Mit gerade einmal 21 Jahren hat Oskar Haag vor Kurzem bereits sein zweites Album veröffentlicht. Im Interview spricht er über Erwartungsdruck, ungewöhnliche musikalische Inspirationsquellen und die bevorstehende Tour zu »Lost Cause«.

Begriffe wie »Wunderkind« oder »Multitalent« dürfte Oskar Haag mittlerweile oft genug gehört haben. Ganz aus der Luft gegriffen sind sie allerdings nicht. Schon mit fünfzehn Jahren machte der gebürtige Klagenfurter beim Popfest Wien auf sich aufmerksam, Zwei Jahre später, 2023, folgte sein Debütalbum »Teenage Lullabies«, für das er gleich einmal mit dem FM4-Amadeus-Award ausgezeichnet wurde. Dass er sich aber nicht nur auf die Musik beschränkt, zeigt Haag mit gelegentlichen Ausflügen in die Schauspielerei, sei es für Theater- oder für Filmproduktionen. Mit »Lost Cause« ist nun das zweite Album des Musikers erschienen, mit dem er demnächst auch auf Tour geht.
Du hast mit »Lost Cause« vor Kurzem dein zweites Album veröffentlicht und dieses im ausverkauften Radiokulturhaus in Wien präsentiert. Wie geht es dir damit, dass es jetzt draußen ist?
Oskar Haag: Gut. Es ist sehr viel Druck weg. Obwohl »Druck« vielleicht das falsche Wort ist. Es war eher eine Vorfreude, weil man dann doch die letzten drei bis vier Jahre daran gearbeitet hat. Da fühlt sich die Wartezeit zwischen »das Album ist fertig« und »das Album kommt raus« wie eine halbe Ewigkeit an. Meine Release-Show im Radiokulturhaus war auch super. Das ist für so eine Albumpräsentation schon ein geiler Ort. Ich bin selten nervös, aber dieser Raum hat so eine Kraft. Er ist fast schon ein bisschen zu schön, wenn man selbst auf der Bühne steht. Aber insgesamt war es wirklich fantastisch.
Wenn du sagst, dass du drei bis vier Jahre daran gearbeitet hast: Dein Debütalbum »Teenage Lullabies« ist erst vor drei Jahren erschienen. Sind also auch Songs auf dem aktuellen Album gelandet, die es nicht auf das erste geschafft haben?
Unter anderem, ja. Beziehungsweise ist der Song »Lover and His Lass« ursprünglich für das Burgtheater-Stück »Wie es euch gefällt« entstanden. Er hat mir dann aber so gut gefallen, dass ich mir gedacht habe, dass ich ihn auf das Album packe.
Wie war bisher das Feedback?
Das Feedback ist sehr gut. Es war jetzt auch immer lustig: Wenn ich in Wien spaziere, kommen hie und da Leute zu mir, um mit mir über das Album zu plaudern. Und manche sagen auch nur ganz schnell im Vorbeigehen: »Ey, cool geworden, das neue Album.« Ich bin eigentlich auch der Meinung, dass ich halt einfach mache, was ich mache, und dass danach dann jede*r damit anfangen kann, was er oder sie möchte. Aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass sehr viele Leute verstanden haben, was ich mit dem Album ungefähr sagen wollte. Und das ist dann auch cool, also seinen Punkt rüberzubringen.
Was wäre denn dieser Punkt?
Ich beschreibe es insgesamt immer als Coming-of-Age-Album. Es geht darum, herauszufinden, was für ein Mensch man sein möchte und kann. Die Liebe ist auch ein großes Thema, weil sie zum Erwachenwerden dazugehört. In »I Wish Change Was Real« komme ich ein bisschen ins politische Erwachen. Das war auch Teil meiner Jugend: Ich habe immer mehr gemerkt, wie wichtig es ist, sich für gewisse Dinge einzusetzen. Und »Lost Cause« sowie »Drop Out« sind zwei Songs, in denen ich Sätze, die meine Lehrer früher immer zu mir gesagt haben, verarbeitet habe.
Bereits dein erstes Album war ziemlich erfolgreich. Ich sage nur: jüngster FM4-Award-Gewinner. Inwiefern stresst einen das, entsprechend nachzulegen?
Man macht sich schon Gedanken darüber. Es sind vor allem die Nächte, in denen einen das stresst. Aber ich muss ehrlich sagen, dass dieser Druck schon vor drei Jahren angefangen hat. Dazu kann ich nur festhalten: Therapie ist super. Einfach mit einem fremden Menschen über alles reden, was einem so im Kopf rumschwirrt, hilft sehr. Den Stress anzuerkennen und ehrlich zu sich zu sagen: »Ich habe das. Woher kommt das und ist das überhaupt reasonable?« – das macht alles viel einfacher.
