Screen Lights: Serve Yourself! – »Marty Supreme« von Josh Safdie

Christoph Prenner bewegen bewegte Bilder. Diesmal geht es um Tischtennis und Größenwahn bei »Marty Supreme«.

© Tobis Film

Wenn etwas zu spät kommt, kann einen das Leben bisweilen dennoch belohnen. Etwa dann, wenn in Zeiten internationaler Starttermin-Synchronizität der längst ungewohnte Zustand eintritt, dass ein mit Spannung erwarteter Streifen erst mit diskretem Delay in den heimischen Kinos anläuft. Und man sich darob nicht grämen muss, weil immerhin schon die Filmmusik releast wurde, in die man sich bereits vorab versenken kann, um sich schon mal auszumalen, was einen bald auf der Leinwand erwarten könnte.

Ein solches Glück alter Schule war es, dass einem just am 25. Dezember – dem Tag des US-Kinostarts – der Soundtrack zu Josh Safdies neuem Werk »Marty Supreme« virtuell unter den Gabentisch gelegt wurde. Und beim Kolumnisten sogleich einen Zustand ekstatischer Verzückung auslöste. Vor meinem inneren Auge begannen sich da instantly Bilder, Bewegungen, ganze Dramaturgien abzuzeichnen, entfesselt durch die behexenden Soundschichtungen des verbürgten Electronica-Vorpreschers Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never (heuer übrigens auch Gast am Donaufestival): kristallklar schimmernde, eigentümlich hymnisch tönende Synthszenerien, wie aus einem Tangerine Dream, aber auch pulsierende bis unruhig klackernde Texturen von Marimbas, von Vibra- und Xylofonen, mit wuchtig wogendem Klingklang all das Pingpong jenes Films erfassend. Denn genau darum geht es in selbigem: um Tischtennis. Um Tischtennis und Größenwahn, um ganz genau zu sein.

»Marty Supreme« (Bild: Tobis Film)

Sport und Drama

Tischtennis und Größenwahn: eine Wortkombination, die man seit Werner Schlagers Schwechater Multiversum so nicht mehr vernommen hat. Die hier aber vollends angebracht scheint, erweist sich Josh Safdies erste Regiearbeit ohne seinen jüngeren Bruder Benny doch umstandslos als ein Werk, das weit mehr im Sinn hat, als rein mit den Mitteln und Maßgaben eines klassischen Sportdramas zu operieren – selbst, wenn es zunächst gar nicht danach aussehen mag. Aber alles der Reihe nach …

Anfang der 1950er-Jahre hat der New Yorker Marty Mauser (Timothée Chalamet) einen dringlichen Wunsch: Er will nichts weniger als der beste Tischtennisspieler der Welt werden. Dass dieser Sport kaum ernst genommen wird und man damit nicht reich werden kann, ist ihm egal. Seinen ungeliebten Brotjob im Schuhgeschäft möchte er dessen ungeachtet rasch hinter sich lassen. Freilich verkompliziert sich seine Lage, als ihm seine verheiratete Geliebte (Odessa A’Zion) eröffnet, von ihm schwanger zu sein. Für Marty, der sich unbedingt und unverzüglich zu Größerem berufen fühlt, sind das allenfalls lästige Störgeräusche für seinen claim to fame: Was nicht passt, wird passend gemacht.

»Marty Supreme« (Bild: Tobis Film)

Kinetische Ästhetik

Und so trommelt er mit main character syndrome und großer Klappe für seinen eigenen Mythos, rast durch eine Welt, die sich ihm putativ erst öffnet, wenn er sie sich nimmt. Dass Marty so zunehmend zum Albtraum seiner Umgebung wird, ist unausweichlich. Lug und Trug sowie halsbrecherische Moves häufen sich, seine Mitmenschen dienen ihm immer öfter bloß als Mittel zur Finanzierung seines Traums – one human Kollateralschaden after another. Immer noch schneller geht’s hier immer noch weiter. Rückschläge wollen verarbeitet, neue Pläne geschmiedet werden. Bei aller Irritation fühlt man sich beim Zuschauen selbst wie einer dieser mit reichlich Effet geschlagenen Tischtennisbälle: permanent unterwegs, nie sicher, wo man als Nächstes landen wird, wen man noch treffen könnte.

Apropos Ball-Ballereien: Wie bereits erwähnt, ist »Marty Supreme« zumindest initial allemal klar ein Sportfilm – mit Pingpongsequenzen, deren Unmittelbarkeit und Rasanz es mühelos mit den nicht gerade spärlich gesäten, adrenalingeladenen Actionmomenten aufnehmen können. Überhaupt zeigt sich einmal mehr Josh Safdies nahezu unheimliches Gespür für hektische Kinetik: Situationen werden hier immer weiter aufgeladen, bis sie kaum noch auszuhalten sind, um sich dann im größten Nervenkitzel unversehens zu entladen – bevorzugt mit Wendungen zwischen Schockeffekt und Situationskomik.

Das wahnwitzige Tempo dient hier gleichsam als Trägermaterial für die thematische Substanz: Sport und Suspense werden zur Folie für eine Auseinandersetzung mit ungebremstem Begehren, jenem archetypisch amerikanischen Streben nach Glück, bei dem die Trennlinie zwischen liebenswertem Underdog und egoistischem Mistkerl verlässlich verschwimmt. Dass just solche maßlos getriebenen Charaktere zu überstürzten Handlungen neigen, wenn der ersehnte Höhenflug auf sich warten lässt, konnte man bereits in »Uncut Gems«, der bislang letzten gemeinsamen Regiearbeit der beiden Safdies, beobachten. »Marty Supreme« schließt, wiewohl größer angelegt, nahtlos gnadenlos an diese Panikattacke an, ist dabei jedoch auch ungeahnt empathisch.

Ja, man fühlt sich mit Marty – nicht zuletzt dank Timothée Chalamets elektrisierender Performance – enger verbunden, als einem lieb ist. Schließlich ist das ein dreister Kerl, der Menschen verschleißt, Scherben hinterlässt und Grenzen mit jener allzu selbstgewissen Lässigkeit überschreitet, die nur jemand besitzt, der sich selbst zur Ausnahmeerscheinung erklärt hat. Liegt es womöglich daran, dass solch Handeln auch etwas Ansteckendes anhaftet? Ein fiebriger Spirit, ein beinahe kindlicher Glaube, dass Leidenschaft allein ausreichen könnte, um das eigene Leben zu formen? Was im Alltag vielfach als Red Flag gelten würde, gerinnt zumindest in der Illusionsmaschine Kino zur unwiderstehlichen Erscheinung in Persona eines Antihelden, der die Kerze von beiden Seiten zugleich abbrennt. Ganz so, als sei jedes Innehalten bereits Verrat an sich selbst. Zu spät kommen: Das will so einer fix nicht.       

Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Serien­geschehen. Unser Kolumnist ist per E-Mail unter prenner@thegap.at zu erreichen. Ein Archiv seiner Kolumne und der bisherigen Podcast-Episoden findet sich auch unter www.screenlights.at.

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