„Ich will mich nicht verkaufen müssen.“

Würden Haneke und Seidl heute beginnen, hätten sie keine Chance. Denn der Politik und dem ORF sind tendenziell immer mehr Quote und Marktwert wichtig. Neues und Unbekanntes wird einfach zensuriert. Meint Maria Hofstätter im Interview.

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Narrenfreiheit, Mut und Bauchgefühl. Das sind die Werte nach denen die Schauspielerin Maria Hofstätter geht, wenn sie sich für einen Job entscheidet. In großen Theatern zu arbeiten – danach hat sie sich nie gesehnt. „Dort spüre ich ein starkes Konkurrenzverhalten. Sonst kriegst keine Rolle. Damit geht viel positive Energie verloren“, sagt Hofstätter im Interview. Solchen hierarchischen Strukturen ist sie schon als junge Frau beim Umzug aus ihrem Dorf nach Linz und später Wien bewusst entgangen.

Deshalb liegt ihr Hauptaugenmerk in der Off-Theaterszene. Ein kleiner, für sie erfüllender Bereich und „ein Ventil mit dem ich loswerden kann was mich stört oder mir am Herzen liegt.“ Die 48-Jährige kam zufällig zu ihrem Beruf. „Es war nie meine innerste Absicht Schauspielerin zu werden“, erinnert sie sich. In Jugenddramen habe sie sich vorher befunden „wo alles so grauslich und schirch ist. Doch plötzlich waren da Gleichgesinnte, mit denen ich auf der Bühne etwas erzählen konnte. Dafür gabs sogar Applaus. Und dann war alles gut.“

Nachdem es 1983 eine betrunkene Wette und nicht die Schauspielschule war, die Hofstätter erst auf die Bühne brachte, ist ihr die Arbeit heute alles andere als wurscht. Für die Rolle in Ulrich Seidls Film „Hundstage“, in dem sie eine wie sie sagt „verrückte Autostopperin“ spielt, hat sie sich lange vorbereitet. Um so glaubwürdig wie möglich zu wirken blieb sie sogar am Set hinter der Kamera in der Rolle der geistig zurückgebliebenen Anna. Und für die Figur der erzkonservativen Katholikin Anna Maria in Seidls neuem Kinofilm „Paradies: Glaube“, der seit 11. Jänner läuft, pilgerte Hofstätter sogar in ein Mariazeller Kloster, um zu beten. Und ihr Engagement hat sich gelohnt, denn im März erhält die Oberösterreicherin den diesjährigen Großen Schauspielpreis der Diagonale. Für ihre schauspielerische Vielseitigkeit, Wandelbarkeit und ihren leidenschaftlichen Einsatz, wie es von der Jury heißt.

Politik und ORF nicht mutig genug

Das Bad in der Menge genieße sie aber nicht. Lieber bliebe sie unbelästigt und wolle nicht dauernd in den Medien mit Privatfotos erscheinen. „Davor hab ich ein bisschen Angst“, bekennt Hofstätter. Was sie außerdem nicht möge ist zu warten, bis man engagiert wird und sich dafür als Person anpreisen zu müssen. „Da kämpfe ich lieber um Subventionen für meinen Theaterverein. Der wirft zwar keinen Profit ab, ich kann mir aber die Stücke und Kollegen selbst aussuchen. Sich selbst verkaufen zu müssen geht gar nicht.“ Eine andere Form von Luxus eben.

Doch die Subventionsgeber sind nicht mutig genug. „Tendenziell geht es der Politik und dem ORF immer mehr um Quote und Marktwert. Obwohl man aus der Kunstgeschichte weiß, dass heute noch interessante Kunstwerke nichts mit Quote zu tun hatten“, meint die Schauspielerin. Wenn sich Hofstätter an ihre und die Anfänge Michael Hanekes und Ulrich Seidls erinnert, war es eine Zeit der Unerschrockenheit: „Es wurde auch Unbekannten eine Chance gegeben. Nach 30 Jahren merke ich, dass es für Neues immer schwieriger wird Geld zu bekommen.“ Provokation und damit Diskussionsstoff würden dem Publikum nicht zugetraut werden. Streng nach dem Motto: Alles muss allen gefallen. „Es ist eine grausame Art der Zensur und sehr arrogant.“

Zu sehen ist Maria Hofstätter in ihrem nächsten Theaterprojekt „Martha und Anna“ von Dea Loher vom 19.1. bis 24.1. im Alten Hallenbad in Feldkirch, Vorarlberg und von 19.2. bis 23.2. im Theater Nestroyhof in Wien. Näheres unter

www.projekttheater.at

Bild(er) © Mihai M. Mitrea
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