Im Titeltrack baust du den fast schon antiquierten Sound einer Ziehharmonika sehr prominent ein. Inwiefern war es denn eine bewusste Entscheidung, ein »typisch österreichisches« Instrumente in neues Gewand zu packen?
Eigentlich gar keine. Die Ziehharmonika ist einfach eines meiner Lieblingsinstrumente und wird echt oft schrecklichst verwendet. Also in ganz traditioneller Volksmusik kann sie eh wunderschön sein, aber ich war auch schon immer großer Fan von ihr in Popmusik. Da kann man sie toll verwenden. Jemand hat mir mal auf Instagram geschrieben, dass sich der Song anfühlt, als wäre er aus dem Film »Die fabelhafte Welt der Amélie«. Das nehme ich als Kompliment, weil der Soundtrack des Films ein gutes Beispiel für eine fantastisch eingesetzte Ziehharmonika ist.
Ein anderer Song auf deinem Album ist Gustav Klimts »Der Kuss« gewidmet. Wie ist dieser entstanden?
Die Geschichte klingt wahnsinnig dahergelogen, aber ich habe immer gedacht, dass das Gemälde völlig überbewertet ist. Nicht schlecht, aber auch nicht so gut, dass es auf Tausende T-Shirts und Kaffeetassen gedruckt werden muss. Und dann war ich irgendwann mit Freunden im Belvedere und stand vor dem »Kuss«. Auf einmal habe ich verstanden, wieso das Bild so berühmt ist. Diese Intimität hat mich total berührt in dem Moment und in der Sekunde ist mir der Refrain in den Kopf gepoppt. Dann habe ich mich mit meinem Handy in eine Ecke des Museums gehockt, die Melodie eingesungen und meinen Freunden gesagt: »Das war’s mit meinem Museumsbesuch, ich muss ein Lied schreiben gehen.« Der Song ist aus mir rausgeplätschert. Das passiert nicht immer, aber war echt ein guter Moment.
Auf deiner kommenden Tour stehen unter anderem Paris und Straßburg am Kalender. Wie kam es zu diesen Ausflügen nach Frankreich?
Straßburg kam über das Förderprogramm »NASOM (The New Austrian Sound of Music)« zustande. Da wurde ich dieses Jahr aufgenommen. Bei Paris ist einfach eine Anfrage reingekommen, aber auch da ist die Förderung wichtig, weil die natürlich bei solchen Sachen finanziell hilft. Es ist einfach sehr teuer, eine ganze Band einfliegen zu lassen.
Abgesehen davon geht es in zahlreiche deutschsprachige Städte. Wie bereitest du dich auf die Tour vor?
Ich habe nach dem Releasekonzert kurz mit meiner Band geredet, ob wir noch eine Probe vor der Tour brauchen, und weil alles top funktioniert hat, war die Antwort »nein«. Meinerseits gibt es eigentlich keine große Vorbereitung, weil ich Gott sei Dank nicht auf der organisatorischen Seite stehe. Wenn ich da stehen würde, wäre die Tour ein Horror. Ich darf mich hauptsächlich einfach nur freuen und den Kalender checken, wann es endlich losgeht. Und gesund bleiben sollte ich auch – schauen, dass man nicht zu viel Blödsinn macht.

Das Album »Lost Cause« von Oskar Haag ist am 25. September 2026 bei Lullaby Records erschienen. Die nächsten Konzerttermine des Musikers: 21. Oktober, Graz, Orpheum — 22. Oktober, St. Pölten, Cinema Paradiso — 23. Oktober, Steyr, Röda — 24. Oktober, Klagenfurt, Fritz Club — 28. Oktober, Salzburg, Arge Kultur — 29. Oktober, Innsbruck, Treibhaus — 30. Oktober, München (DE), Volkstheater — 31. Oktober, Dornbirn, Spielboden — 6. November, Straßburg (FR), Karmen Camina — 17. November, Passau (DE), Café Museum — 25. November, Regensburg (DE), Ostentor Kino — 26. November, Kötzting (DE), Bahnhof — 27. November, Nürnberg (DE), Club Stereo — 28. November, Leipzig (DE), Moritzbastei — 29. November, Jena (DE), Trafo — 30. November, Dresden (DE), Ostpol — 2. Dezember, Berlin (DE), Berghain Kantine — 3. Dezember, Hamburg (DE), Hebebühne — 4. Dezember, Wuppertal (DE), Loch — 7. Dezember, Köln (DE), Jaki — 8. Dezember, Mainz (DE), Schon Schön — 9. Dezember, Stuttgart (DE), Merlin — 10. Dezember, Augsburg (DE), Soho Stage — 11. Dezember, Ulm (DE), Roxy — 12. Dezember, Zürich (CH), X-tra Musikcafé — 10. März 2027, Paris (FR), Supersonic.