Christoph Prenner bewegen bewegte Bilder. Diesmal beschäftigt ihn Na Hong-jins fulminanter neuer Film »Hope«, ein schwindelerregendes Sammelsurium aus Action, Science-Fiction und Kleinstadtkomödie, aus brachialem Tempo, derben Witzen und tiefen Gedanken.

Sakra, wer soll denn bitte in dieser Zettelwirtschaft je was finden? »Zettelwirtschaft« – auch schon wieder so eine Vokabel, die mir garantiert ewig nicht mehr durch den Kopf galoppiert ist. Wäre es da nicht auch gleich angebracht, sie wieder in den aktiven Wortschatz zu integrieren? Man merkt es schon: Dem Kolumnisten erscheint Stunden vor Abgabe dieses Textes wieder einmal alles dringlicher, als zielgerichtet in die Tasten zu hauen. Und so wühlt er sich grad lieber durch eine Vielzahl von Boxen, auf der Suche nach einem speziellen Schriftstück, das sich jedoch beharrlich dem Erspähtwerden entzieht, inmitten von kiloweise Papier aus Dezennien persönlicher Menschheitsgeschichte und allerlei Krimskrams, dessen ursprüngliche Bestimmung sich nicht mehr ohne Weiteres erschließt.
Zu gegebener Zeit kehrt das verschollene Dokument schließlich doch ans Tageslicht zurück – jedoch erst nach einigen verblüffenden Funden, die man durchaus als Relikte aus einer bygone era bezeichnen kann, etwa diverse Lieferscheine asiatischer Medienshops. Tja, so schlug man sich im Unterhaltungsland vor unserer Zeit eben durch: Videostreaming, zumal in der Flatrate, war noch eine reinste Zukunftsvision, heiß ersehnte Filmware, insbesondere jene aus dem Fernen Osten, wurde daher auf silbernen Scheiben geordert, die dann aus einem Lager am anderen Ende der Welt verschifft wurden. Proto-Temu, bloß mit Cinegold statt Plastikmüll.
Pop-Ex- und -Import
Die zerknitterten Zettelchen weckten sogleich Erinnerungen an georderte Schätze produziert in Hongkong und Japan, vor allem aber an eine besonders goldene Ära des koreanischen Kinos: Kassenknüller à la »The Host« und Kultklassiker wie »Oldboy« bewältigten damals in DVD-Form die große Reise, aber auch (später von Hollywood recycelte) Meisterwerke wie »Save the Green Planet!« und beinahe in Vergessenheit geratene Großtaten wie »The Man from Nowhere«.
Was für ein ungeahnt anregender walk down memory lane sich da auftut: Er führt in eine Periode, in der das Kino jenes Landes innovationsfreudig und publikumswirksam einen Meilenstein nach dem anderen setzte; in der Regievisionäre wie Bong Joon-ho, Park Chan-wook und Kim Jee-woon Südkorea lange vor dem K-Pop-Boom ein internationales Popkulturwunder bescherten – wobei der allergrößte Aufmerksamkeitsausschlag, der Oscar-Hit »Parasite«, erst viel später erfolgen sollte, nämlich 2019. Mit einem Œuvre von beträchtlicher kinetischer Wucht hat sich der Filmemacher Na Hong-jin (»The Chaser«) in ihrem Windschatten an jene großen Namen herangepirscht – nun setzt er mit seinem fulminanten vierten Langfilm »Hope« (Kinostart: 8. Oktober), im wahrsten Sinne des Wortes, zum Überholmanöver an.
Rastlose Verwüstung
Nachdem man im titelgebenden Küstenstädtchen zunächst noch halb im Scherz davon ausgeht, dass ein übel zugerichteter Stier Opfer eines übergelaufenen Tigers aus Nordkorea geworden sein könnte, wird dem örtlichen Polizeichef indes rasch klar, dass man es hier mit etwas weit Gefährlicherem zu tun hat. Ein mysteriöses, so agiles wie angespeistes Geschöpf zieht eine Spur der Verwüstung durch die Straßen und ist dem Cop dabei stets lautstark einen Schritt voraus. Rastlos stolpert der Schieß- und Schimpfwütige nun durch eine schier endlose Schneise der Zerstörung – und auch vor der Leinwand schnappt man in Bälde nach Luft: Derart schweißtreibend hat in dieser Spielzeit noch kein anderer Actionfilm gerockt. Die teuerste koreanische Produktion aller Zeiten setzt also quasi dort an, wo andere Filme aufhören: mit einem elektrisierenden, einstündigen (!) Showdown, der hier jedoch erst die Ouvertüre für die kommenden, nicht minder turbulenten hundert Minuten sein soll.
Wie sein Vorreiter Bong Joon-ho brilliert auch Na Hong-jin als fähiger und furchtloser Jongleur divergierender Tempi und Tonalitäten. Mit einer Affinität für gehaltvolle, aber auch absurde Umwege sowie den durchaus brachialen Humor, für den das koreanische Kino berüchtigt ist – einen fünfminütigen Monolog über einen Erstkontakt unter denkbar widrigen körperlichen Umständen wird man nicht mehr vergessen –, lässt er der Nonstop-Hetzjagd Schritt für Schritt einen thematischen Überbau angedeihen, den man nur als irrwitzig ambitioniert bezeichnen kann.
What the Fuck?
Das erfordert nach dem initialen Kick durchaus Geduld, erweist sich im stürmischen Finale aber als Gewinn: Erneut serviert der Karacho-Zeremonienmeister ein ausgedehntes Action-Furioso, das nun aber einen ganz anderen, nachgerade existenzphilosophischen Impact entfaltet. Ein letzter »WTF!«-Moment entlässt einen mit offenem Mund in den Abspann – man ahnt, dass dies nicht das letzte Kapitel gewesen sein wird.
So lustvoll hat man lange keinen Film mehr vorsätzlich alles aufs Spiel setzen sehen – schon gar nicht in dieser Preisklasse. Das Bild der Schachtel, in der man neben dem ursprünglich Gesuchten auch auf allerlei Überraschendes stößt, passt hervorragend zu diesem schwindelerregenden Sammelsurium aus Action, Science-Fiction und Kleinstadtkomödie, aus brachialem Tempo, derben Witzen und tiefen Gedanken, in dem sich immer wieder Staunenswertes entdecken lässt. Nur folgerichtig, dass just ein Film, der »Hope« heißt, daran erinnert, dass all das, was man sich vom modernen Blockbusterkino immer erhofft, zuletzt aber leider nur selten bekommen hat, immer noch möglich ist.
Christoph Prenner plaudert mit Lillian Moschen im Podcast »Screen Lights« zweimal monatlich über das aktuelle Film- und Seriengeschehen. Unser Kolumnist ist per E-Mail unter prenner@thegap.at zu erreichen. Ein Archiv seiner Kolumne und der bisherigen Podcast-Episoden findet sich auch unter www.screenlights.at.