Screen Lights: Einladung zur Einlassung – »The Invite« von Olivia Wilde

Christoph Prenner bewegen bewegte Bilder. Diesmal beschäftigt ihn Olivia Wildes neueste Regiearbeit »The Invite«, eine will­kommene Rückkehr der bissigen Erwachsenen­komödie.

© Tobis Film — Traute Viersamkeit? Olivia Wilde, Seth Rogen, Penélope Cruz und Edward Norton in »The Invite«

»Früher nannten wir das noch Sommer!1!!11!!« Ja, es ist wieder diese Zeit des Jahres. Kaum klettern die Temperaturen beunruhigend verlässlich auf Subsahara­werte, schlägt in den Kommentar­spalten die Stunde der hysterisierten Abwehr­reflexe. Mit grotesk gleich­förmigen Einwürfen, präsentiert mit der zähen Beharr­lich­keit unzureichend programmierter Bots, wird der Klima­wandel zur reinen Erfindung erklärt, Extremst­hitze zur Laune des Wetters und jede wissen­schaft­liche Einordnung zur gigantischen Täuschungs­operation. Es irren ja sowieso immer nur die anderen.

Unbenommen: Die Erderwärmung in ihrer ganzen Bandbreite zu durch­dringen, ist keine Aufgabe für einen Nachmittag. Aber muss man sich bei aller nach­voll­zieh­baren Über­forderung absichtlich auch noch fetzen­deppert stellen? Nur, weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Weil es viel ange­nehmer ist, an Ver­schwörungen zu glauben, als das eigene Weltbild ein Stück weit nach­justieren zu müssen?

Vor der Versuchung selektiv verzerrter Wahr­nehmungen ist natürlich niemand von uns gefeit. Selbst der sonst so stabile James Blake tappte jüngst in eine entsprechende Falle, als er in einem Insta-Rant schwurbelte, dass sich Labels wohl­wollende Kritiken kaufen würden. Aus welchem Anlass er diesen Vorwurf erhob, weiß wohl nur er selbst. Um einen Bären­dienst handelte es sich allemal: Nicht, dass Journa­lismus über jeden Zweifel er­haben wäre, doch der vulgär­populistische Anwurf zahlte halt vorwiegend auf das immer­grüne Ressentiment ein, Medien seien letztlich stets Handlanger sinistrer Interessen.

Eine Überleitung

Gar nicht so einfach, nun halbwegs nonchalant zum tat­säch­lichen Film­thema dieser sicherlich immer gern gelesenen Seite überzuleiten. Ich ver­suche es damit, der werten Kolumnen­gemeinde Folgendes zu versichern: Für diese Zeilen sind keine Umschläge über Tische gewandert, es ist auch keine Einladung zu einer Soiree von Olivia Wilde angenommen worden. Schwöre! Letzteres wäre, zieht man den Plot von »The Invite« (Kinostart: 30. Juli) als Maßstab heran, aber ohne­hin kein ausschließliches Vergnügen.

In Wildes dritter und bester Regiearbeit wird bald deutlich, dass in der Ehe von Angela (Wilde) und Joe (Seth Rogen) richtig der Wurm drin ist. Die stilvoll-weitläufige Wohnung kann den Umstand nicht kaschieren, dass sich dort ein Unter­mieter ein­ge­nistet hat: ein über Jahre kultivierter gegen­seitiger Groll. Joe, einst ein semi­erfolg­reicher Musiker, schlägt sich ohne Ambitionen mit einem Lehrjob an einem Konservatorium durch, während Angela mit extra­rast­loser Betrieb­samkeit in den eigenen vier Wänden ihre Resignation nur behelfs­mäßig überspielt. Die beiden geraten ständig aneinander, aber nur selten wegen der Dinge, die ihnen wirklich am Herzen liegen. Gerade als der nächste Streit zu eskalieren droht, läutet es an der Tür: Der Dinner­besuch aus der Wohnung über ihnen ist da.

Sehr viel mehr soll hier auch schon nicht gespoilert werden. Nur das noch: Selbstredend haben auch die Eintrudelnden, der Ex-Feuerwehr­mann Hawk (Edward Norton) und die Therapeutin Piña (Penélope Cruz), so cool und abenteuer­lustig sie im Vergleich auch wirken mögen, ihre ganz eigenen Baustellen. Diese treten freilich im Laufe des Filmes zutage – wie so vieles andere auch. Bald reiht sich Wendung an Wendung sowie Offen­barung an Offen­barung – und jedes Mal werden die Karten dabei neu gemischt: Die Be­ziehungen der Charaktere geraten durch­einander, Bündnisse ver­schieben sich, Sympathien wechseln. Und immer, wenn man glaubt, die Quint­essenz des Abends entschlüsselt zu haben, erwischt man sich kurz darauf dabei, dass man nur dem nächsten Trugschluss auf­ge­sessen ist.

Bürgerliches Kammerspiel

Dass »The Invite« seine theatralen Wurzeln nicht verhehlt, spielt dem Film letztlich in die Hände. In klas­sischer Kammer­spiel­manier wird die Begrenzung des Settings dazu genutzt, jede noch so kleine Verschiebung innerhalb der Gruppen­dynamik schonungs­los offen­zulegen. Meist ge­nügt schon ein Blick oder eine passiv-aggressive Antwort, um die Stimmung kippen zu lassen und jene herrlich un­erquick­lichen Momente zu erzeugen, in denen Menschen mit beträchtlichem Aufwand versuchen, ihre sorg­sam kultivierten Selbst­bilder zu verteidigen. Selbst wenn das Drehbuch mit seiner Lust an vogel­wilden Volten dann und wann übers Ziel hinaus­schießt, holt das mit erheblicher Verve agierende Ensemble den Stoff verlässlich vergnüglich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen.

Nachdem man sich jahrelang fragen musste, ob Hollywood sein Interesse an den Malaisen des bürgerlichen Zusammen­lebens ein für alle Mal ver­loren hat, beeindruckt »The Invite« als will­kommene Rückkehr der bissigen Erwachsenen­komödie: Hier geht zwar keine Figur unversehrt vom Feld, aber eben auch nicht ohne die eine oder andere neue, mitunter gar substanzielle Einsicht.

So schließt sich am Ende noch der Kreis zum Kolumnen­beginn: Denn letzt­lich werden Annahmen ja erst dann verhängnisvoll, wenn sie so gar keinen Widerspruch mehr dulden – egal ob es nun um die Klimakrise, den Kultur­betrieb oder den Lebens­menschen geht. Und die Realität zeigt sich von unseren Mut­maßungen ohnehin kaum beeindruckt. Gut also, dass es noch Werke wie »The Invite« gibt, die daran erinnern, dass Ein­schätzungen trügerisch sein können und wie viel einem über die Welt und ihre Menschen entgeht, wenn man glaubt, sie bereits vollständig verstanden zu haben.

Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Serien­geschehen. Unser Kolumnist ist per E-Mail unter prenner@thegap.at zu erreichen. Ein Archiv seiner Kolumne und der bisherigen Podcast-Episoden findet sich auch unter www.screenlights.at.

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