Christoph Prenner bewegen bewegte Bilder. Diesmal beschäftigt ihn Olivia Wildes neueste Regiearbeit »The Invite«, eine willkommene Rückkehr der bissigen Erwachsenenkomödie.

»Früher nannten wir das noch Sommer!1!!11!!« Ja, es ist wieder diese Zeit des Jahres. Kaum klettern die Temperaturen beunruhigend verlässlich auf Subsaharawerte, schlägt in den Kommentarspalten die Stunde der hysterisierten Abwehrreflexe. Mit grotesk gleichförmigen Einwürfen, präsentiert mit der zähen Beharrlichkeit unzureichend programmierter Bots, wird der Klimawandel zur reinen Erfindung erklärt, Extremsthitze zur Laune des Wetters und jede wissenschaftliche Einordnung zur gigantischen Täuschungsoperation. Es irren ja sowieso immer nur die anderen.
Unbenommen: Die Erderwärmung in ihrer ganzen Bandbreite zu durchdringen, ist keine Aufgabe für einen Nachmittag. Aber muss man sich bei aller nachvollziehbaren Überforderung absichtlich auch noch fetzendeppert stellen? Nur, weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Weil es viel angenehmer ist, an Verschwörungen zu glauben, als das eigene Weltbild ein Stück weit nachjustieren zu müssen?
Vor der Versuchung selektiv verzerrter Wahrnehmungen ist natürlich niemand von uns gefeit. Selbst der sonst so stabile James Blake tappte jüngst in eine entsprechende Falle, als er in einem Insta-Rant schwurbelte, dass sich Labels wohlwollende Kritiken kaufen würden. Aus welchem Anlass er diesen Vorwurf erhob, weiß wohl nur er selbst. Um einen Bärendienst handelte es sich allemal: Nicht, dass Journalismus über jeden Zweifel erhaben wäre, doch der vulgärpopulistische Anwurf zahlte halt vorwiegend auf das immergrüne Ressentiment ein, Medien seien letztlich stets Handlanger sinistrer Interessen.
Eine Überleitung
Gar nicht so einfach, nun halbwegs nonchalant zum tatsächlichen Filmthema dieser sicherlich immer gern gelesenen Seite überzuleiten. Ich versuche es damit, der werten Kolumnengemeinde Folgendes zu versichern: Für diese Zeilen sind keine Umschläge über Tische gewandert, es ist auch keine Einladung zu einer Soiree von Olivia Wilde angenommen worden. Schwöre! Letzteres wäre, zieht man den Plot von »The Invite« (Kinostart: 30. Juli) als Maßstab heran, aber ohnehin kein ausschließliches Vergnügen.
In Wildes dritter und bester Regiearbeit wird bald deutlich, dass in der Ehe von Angela (Wilde) und Joe (Seth Rogen) richtig der Wurm drin ist. Die stilvoll-weitläufige Wohnung kann den Umstand nicht kaschieren, dass sich dort ein Untermieter eingenistet hat: ein über Jahre kultivierter gegenseitiger Groll. Joe, einst ein semierfolgreicher Musiker, schlägt sich ohne Ambitionen mit einem Lehrjob an einem Konservatorium durch, während Angela mit extrarastloser Betriebsamkeit in den eigenen vier Wänden ihre Resignation nur behelfsmäßig überspielt. Die beiden geraten ständig aneinander, aber nur selten wegen der Dinge, die ihnen wirklich am Herzen liegen. Gerade als der nächste Streit zu eskalieren droht, läutet es an der Tür: Der Dinnerbesuch aus der Wohnung über ihnen ist da.
Sehr viel mehr soll hier auch schon nicht gespoilert werden. Nur das noch: Selbstredend haben auch die Eintrudelnden, der Ex-Feuerwehrmann Hawk (Edward Norton) und die Therapeutin Piña (Penélope Cruz), so cool und abenteuerlustig sie im Vergleich auch wirken mögen, ihre ganz eigenen Baustellen. Diese treten freilich im Laufe des Filmes zutage – wie so vieles andere auch. Bald reiht sich Wendung an Wendung sowie Offenbarung an Offenbarung – und jedes Mal werden die Karten dabei neu gemischt: Die Beziehungen der Charaktere geraten durcheinander, Bündnisse verschieben sich, Sympathien wechseln. Und immer, wenn man glaubt, die Quintessenz des Abends entschlüsselt zu haben, erwischt man sich kurz darauf dabei, dass man nur dem nächsten Trugschluss aufgesessen ist.
Bürgerliches Kammerspiel
Dass »The Invite« seine theatralen Wurzeln nicht verhehlt, spielt dem Film letztlich in die Hände. In klassischer Kammerspielmanier wird die Begrenzung des Settings dazu genutzt, jede noch so kleine Verschiebung innerhalb der Gruppendynamik schonungslos offenzulegen. Meist genügt schon ein Blick oder eine passiv-aggressive Antwort, um die Stimmung kippen zu lassen und jene herrlich unerquicklichen Momente zu erzeugen, in denen Menschen mit beträchtlichem Aufwand versuchen, ihre sorgsam kultivierten Selbstbilder zu verteidigen. Selbst wenn das Drehbuch mit seiner Lust an vogelwilden Volten dann und wann übers Ziel hinausschießt, holt das mit erheblicher Verve agierende Ensemble den Stoff verlässlich vergnüglich wieder zurück auf den Boden der Tatsachen.
Nachdem man sich jahrelang fragen musste, ob Hollywood sein Interesse an den Malaisen des bürgerlichen Zusammenlebens ein für alle Mal verloren hat, beeindruckt »The Invite« als willkommene Rückkehr der bissigen Erwachsenenkomödie: Hier geht zwar keine Figur unversehrt vom Feld, aber eben auch nicht ohne die eine oder andere neue, mitunter gar substanzielle Einsicht.
So schließt sich am Ende noch der Kreis zum Kolumnenbeginn: Denn letztlich werden Annahmen ja erst dann verhängnisvoll, wenn sie so gar keinen Widerspruch mehr dulden – egal ob es nun um die Klimakrise, den Kulturbetrieb oder den Lebensmenschen geht. Und die Realität zeigt sich von unseren Mutmaßungen ohnehin kaum beeindruckt. Gut also, dass es noch Werke wie »The Invite« gibt, die daran erinnern, dass Einschätzungen trügerisch sein können und wie viel einem über die Welt und ihre Menschen entgeht, wenn man glaubt, sie bereits vollständig verstanden zu haben.
Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Seriengeschehen. Unser Kolumnist ist per E-Mail unter prenner@thegap.at zu erreichen. Ein Archiv seiner Kolumne und der bisherigen Podcast-Episoden findet sich auch unter www.screenlights.at.