Grenzen überwinden – UK und EU im musikalischen Austausch

Popkulturell war das Vereinigte Königreich nie besonders gut darin, auf seinen Inseln zu bleiben. Mit dem Brexit bekam dieser kulturelle Bewegungsdrang allerdings einen ordentlichen Dämpfer. Ein Blick auf das diesjährige Waves-Vienna-Gastland, auf alte Grenzen und neue Wege.

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Von Britpop und Dubstep bis hin zu Heavy Metal und Drum ’n’ Bass – zahlreiche musikalische Strömungen haben ihren Anfang im Vereinigten König­reich ge­nommen. Was davon über den Ärmelkanal geschwappt ist, hat nicht zuletzt auch die europäische Musik­­landschaft maßgeblich mitgeprägt. Aber welche Aus­wirkungen hat es, wenn dieses popkulturelle Schwergewicht nicht mehr am selben Tisch sitzt? In einem vereinten Europa hat man fast schon vergessen können, dass nicht nur Waren, sondern auch Kultur Grenzen passieren muss. Durch den Brexit ist dieser romantische Zustand rasant von einer neuen Realität abgelöst worden. Wobei dieses »rasant« natürlich in staats­tragenden Maßstäben zu verstehen ist. Am 23. Juni 2016 haben 51,9 Prozent der britischen Wähler*innen für den Austritt aus der Europäischen Union abgestimmt. Bis zum tatsächlichen Austritt sind dann aber noch dreieinhalb Jahre vergangen.

Should I Stay or Should I Go?

Heute, weitere sechs Jahre später, lässt sich recht gut resümieren, was passiert, wenn aus einer kurzen, unkomplizierten Anreise zu einem Gig plötzlich eine bürokratische Irrfahrt inklusive finanzieller Zerreiß­probe wird. Hannes Heide beschäftigt sich mit den Auswirkungen dieser neuen alten Hürden. Der österreichische EU-Abgeordnete sitzt im Ausschuss für Kultur und Bildung des Europäischen Parlaments und kennt den Kulturbetrieb auch abseits politischer Sitzungsräume, vor seiner Zeit in Brüssel war er nämlich unter anderem als Tour­manager von Hubert von Goisern tätig.

Hannes Heide, EU-Abgeordneter (Bild: Europäische Union)

Seine Bilanz fällt wenig überraschend aus: »Die Kosten sind exorbitant ge­stiegen.« Gut, dem ließe sich entgegnen: Wo nicht? Doch Heide meint nicht die übliche Teuerung. »Kabotage, ein Begriff, den man in der Europäischen Union längst schon vergessen geglaubt hat, ist beispielsweise wieder auf­getaucht«, so der Politiker. Das bedeutet, dass ein britischer Lkw nicht mehr einfach so wochenlang Equipment von Konzert zu Konzert quer durch Europa kutschieren darf. Bereits nach wenigen Tourstopps muss man mitunter auf den Transport durch ein europäisches Unternehmen umsteigen. Und das im Prinzip nur, weil das Vereinigte Königreich nicht mehr Teil des gemein­samen EU-Binnen­markts ist.

Grenzen kosten

Was auf den ersten Blick eher nach nerviger, aber machbarer Bürokratie klingt, schlägt sich schnell in tatsächlichen Kosten nieder. Zu Umlademanövern kommen die Zollformalitäten für Equipment und Instrumente, Arbeits­genehmigungen und Einreise­bestimmungen. »Das trifft vor allem Nachwuchs­künstler*innen, die sich dadurch eine Tour einfach nicht mehr leisten können«, erläutert Heide. Er spricht dabei bewusst nicht nur von den New­comer*innen des Inselstaates, denn: »Kultureller Austausch ist keine Ein­bahnstraße. Sowohl Künstler*innen aus dem UK als auch aus EU-Ländern verlieren hier Mög­lichkeiten.«

Für beide Seiten stellt sich seit dem Brexit schnell die Frage, ob am Ende der Mehrwert einer Tour auf die andere Seite der gemeinsamen Grenze oder die dazugehörige Rechnung höher ausfällt. Bei einem Besuch in Edinburgh sei dem EU-Abgeordneten etwa vorgerechnet worden, mit welchen Zusatzkosten ein Auftritt in Schottland für ein österreichisches Orchester verbunden wäre. Die ziemlich ernüchternde Summe lautete 30.000 Pfund. Wenn man seinem Publikum also ungern einen Brexit-Aufschlag in den Ticketpreis ein­rechnen möchte, wird aus einer Chance eher ein Verlustgeschäft.

Don’t Stop Me Now

Ewig darüber zu sprechen, welche Steine der Brexit den Kulturschaffenden in den Weg gelegt hat, bringt aller­dings auch niemanden zurück auf die Bühnen. Deshalb setzt sich die britische Lobbyistin Gill Morris im Zuge der Kampagne »Carry on Touring« für bessere Tourbedingungen zwischen dem Vereinigten König­reich und der EU ein. Wenn es nach Morris ginge, bräuchte es gar keine große Reform, um Musiker*innen das Leben einfacher zu machen: »Wer keinen EU-Pass besitzt, darf sich innerhalb von 180 Tagen nur neunzig Tage im Schengenraum aufhalten. Das passiert bei Crews schnell einmal. Mit dem sogenannten A1-Zertifikat müssen sie aber ohnehin nachweisen, dass sie dort nur für absehbare Zeit beruflich unterwegs sind. Würde man diesen Beleg für eine Ausnahme von der Neunzig-Tage-Regel nutzen, wäre Artists schon enorm geholfen.«

Gill Morris, Lobbyistin (Bild: privat)

So unrealistisch scheint dieser Vorschlag nicht zu sein. Hannes Heide hat den Eindruck, dass es jedenfalls nicht an Ideen für Lösungsansätze fehlt. Eine weitere wäre, das Vereinigte Königreich wieder stärker in EU-Förderprogramme für den Kultur- und Kreativsektor wie Creative Europe einzubinden. Länder wie Norwegen zeigen, dass man durchaus auch von außerhalb der Union an euro­päischen Initiativen teil­nehmen kann. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat das Vereinigte Königreich mit der nächstjährigen Rückkehr zu Erasmus+ immerhin schon getan.

