zu erreichen. Ein Archiv seiner Kolumne und der bisherigen Podcast-Episoden findet sich auch unter www.screenlights.at.