Dass es bei anderen Programmen und neuen Regelungen noch stockt, liegt für den Politiker nicht an einer grundsätzlichen Abneigung. Dort, wo Zu­ständig­keiten zwischen EU, Mitgliedsstaaten und britischen Behörden aufgeteilt sind und Zoll- sowie Steuerregeln von Land zu Land variieren, fühle sich am Ende einfach niemand so recht verantwortlich. »Es hakt schlichtweg an der Ver­komplizierung auf der Beamt*innen­ebene«, fasst Heide das Problem zusammen.

Türen öffnen

Die Musikszene schläft nicht und Newcomer*innen sprießen weiterhin allerorts empor. Also braucht es Wege, kulturellen Austausch auch unter den neuen Voraussetzungen zu er­möglichen. Becci Scotcher verantwortet bei der britischen PRS Foundation Förder­programme für Musiker*innen, um trotz der widrigen Umstände erste Schritte in inter­nationale Märkte machen zu können. Eines davon ist der Inter­national Showcase Fund, der UK-Acts bei Auftritten außerhalb des Landes finanziell unterstützt. Dass gerade Showcase-Festivals in der Branche eine immer größere Rolle spielen, habe einen praktischen Grund, erklärt Scotcher: »Innerhalb weniger Tage treffen Artists dort auf Labels, Presse, Booker*innen und inter­nationale Musiker*innen. Es geht dort weniger darum, einen weiteren Auftritt verzeichnen zu können, als darum, einen Plan für die Zukunft zu entwickeln.«

Sie betont aber auch, dass Fördergeld zwar Türen öffnen, aber nicht auto­matisch eine Karriere erkaufen kann: »Das Musikgeschäft basiert stark auf Beziehungen. Es ist wichtig, einander immer wieder zu begegnen.« Neben Showcases können sogenannte Residencys einen Rahmen für Songwriting-Sessions, Meetings oder langfristige Zusammen­arbeit schaffen. So verbrachte zum Beispiel Oskar Haag im Rahmen der Waves Vienna UK Residency dieses Frühjahr einen Monat im Vereinigten Königreich.

Zusammen europäisch

Nationale Förderprogramme und Initiativen können vereinzelte Reisen er­möglichen und Kosten abfangen. Die Strukturen dahinter können sie allerdings nur bedingt ersetzen. Auch Scotcher spricht sich für die Teilnahme an euro­päischen Programmen aus – vor allem aufgrund der Netzwerke, die sich dadurch bilden: »Wenn die Artists Kontakte benötigen, um irgendwann einmal Head­liner*innen zu werden, brauchen sie auch die Möglichkeit, diese zu knüpfen. Weniger Austausch bedeutet eben nicht nur, weniger Konzerte zu spielen.«

Becci Scotcher, Fördermanagerin (Bild: Jana Jackson)

Trotz sämtlicher Baustellen, an denen noch gewerkelt werden muss, blickt niemand von unseren Ge­sprächs­partner*innen völlig pessimistisch auf die kommenden Jahre. Beim ersten UK-EU-Gipfel 2025 sind die Probleme rund um den kulturellen Austausch zum gemein­samen Thema gemacht worden. Seitdem laufen die Gespräche weiter. Und auch der neue Mann in der Downing Street schadet dem Optimismus nicht. Premier­minister Andy Burnham gilt als Unter­stützer der britischen Musik- und Clubkultur, der nicht erst über­zeugt werden muss, dass auch Kultur politisch rele­vant ist.

Bis sich zeigt, welche Lösungs­vorschläge den Sprung in die Umsetzung schaffen, wird der Austausch eben weiterhin auf persönlicherer Basis in die Hand ge­nommen. Zu Waves Vienna 2026 sind jeden­falls wieder zahlreiche UK-Acts eingeladen und sie werden dort auf andere junge Talente aus ganz Europa treffen. Denn: »Geografisch ist das Ver­einigte König­reich weiterhin europäisch«, so Becci Scotcher. »Jetzt gilt es, an dieser Verbindung festzuhalten.« Oder wie es vier Briten mit Topf­schnitt schon 1969 gesungen haben: »Come together!« Am besten right now.

Unter dem Titel »UK’s Premier Showcase Hubs« werden im Zuge der Waves Vienna Conference am 2. Oktober um 13:30 Uhr in der Albert Gallery die wichtigsten Plattformen für aufstrebende Acts im Ver­einigten König­reich präsentiert. Danach heißt es um 15 Uhr in der Albert Hall beim Panel »Rethink, Rework, Reassemble: The Future of UK-EU Cultural Exchange«, sich über dieses neue Verhältnis auszu­tauschen. Und im Anschluss, um 16:15 Uhr, kann man dann am selben Ort die UK-Delegates bei einem Get-together treffen.

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